Chef des Vereins "Soko Tierschutz" Dieser Mann lehrt Tierquäler das Fürchten – Interview mit Friedrich Mülln

Von Dirk Fisser | 06.05.2021, 16:18 Uhr

Egal ob Ställe oder Schlachthöfe: Der Verein "Soko Tierschutz" deckt Tierqualen auf. Chef Friedrich Mülln im Interview.

Zuletzt war es das Bild einer Krähe: Ein Kabel ist an das Gehirn des Vogels angeschlossen. Wissenschaftler nutzen das Tier für Versuche. Friedrich Mülln hat dafür gesorgt, dass diese Aufnahme publik wurde. Die Empörung war – wieder einmal – groß. Mülln ist Vorsitzender und Gesicht des Vereins "Soko Tierschutz".

Seit Jahren veröffentlicht Mülln teils schockierende Aufnahmen, die tatsächliche oder mutmaßliche Tierquälerei in Tierversuchslaboren, Ställen oder Schlachthöfen zeigen. Die Bilanz des Tierrechts-Aktivisten: Bislang wurden allein aufgrund der Aufnahmen von Soko Tierschutz unter anderem zahlreiche Schlachthöfe in Deutschland vorübergehend oder ganz geschlossen, darunter ein Rinderschlachthof in Bad Iburg oder ein Betrieb in Selm, in dem offenbar Tiere ohne Betäubung geschlachtet worden waren.

Im Interview spricht Mülln über seine Arbeit. Er berichtet, wie solche Aufnahmen entstehen, warum er glaubt, dass wir alle vegan leben sollten und gibt Einblick in die Finanzen seines Vereins.

Das Interview mit Mülln können Sie sich hier anhören:

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Herr Mülln, fangen wir mal mit dem Namen an: "Soko Tierschutz" – das klingt nach Polizei. Das sind sie aber nicht, sondern ein Verein. Wieso dieser Name?

Der Name hat seinen Ursprung aus meiner Zeit in Österreich. Da gab es eine Ermittlungsgruppe der Polizei mit dem Namen "Soko Tierschutz", die in der österreichischen Tierschutzszene hart durchgreifen wollte. Am Ende sind die Vorwürfe in sich zusammengefallen. Was geblieben ist, ist der Name: Wir haben den Namen übernommen: Eine "Soko Tierschutz", die sich für Tiere einsetzt.

Sie sehen sich ja offenbar selbst als eine Art Polizei und sprechen von Ermittlungsarbeit.

Das ist ja auch Ermittlungsarbeit, die wir leisten. Da zollen uns selbst die Profis von der Polizei immer mal wieder ihren Respekt. Aber ich muss auch sagen: Man sieht bei unserer Arbeit sehr viel Grausiges, muss sehr viel ertragen, braucht viel Geduld und muss manchmal sagen: Das schaffe ich jetzt einfach nicht.

Wer sind denn Ihre Hinweisgeber? Sie werden ja nicht auf Verdacht auf der Lauer liegen…

Die kommen häufig aus der Branche. Das ist schon faszinierend. Auf einer Demonstration stünden wir ja auf zwei unterschiedlichen Seiten: Hier die Bauern oder Schlachter, dort die Tierrechtler. Aber in uns sehen viele Leute offenbar eine Anlaufstelle, die sagen: 'Ich halte das nicht mehr aus.' Häufig sagen die auch, dass es ja nichts bringen würde, sich an die Behörden zu wenden. Ich habe gerade erst auf dem Handy einen neuen Hinweis bekommen, den wir jetzt prüfen. Bestätigt sich der Verdacht und haben wir genug Beweismaterial, wenden wir uns an die Behörden. Das ist ein gut eingespieltes Vorgehen, das in den vergangenen Jahren zur Schließung von zwölf Schlachthöfen geführt hat.

