Schauspielerin im Interview : Martina Gedeck: Die Kamera hat mich von Selbstzweifeln befreit

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Martina Gedeck erzählt im Interview, warum sie mit der Schauspielerei gefremdelt hat und wie sie sich davon befreite.

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11. Juni 2020, 14:30 Uhr

Osnabrück | Frau Gedeck, haben Sie sich heute schon über etwas gefreut?

Als ich heute Morgen aufgewacht bin, habe ich mich gleich über dieses unglaubliche Himmelsblau gefreut. Es ist ein betörend schöner Tag heute. Alles blüht und duftet, einfach perfekt. Und ich habe mich über meine Mutter gefreut, die habe ich heute besucht. Sie sah gut aus und hat mir sehr lustige Sachen erzählt.

Wie sieht denn überhaupt ein perfekter Vormittag für Sie aus, wenn Sie nicht gerade arbeiten müssen?

Ich stehe relativ früh auf, mach mir einen Tee und hole die Zeitung. Erst mal schmökere ich ein bisschen in der Zeitung rum.

Das höre ich natürlich gerne.

(Lacht.) Das ist wirklich mein Liebstes – in der Zeitung rumschmökern und einen Tee oder einen ordentlichen Kaffee trinken. Und dann freue ich mich, wenn ich ein paar Sachen im Haushalt erledigen kann. Schon deshalb, weil ich früher dafür nie so viel Zeit hatte. In den letzten Monaten habe ich angefangen, mich um die Dinge im Haus zu sorgen und zu kümmern. Dazu habe ich wirklich eine andere Beziehung gewonnen, das macht mir Spaß. Ich lese aber auch sehr gerne, auch dafür war jetzt viel Zeit. So langsam aber muss ich auch wieder anfangen, mich vorzubereiten, zum Beispiel für den Oktober, wenn es hoffentlich mit der Arbeit weitergeht.

Sie lesen also Zeitung, bevor Sie den Computer einschalten?

Den Computer schalte ich eigentlich gar nicht ein. Mit meiner Agentin telefoniere ich hauptsächlich, den Computer benutze ich hauptsächlich, um Mails zu schreiben, aber ansonsten ist er für mich nicht wichtig. Ich bin da kein Fan.

Also ist es nicht so, dass Sie sich ab und zu mal selbst googeln oder nachschauen, was es bei Wikipedia über Sie zu lesen gibt?

Nein, das mache ich wirklich nicht (lacht). Das fände ich sehr absurd. Da lese ich lieber die Zeitungsartikel. Oder Bücher. Im Internet finde ich wenig Brauchbares.

Ich habe Sie schon gegoogelt, bei Wikipedia nachgeschaut und noch viel mehr über Sie gelesen. Und da gibt’s ein paar Dinge, die mich stutzig gemacht haben. Zum Beispiel nennt Wikipedia den 14. September 1961 als Ihr Geburtsdatum, in anderen Medien finden sich aber andere Daten. Machen Sie sich einen Spaß daraus, uns alle zu verwirren?

(Lacht.) Nein, damit habe ich mich eigentlich gar nicht beschäftigt. Von mir aus kann es jeder halten, wie er’s möchte. Ich selbst habe niemandem mein Alter gesagt.

Foto: dpa/Carsten Koall
picture alliance/dpa
Foto: dpa/Carsten Koall


Was schreibe ich denn dann?

Das können Sie halten, wie Sie wollen. Schreiben Sie doch: geboren im vorigen Jahrhundert (lacht).

Einen Satz, den Sie wahrscheinlich nur einmal in Ihrem Leben gesagt haben, habe ich gleich mehrfach gelesen: „Mein Publikum will doch gar nicht wissen, wie viele Spiegeleier ich mir morgens brate.“

Das ist bestimmt schon 20 Jahre her, dass ich das gesagt habe. Aber es ist offenbar ziemlich griffig.

Soll wohl heißen: Meine Spiegeleier gehen niemanden etwas an, oder?