So wie ein Betrieb in Bad Iburg in Niedersachsen. Sie haben Videos veröffentlicht, die im Innern entstanden sind und die einen schlechten und mutmaßlich gesetzeswidrigen Umgang mit Kühen zeigten. Wie sind Sie da reingekommen mit den Kameras?

Ich selbst war das nicht. Sagen wir mal so: Baumängel und Fingerfertigkeit haben dabei geholfen, Mini-Kameras in das Gebäude hineinzufädeln. Und in Bad Iburg waren wohl auch Leute im Gebäude selbst und haben Kameras positioniert, es war nicht abgeschlossen.

Wo kam der Hinweis auf den Betrieb her?

Wir waren eigentlich an einem Milchviehbetrieb in Sachsen-Anhalt dran. Da lagen mumifizierte Kühe im Stall. In dem Betrieb gab es öfters sogenannte Downer-Kühe, die also nicht mehr selbst aufstehen können. Die wurden mit einem Trecker rausgeschleift aus dem Stall. Wir sind den Tiertransportern zu einer Sammelstation gefolgt, von wo es dann weiter ging nach Bad Iburg. Es gab immer schon Gerüchte, dass es so etwas wie Kadavertaxis geben soll in der Branche. Das war der Beleg.

Die Aufnahmen gingen über einen Zeitraum von einem Monat. Zu sehen war, wie Dutzende Tiere per Seilwinde in den Betrieb geschleift wurden. Warum sind Sie nicht vorher an die Behörden herangetreten, um das zu stoppen?

Wir haben das Bildmaterial etappenweise bekommen und gesichtet. Da sitzt man Stunden und Tage am PC und guckt sich das Bild für Bild an. Aber was da zu sehen war, habe ich sonst noch nirgends gesehen. Da war sehr schnell klar, dass es eine der schlimmsten Tierschutzfälle aller Zeiten war. Aber wichtig war es auch, eine kritische Masse an Beweismaterial zu haben, um möglichst viele Täter zu erwischen. Ich bin mir sicher: Ohne diese Fülle an Material wäre dieser Schlachthof heute noch da. Das wäre als Einzelfall abgestempelt worden. Die Justiz ist da leider sehr nachsichtig.

Die Ermittlungen gegen Betreiber und Besitzer des Betriebes dauern noch an. Es haben aber diverse Verfahren gegen Transporteure und Landwirte stattgefunden, die kranke Kühe geliefert haben. Sie selbst waren bei den Prozessen als Zuschauer vor Ort. Verschafft Ihnen das Genugtuung, die Verantwortlichen auf der Anklagebank zu sehen?

Jein. Die Strafen sind bislang schon gering ausgefallen. Da muss ich im Gerichtssaal manches Mal an mir halten. Aber vor zehn Jahren war es noch so, dass ich von den Behörden ausgelacht wurde, wenn ich Anzeige wegen Tierschutzverstößen erstattet habe. Das hat sich geändert. Es ist zwar immer noch so, dass Prozesse rund um Tiere nicht so richtig ernst genommen werden. Aber es tut sich was, da ist etwas in Bewegung geraten im Rechtsstaat.

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Sie sprechen immer von Tierschutz. Aber laut Satzung setzt sich ihr Verein ja auch für Tierrechte ein. Das müssen Sie bitte einmal näher definieren, was Sie darunter verstehen.

Für mich ist Tierschutz so etwas wie der Oberbegriff, genau wie bei Menschenschutz und Menschenrechten. Es gibt ja diejenigen, die sagen, wir brauchen keine Tierrechte, sondern nur bessere Gesetze. Die sagen beispielsweise, die Pute braucht ein bisschen mehr Platz im Stall. Von so etwas grenze ich mich als Tierrechtler ganz klar ab. Ich sage: Es gibt für Tiere ein Recht auf Unversehrtheit. Dafür brauchen sie echte Rechte.