Ich glaube, dass das Publikum stärker an den Früchten meiner Arbeit interessiert ist als an meinen kulinarischen Gewohnheiten. Man ist durch bestimmte Filme auf mich aufmerksam geworden, bei denen der Film das Ereignis war und ich ein Bestandteil davon. Es hat sehr lange gedauert, bis es einen Wiedererkennungswert gab, was meine Person angeht. Ich bin immer mit dem jeweiligen Produkt in Erscheinung getreten – deswegen bin ich davon überzeugt, dass es die Leute weniger interessiert, wie ich lebe und wer ich privat bin. So erlebe ich es auch immer wieder, wenn ich mit meinem Publikum in Kontakt komme. Wenn man vom Theater kommt, ist man es gewohnt, dass man hinter einer Rolle verschwindet.

Letztes Zitat, bevor ich anfange, Sie damit zu nerven: Bei Wikipedia heißt es, Sie seien ohne Fernseher in der Familie aufgewachsen. Woanders lese ich, dass Sie mit Begeisterung Serien wie „Bonanza“, „Bezaubernde Jeannie“ oder „Laurel & Hardy“ geguckt hätten.

(Lacht.) Das habe ich alles bei meiner Großmutter gesehen, bei ihr durften ich und meine Schwestern ferngucken. Ihr war das egal, also haben wir bei ihr viel gesehen. Meine Eltern haben erst sehr spät einen Fernseher gekauft, da waren wir schon in Berlin, und ich war zehn. In Bayern in den Jahren davor haben wir eigentlich nur bei der Großmutter ferngesehen.

War es eine dieser Serien, die bei Ihnen den Wunsch ausgelöst hat, Schauspielerin zu werden?

Natürlich war ich von Filmen fasziniert, gar nicht unbedingt von diesen Serien. Aber am meisten beeindruckt hat mich ein Theaterstück, das ich mit der Schule in Landshut gesehen habe. Es war ein Märchen, in dem Pflanzen und der ganze Wald anfingen zu sprechen und sich zu bewegen. Das waren natürlich verkleidete Schauspieler, aber als Kind habe ich das nicht unterscheiden können. Für mich war das, als ob meine ganze Fantasiewelt zum Leben erweckt würde. Da ist im Theater genau das passiert, was ich mir heimlich immer vorgestellt hatte. Und ich dachte: Siehst du, ich hatte doch recht (lacht). Deswegen habe ich dahin gewollt, seit diesem Moment fühlte ich mich davon angezogen.

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imgao images/Mary Evans


Zur Schauspielerei haben Sie aber einen Umweg genommen und erst mal Germanistik, Geschichte und Politologie studiert. Wollten Sie Lehrerin werden?

Ich war von Kindheit an vom Lesen fasziniert und habe Bücher regelrecht verschlungen. Ich wäre gerne Geisteswissenschaftlerin geworden, didaktisch war ich nicht wahnsinnig begabt. Die Schwierigkeit bei dem Studium war, dass ich nicht genau wusste, woraufhin ich eigentlich studiere. Ich wusste, dass ich nicht Lehrerin und auch nicht Journalistin werden will, aber ich wusste nicht genau, was ich werden will.

Als Schauspielerin hatten Sie erst einmal Selbstzweifel – Sie haben mal gesagt: „Ich habe eine große Scham gehabt, in den Beruf einzusteigen, weil ich dachte, dass ich es nicht kann.“

Wenn es in der Familie keine Vorbilder gibt und man nicht quasi mit der Bühne aufgewachsen ist, weiß man gar nicht, was auf einen zukommt. Ich gehörte auch nicht zu denen, die ungeheuer selbstbewusst sind, sondern dachte, dass ich erst mal gucken muss, wie das geht. Gerade als Schauspielerin steht man ja mit seinem ganzen Instrumentarium, dem Körper, dem Geist und der Seele, auf der Bühne und zeigt sich. Am Anfang ist es sehr ungewöhnlich, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen und von allen angeschaut zu werden. Das kann schon etwas Einschüchterndes haben, da fühlt man sich erst mal unwohl und möchte eigentlich nicht beobachtet werden. Das ist eine ganz natürliche Reaktion, die sich im Laufe der Zeit natürlich auflöst.

Gab es einen Moment, in dem Sie gespürt haben: Jetzt ist es weg, dieses Unbehagen?

Das hatte schon sehr stark mit dem Drehen zu tun. Ich muss sagen, dass die Kamera mich eigentlich befreit hat. Das ist ein relativ neutrales schwarzes Auge, das einen begleitet. In dem Moment, in dem die Kamera läuft, ist alles andere nicht mehr erlaubt. Das heißt: Ich sehe niemanden mehr, der mich anschaut – außer der Kamera. Deshalb fühlte ich mich vor der Kamera eigentlich immer sehr unbeobachtet. In dem Moment, in dem ich mit der Kamera und einer Spielsituation völlig alleine bin, kann ich mich auch fallen lassen.

Gibt es heute noch Momente, in denen Sie Selbstzweifel verspüren und denken: Ich weiß nicht, ob ich das kann?

Nein, dazu habe ich zu viel gemacht, fast 200 Filme. Können heißt, dass ich entspannt bin und meine Texte kann, darum muss ich mich kümmern, dafür kann ich sorgen. Auch wenn ich immer noch ab und zu träume, dass ich einen Text nicht kann.

Jetzt war es ja so, dass Theater und Kinos monatelang geschlossen hatten. Gehören Sie zu den Menschen, die deshalb mehr Zeit vor dem Fernseher verbracht haben?

Überhaupt nicht. Das Einzige, was ich früher nie, jetzt aber immer gesehen habe, war die „Tagesschau“ und die anschließenden Sondersendungen. Das hat mich wirklich interessiert. Und ich habe mir nach seinem Tod ein paar Filme mit Michel Piccoli angesehen, weil ich diesen Schauspieler geliebt habe.

Wird es denn jetzt eine neue Filmästhetik geben? Mit mehr Abstand zwischen den Leuten? Oder verliert sich das wieder?

Ich glaube, dass es beides geben wird. Es wird sicher Filmemacher geben, die diese Realität auch abbilden wollen und die Corona-Krise zu einem Teil ihres Films machen. Andererseits versuchen die normalen Fernsehserien, es möglichst ungebrochen hinzukriegen, damit es so aussieht wie vorher auch. Die Filmemacher, zu denen ich Kontakt habe, sagen, dass sie für ihre Filme die Distanzlosigkeit brauchen. Wobei die Auflagen, unter denen Dreharbeiten jetzt stattfinden, horrend schwierig sind. Mit diesen Auflagen kann man eigentlich keinen Film drehen, der eine normale Geschichte erzählt. Dabei geht es nicht nur um Liebesszenen und das Küssen, sondern bis hin zu Szenen, in denen Schüler in der Klasse sitzen – das geht ja alles nicht mit 1,50 Meter Abstand. Man muss also eine Situation schaffen, in der dieser Abstand nicht eingehalten werden muss.

Nähe fängt ja schon in der Maske an.

Meines Wissens arbeiten bei den Daily Soaps, die jetzt wieder gedreht werden, die Maskenbildner nicht mehr an den Schauspielern. Die Schauspieler schminken sich selbst, und die Maskenbildner stehen an der Seite und haben sozusagen die Aufsicht.

Würden Sie zurzeit mit einem guten Gefühl zu einem Filmset fahren, oder wären Sie eher skeptisch?