Das bedeutet eine rechtliche Gleichstellung von Mensch und Tier. Tierhaltung und damit der Konsum tierischer Produkte wäre damit nicht mehr möglich. Wir müssten alle Veganer werden…

Natürlich, wenn man das mit Tierrechten ernst nimmt, dann muss man zu dem Punkt kommen, dass Tierausbeutung enden muss. Vielleicht gibt es auch Mittelwege, um dieses Ziel zu erreichen: Warum Kühe oder Schafe nicht für die Landschaftspflege einsetzen, ohne sie am Ende umzubringen? Das Fernziel ist eine neue Definition des Verhältnisses von Mensch und Tier.

Gilt das auch für Haustiere? 35 Millionen gibt es davon in Deutschland. Lehnen Sie die auch ab?

Nicht per se. Aber Tierliebe wird schnell zur Tierquälerei. Aber Haustierhaltung ist eng verbunden mit der Tierausbeutung. Denn womit ernähren wir unsere Haustiere? Dieser Diskussion muss sich jeder Hunde- und Katzenbesitzer stellen. Der Mensch ist in der Lage, Dinge erbarmungslos voneinander zu trennen: Auf der einen Seite die liebenswerten Haustiere wie Hund oder Katze. Auf der anderen Seite die tötenswerten Nutztiere wie Kühe oder Schweine. Ich trenne da nicht.

Keine Partei in Deutschland, auch nicht die Grünen, setzt sich dafür ein, die Tierhaltung abzuschaffen…

Naja, so eine Partei würde man ja öffentlich hinrichten. Denken wir doch mal an den Veggieday der Grünen vor einigen Jahren… was war da los an Aufregung! Die Politik ist an der Kette der Ernährungskonzerne. Die sind so mächtig, dass man nicht einmal darüber diskutieren kann, ob einen Tag in der Woche kein Fleisch in der Kantine gegessen werden soll…

Herr Mülln… Anfang des Jahres hat die Politik doch erst mächtig dazwischen gegrätscht, indem sie die Werkverträge in Schlachthöfen nach größeren Corona-Ausbrüchen verboten hat…

Es wussten doch alle, wie die Arbeits- und Lebensbedingungen der Werkvertragsarbeiter waren! Erst als die Pandemie kam, hat man damit aufgeräumt. Als diese Bedingungen einiger Tausend plötzlich zur Bedrohung für das Leben Hunderttausender wurden.

Kürzlich haben Sie auf Facebook einmal nach Mitarbeitern gesucht. Voraussetzung laut Jobbeschreibung: eine vegane Lebensweise. Das sorgte für reichlich Empörung unter ihren Fans auf Facebook. Haben Sie und Ihre Arbeit vielleicht auch eine gewisse Feigenblatt-Funktion für das schlechte Gewissen?

Ja, da muss man sich nichts vormachen. Manche meinen tatsächlich, mit ihrer Spende an den Tierschutz hätte sie ihren Teil geleistet. Eben nicht! Wir konfrontieren die Leute mit ihrer eigenen Verantwortung. Ein Obolus an Tierschutzorganisationen reicht nicht aus. Das sorgt manchmal für hitzige Diskussionen.

Ihre Bilder sind ja oftmals zweifelsohne schockierend. Trotzdem sinkt der Fleischkonsum in Deutschland nur sehr langsam… scheitern Sie mit Ihrer Arbeit?

Die Tierrechtsbewegung gibt es jetzt seit gut 30 Jahren in Deutschland. Schauen wir uns mal den Kampf um Frauenrechte an – wie lange wird da schon gekämpft und immer noch werden Frauen benachteiligt. Wir sind schon weit gekommen. Wenn ich durch Deutschland fahre, dann komme ich immer wieder an Orten vorbei, an denen früher Ställe, Schlachthöfe oder Versuchslabore waren, die geschlossen worden sind. Das ist ein Privileg. Meine Kindheit war schwierig, ich wurde viel gemobbt in der Schule. Da habe ich gelernt, Dinge auszuhalten.

Es gibt Tierrechtler, die brechen auch Gesetze. Inwieweit sind Sie bereit gegen Gesetze zu verstoßen? Das Eindringen in Ställe beispielsweise ist ja zweifelsohne Hausfriedensbruch.

Wir bewegen uns manches Mal sicher im Graubereich. Aber ich stelle mich der Verantwortung. Wir sagen und zeigen, was wir tun. Ich wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder angezeigt, aber nie verurteilt. Wir stehlen nichts, wir beschädigen nichts, das ist unsere Devise. Trotzdem wird versucht unsere Arbeit zu kriminalisieren. Warum? Weil die Tierausbeutungsindustrie Angst davor hat, dass wir die Wahrheit ans Licht bringen.

Lassen Sie uns mal übers Geld reden: 2019 hat die Soko Tierschutz 580.000 Euro an Spenden eingenommen. Der Verein profitiert also erheblich von der Veröffentlichung der Missstände…

Bei uns geht es nicht um den Profit. Über den Vorwurf, dass wir Spenden, ja, vielleicht sogar viel Spenden bekommen, muss ich immer lachen. Wir werden von Leuten finanziert, die sich freiwillig dazu entschieden haben. Wir lehnen sogar aktives Fundraising wie in Innenstädten ab. Die Menschen sehen, was wir machen und geben uns Geld dafür, dass wir damit weitermachen. Über unsere Finanzen informieren wir transparent auf unserer Homepage.

Aber der Verein hat ja schon Angestellte. Sie selbst sind auch angestellt. Was verdient man denn bei Soko Tierschutz?

Die Gehälter bewegen sich im Bereich von 2000 Euro netto pro Monat. Wir machen da keinen großen Unterschied, ob jemand bei uns im Büro sitzt, Interviews gibt oder Tiertransportern hinterherfährt. Ich kenne die Kritik daran, verstehe sie aber auch nicht wirklich: Warum sollten wir unsere Leute nicht fair bezahlen dürfen für die harte Arbeit, die sie leisten?

Werden Sie von den Fernsehsendern bezahlt für die Bilder, die Sie liefern?

Nein! Das wird zwar immer wieder behauptet, das ist aber falsch. "Soko Tierschutz" hat sich entschieden, dass wir grundsätzlich kein Geld von den Medien nehmen. Wir geben unser Bildmaterial kostenlos ab. Ich muss aber auch mal sagen, dass eines unserer größten Probleme der Umgang der Medien mit den Bildern ist.

Inwiefern?

Da herrscht ein Eskalationsprinzip. Die Medien wollen immer härtere Bilder haben. Vor 20 Jahren hat es noch vollkommen ausgereicht, einen Hühnerstall zu zeigen. Später musste es schon einer sein, in dem tote Tiere liegen. Noch später ein Stall, in dem den Tieren das Genick vor laufender Kamera gebrochen wird. Vor dieser Entwicklung graust es mir. Was soll denn noch kommen noch solchen Veröffentlichungen wie beispielsweise Bad Iburg oder Selm? Viele eklatante Probleme im Bereich Tierschutz können wir gar nicht anbringen.

Ist das Ausdruck der gesellschaftlichen Abstumpfung gegenüber der Probleme?

Das ist wohl der Fall. Wir müssen aber auch über die ganz normalen – in Anführungszeichen – Probleme reden. Es sollte nicht immer erst ein großer Skandal sein, bevor wir uns damit befassen.

Würden Sie eigentlich Fleisch aus der Petrischale essen, das kurz vor dem Marktdurchbruch steht?

Ich würde das sicherlich mal probieren. Ich bin kein Fanatiker, der sagt, das könne man nicht essen, weil es in gewisser Weise auf einem Zellhaufen basiert. Für mich ist entscheidend, ob ein Tier Schmerzen empfindet oder ausgebeutet wird. Wenn dem nicht der Fall ist, kann ich gut damit leben. Solches Fleisch wird die Wende bringen, da bin ich mir sicher. In teuren Restaurants und Fastfood-Ketten wird das dann sicherlich angeboten werden.