Ich würde sehr gerne drehen, wäre aber auf jeden Fall sehr vorsichtig und würde mich, so gut es geht, schützen und Situationen, in denen es um Nähe geht, im Vorfeld abklopfen. Ein Drehbuch müsste man auch verändern können, das ist die spannende Frage: Wie kann man Szenen drehen, ohne dass man sich so nah kommen muss? Aber ich hätte kein Problem damit, nicht mehr vor jeder Szene abgetupft zu werden oder mich morgens selbst um meine Garderobe und Maske zu kümmern, das kann man gut auch selbst schaffen. Unter diesen Bedingungen zu arbeiten stelle ich mir sehr spannend vor.

Würden Sie Bedingungen stellen?

Die Schauspieler müssen getestet werden – wobei die Tests ja auch keine hundertprozentige Sicherheit garantieren. Ich finde nicht, dass man unter solchen Bedingungen drehen kann und muss, aber wenn es denn sein sollte, kann ich es mir so vorstellen: Ich würde das Team so klein wie möglich halten und alle, auch die Schauspieler, in einem Gebäude zusammenbringen, das unter Quarantäne gestellt wird, und versuchen, unter diesen „Internatsbedingungen“ innerhalb von zwei Wochen in diesem Gebäude einen Film zu drehen. Also arbeiten und wohnen am selben Ort. Damit alle in einem Boot sitzen und sich keine Gedanken machen müssen, wer in seiner Freizeit mit wem zusammen war. Nach zwei Wochen sollte es dann aber auch vorbei sein.

Gibt es einen Ort auf der Welt, an dem Sie die letzten drei Monate am liebsten verbracht hätten?

Zu Hause. Wenn so etwas ist, will man doch nach Hause. Da möchte ich in meinen eigenen vier Wänden sein und meine Dinge um mich herum haben.

Wenn Ihr Film „Herzjagen“ läuft, ist die Corona-Krise drei Monate alt. Es geht um eine Frau, deren Heilung von einer Herzkrankheit sie in eine Krise stürzt. Wie finden Sie den Zeitpunkt der Ausstrahlung?

Ich finde ihn gut, besser sogar als vor der Krise, weil jetzt viele Menschen mit einer Krise beschäftigt und damit konfrontiert sind, dass sich ihre Lebenssituation radikal verändert hat. Das ist ja genau das, was dieser Caroline Binder auch passiert, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Sie wird damit konfrontiert, dass ihr Leben ein anderes ist als vorher. Sie kommt nicht damit zurecht, dass ihr Herz heruntergefahren und dann wieder hochgefahren wird und sie wieder funktionieren soll – das erlebt der eine oder andere jetzt wahrscheinlich auch. In einer Krise werden wir ja auch immer mit unserer eigenen Endlichkeit konfrontiert und fragen uns, was wir vielleicht anders machen möchten.

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BR/ORF/Lotus-Film/Hubert Mican


Meinen Sie nicht, dass es dem einen oder anderen Zuschauer ein bisschen zu viel Krise wird, wenn er nach der „Tagesschau“ jetzt „Herzjagen“ sieht?

Das kann schon sein. Ich habe nach der „Tagesschau“ jetzt auch schon mal „Let’s Dance“ geguckt, um einfach mal auf andere Gedanken zu kommen. Aber „Herzjagen“ ist ja auch kein Film, in dem jemand Krebs hat und dann langsam stirbt, sondern Caroline ist eine Frau, die aufgrund ihrer Krankheit sehr reduziert gelebt hat und jetzt auf einen Arzt trifft, der sagt: Sie werden operiert, und danach sind Sie gesund, können alles wieder machen, Ihrem Beruf nachgehen und ein ganz neues tolles Leben beginnen. Das ist ja das Spannende an dem Film, dass es jemand nicht packt, gesund zu sein.

Solche Probleme hätten andere Menschen vermutlich gern.

Weiß ich nicht. Sie ist ja zwischenzeitlich klinisch tot, das Herz wird quasi abgeschaltet, sie erlebt einen Lockdown ihres Herzens. Das ist etwas, was der Körper und die Seele trotz Narkose natürlich miterleben, dadurch findet eine Traumatisierung statt, die der Mensch selbst gar nicht begreift. Caroline wird ja überwältigt von diesen Gefühlen, das geht so schnell, dass sie da gar nicht mitkommt. Wenn man sich ein Bein bricht, dauert es acht Wochen, bis man wieder laufen kann. Bei ihr geht es von einem Tag auf den anderen.

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BR/ORF/Lotus-Film/Felipe Kolm


Sie haben die Regisseurin und Drehbuchautorin Elisabeth Scharang kennengelernt, als sie mit Ihnen ein Radio-Interview führte und die Gelegenheit nutzte, Ihnen ihr Drehbuch ans Herz zu legen.

Ja, ich habe mir daraufhin ihren Film „Jack“ über einen Serienmörder angesehen und fand ihn wirklich aufregend. Ich fand auch das Projekt „Herzjagen“ spannend, das ja die Verfilmung eines Romans von Julya Rabinowich ist. Aber es hat dann noch fast vier Jahre gedauert, bis wir es dann auch gedreht haben.

Die von Ihnen gespielte Caroline ist die zentrale Figur in diesem Film – also die Figur, mit der sich das Publikum normalerweise identifiziert. In diesem Fall ist es nicht ganz so einfach – ihr Leiden, mit einer Heilung zu hadern, ist schwer zu vermitteln.

Das würde ich so nicht sagen. Was sie sagt, ist: Ich funktioniere nicht. Und ich mache das jetzt nicht für euch und bin nicht wieder ganz die Alte. Dadurch erleben wir ihren Mann und ihre Umwelt als diejenigen, die sagen: Was ist denn nur mir ihr los? Sie ist doch wieder gesund, was hat sie denn überhaupt für ein Problem? Warum kriegt sie denn plötzlich Panikattacken? Sie trifft also auf völliges Unverständnis – und ich muss da sagen: Ich bin eher auf ihrer Seite. Manche Menschen funktionieren eben nicht in den Schubladen, in die man sie steckt. Und auch nicht so, wie sie es selber wollen. Caroline wäre ja froh, wenn sie nicht diese Angstzustände hätte. Aber die hat sie nun mal und ist damit für ihre Umwelt nicht besonders bequem.

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BR/ORF/Lotus-Film/Petro Domenigg


Auch zu Ihrem Arzt und Operateur hat sie ein ziemlich angespanntes Verhältnis.

Ja, weil sie sagt: Sie sind mein Ansprechpartner, Sie haben mich behandelt, aber ich lasse mich nicht behandeln wie ein Objekt, an dem man ein bisschen chirurgische Arbeit erledigt, und damit ist die Sache gegessen. Sie wendet sich an ihn mit allem, was ihr Herz betrifft, und er sagt: Ich bin dafür nicht mehr zuständig, lassen Sie mich in Ruhe. Da greift der Film ein tatsächliches Problem auf, nämlich, dass die Begegnung zwischen Arzt und Patient heute oft auf eine sehr objekthafte, theoretische Art abläuft und es nicht mehr zu einer empathischen Begegnung kommt. Durch ihre Reaktion darauf bekommt Caroline etwas Bedrohliches und bekommt natürlich auch für den Zuschauer etwas Unwägbares. Man wird von ihr hin und her geschüttelt, das macht es für die Zuschauer nicht bequem.

War Ihnen diese Frau fremd, als Sie das Buch gelesen haben?

Ja, das war sie. Mir war vieles sehr fremd und unverständlich. Aber ich habe mich dann viel mit dem Krankheitsbild, dem postoperativen Delir, beschäftigt, das mit Panikattacken und Nervenzusammenbrüchen einhergehen kann.

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BR/ORF/Lotus-Film/Felipe Kolm


Finden Sie es reizvoll, Menschen zu spielen, die Ihnen fremd sind? Oder spielen Sie lieber Wesensverwandte?

Fremde Anteile sind eigentlich immer da. Wenn eine Figur zu offen ist und es für mich reicht, so zu sein, wie ich bin, würde mich das irritieren. Ich finde es wichtig, dass eine Figur eine Struktur hat, die erkennbar ist, auch wenn sie mir nicht gleich einleuchtet. Eine Figur sollte klar und stark gezeichnet sein, und das ist diese Caroline Bender. Es macht ja nichts, wenn ich mich in eine Figur hineinbewegen muss. Und wenn mir eine Figur sehr fremd ist, macht es Spaß, sie mir mundgerecht zu machen, bis mir dieser Mensch normal vorkommt.

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imago images/Eibner


Ich hoffe, dass Sie aus eigener Erfahrung Panikattacken und Nervenzusammenbrüche nicht kennen. Wie bringen Sie sich als Schauspielerin dahin, so etwas authentisch zu spielen?

Ich habe natürlich mit Menschen gesprochen, die das selbst durchlebt haben. Da gibt es ja einige. Ich habe mir von einem Analytiker erklären lassen, was da körperlich abläuft, wenn man so eine Panikattacke erleidet. Das war mein Material, an das ich mich gehalten habe.

Zur Person

Martina Gedeck wird nach eigenen Worten „im vorigen Jahrhundert“ in München als älteste von drei Töchtern einer Sekretärin und eines Großhandelskaufmanns geboren. Sie wächst bis zu ihrem zehnten Lebensjahr im niederbayerischen Landshut auf, bevor die Familie 1971 nach West-Berlin zieht. Ein Jahr verbringt sie als Austauschschülerin in New Jersey und absolviert dort einen Schauspielkurs. 1981 macht sie in Berlin ihr Abitur und lässt sich nach einem kurzzeitigen Abstecher zu Germanistik, Geschichte und Politologie an der Hochschule der Künste zur Schauspielerin ausbilden.
Nach einigen Jahren am Theater wird Martina Gedeck von Regisseur Dominik Graf für den Film entdeckt. Rollen in diversen TV-Serien folgen in den 90er-Jahren Auftritte in Kinohits wie „Der bewegte Mann“, „Das Leben ist eine Baustelle“ und „Rossini“. Sie wird bekannt für „harte Vertragsverhandlungen bei Filmproduktionen, lehnt Nacktszenen ab, lässt sich dafür doubeln und mag keine Talkshow-Auftritte“ („Die Zeit“). Im Laufe der Jahre avanciert die vielfach ausgezeichnete Schauspielerin zu einem der größten deutschen Filmstars. 2001 spielt sie eine Paraderolle in Sandra Nettelbecks Film „Bella Martha“, sie hat die weibliche Hauptrolle im Oscar-prämierten Drama „Das Leben der Anderen“ (2006) und ist als Ulrike Meinhof in Uli Edels „Bader-Meinhof-Komplex“ (2008) zu sehen.
Im Hollywood-Thriller „Der gute Hirte“ von und mit Robert de Niro ist sie in einer kleineren Rolle zu sehen. Zu weiteren Höhepunkten ihres Filmschaffens zählen „Die Wand“ (2012), „Nachtzug nach Lissabon“ (2013) an der Seite von Jeremy Irons, „Das Tagebuch der Anne Frank“ (2016) und „Gleißendes Glück“ (2016). Zudem liest sie zahlreiche Hörbücher ein und tritt immer wieder auch mit Lesungen auf. Am kommenden Mittwoch ist sie im Drama „Herzjagen“ (Das Erste, 17. Juni, 20.15 Uhr) in der Rolle einer Frau zu sehen, die durch die Heilung von einer schweren Herzkrankheit aus der Bahn geworfen wird.
Von 1991 bis 1999 ist Martina Gedeck mit dem exzentrischen Schauspieler Ulrich Wildgruber liiert, bis der herzkranke Theaterstar sich das Leben nimmt. Seit 2005 ist sie mit dem Schweizer Regisseur Markus Imboden (Bild) zusammen. Das kinderlose Paar lebt in Berlin.


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