zur Navigation springen

Plastik im Meer : Wie junge Erfinder die Ozeane retten wollen

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastik nimmt drastisch zu. Junge Erfinder entwickeln immer neue Methoden, um diesem Problem Herr zu werden. Vier Beispiele.

Pro Minute leert der Mensch eine komplette Lkw-Ladung Plastikmüll ins Meer ab. 150 Millionen Tonnen Plastik treiben derzeit in den Ozeanen umher, bis 2050, so prognostizieren es Hochrechnungen, könnte mehr Kunststoff in den Weltmeeren schwimmen als Fische. Es ist höchste Zeit, dass etwas gegen das Plastik im Meer getan wird, finden immer mehr junge Erfinder und suchen nach Lösungen. shz.de stellt die vier vielversprechendsten vor:

Ein Niederländer und seine schwimmende Wasserbarriere

Große Geschütze fährt Boyan Slat auf: Der junge Niederländer hat eine lange, schwimmende Barriere entwickelt, die Plastikteile aus dem Wasser herausfiltert und konzentriert. 23 Kilometer vor der niederländischen Küste schwimmt seine Wasserbarriere, die einem Riesenköcher, bestehend aus Schwimmkörpern und Netzen, gleicht.

Ein Testmodell des Prototypen.
Ein Testmodell des Prototypen. Foto: The Ocean Cleanup
 

Als Teenager an einem Tag am Strand kam Slat auf diese einfache wie wirkungsvolle Idee. Mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne konnte er sie realisieren und einen ersten, einhundert Meter langen Prototypen für ein Jahr testweise in Betrieb nehemen.

„Es verfügt außerdem über feste Verankerungen und ein spezielles System, dass das konzentrierte Plastik aus dem Wasser holt“, erklärte Slat gegenüber dem Nachrichtensender „euronews“. Die Barriere hält einem Gewicht von bis zu 80 Tonnen stand und kann bis zu einen Millimeter kleine Plastikteile abfangen - Fische bleiben verschont.

<p>23 Kilometer vor der niederländischen Küste soll der Prototyp ein Jahr lang Plastik aus dem Meer fischen. </p>

23 Kilometer vor der niederländischen Küste soll der Prototyp ein Jahr lang Plastik aus dem Meer fischen.

Foto: The Ocean Cleanup
 

„Alle bisherigen Ideen basieren auf Booten mit Netzen, die rausfahren, um Plastik zu sammeln. Das Problem ist, dass dabei nicht nur Meerestiere getötet werden und es sehr teuer ist, sondern, dass es etwa 79.000 Jahre dauern würde“, ist sich Slat sicher.

Doch sein System hat Schönheitsfehler: Es filtert nur den Müll an der Wasseroberfläche. Der Großteil der Millionen Tonnen von Plastikmüll geht ihm damit nicht ins Netz. Nina van Toulon, Indonesian Platform for Prevention and Management of Waste, räumte daher ein: „80 Prozent des Mülls kommen vom Land. Es reicht also nicht, nur den Abfall im Meer zu bekämpfen. Der Prototyp kann natürlich einen Teil einfangen, aber um das Problem wirklich zu lösen muss man auf dem Land anfangen.“

„The Ocean Cleanup“ heißt das Projekt, das von der niederländischen Regierung unterstützt wird. Würde nur ein einziges dieser Systeme zehn Jahre lang eingesetzt, könnte die Hälfte des Mülls aus dem Pazifik gefischt werden, sagt der junge Entwickler. Slat hofft, dass seine schwimmende Müllbarriere ab 2020 auch andernorts eingesetzt wird.

Die Müllfischer von Amsterdam

Nicht nur auf dem offenen Meer, sondern auch auf dessen Ausläufern, die sich ins Landesinnere ziehen, machen sich Umweltschützer auf, das Plastik zu bekämpfen. So etwa in den Amsterdamer Grachten, wo Unmengen von Plastik schwimmen. Die Müllfischer von „Plastic Whale“ wollen dies ändern und haben mit Marius Smit den selbsternannten „ersten Plastikfischer der Welt“ in ihren Reihen. Mit einer kleinen Bootsflotte reinigen sie die Kanäle der Stadt von Plastikflaschen und sonstigem Müll.

Auf den Grachten Amsterdams auf der Suche nach Plastikmüll: die Aktivisten von„Plastic Whale“.
Auf den Grachten Amsterdams auf der Suche nach Plastikmüll: die Aktivisten von„Plastic Whale“. Foto: Sreenshot plasticwhale.com
 

„Ich bin mit meiner Frau viel um die Welt gereist“, berichtete Smit gegenüber der „WirtschaftsWoche“. Dabei sei ihm an jedem Strand Plastikmüll begegnet: „Einmal haben wir in Borneo an einem Sandstrand übernachtet. Es gab nachts ein Unwetter, Sturm, Wellen.“ Am nächsten Tag sei dort, wo zuvor der Strand war, eine kilometerweite Lage Plastikmüll gewesen.

Smit wollte nicht zusehen, sondern handeln und kündigte in Sozialen Netzwerken an, ein Boot aus Plastik bauen zu wollen. Zahlreiche Menschen meldeten sich und wollten ihn unterstützen. Daraus entstand schließlich die Organisation „Plastic Whale“, die heute mit dem Slogan „Sei Teil der Lösung“ um freiwillige Helfer wirbt.

Mittlerweile ist die Organisation mit drei Booten mit Elektromotor auf den Grachten unterwegs. Je nach Stabilität bestehen sie zu 60 bis 90 Prozent aus Kunststoff. Zahlreiche Unternehmen buchen die Boote, um Mitarbeiter Plastik fischen zu lassen. Das soll zusammenschweißen und dem Unternehmen einen grünen Anstrich verpassen.

35.000 Flaschen hat „Plastic Whale“ so bisher gesammelt. Ein Sponsor nimmt den Plastikfischern ihre Beute ab und recycelt sie, um Verpackungen für die eigenen Produkte herzustellen. Der Rest geht an die Stadtreinigung.

Wo Müll ist, muss ein Eimer her

Ein anderen Weg als „The Ocean Cleanup“ und „Plastic Whale“ schlagen die Erfinder von „Seabin“ ein. „Seabin“ sieht aus wie ein Mülleimer und tut gewissermaßen auch den Dienst eines Mülleimers. Das Wasser fließt durch ihn hindurch und er saugt auf, was auf der Oberfläche schwimmt – Plastiktüten, -flaschen, -verpackungen und sogar Öl.

Hinter „Seabin“ stehen die beiden Australier Andrew Turton, ein Bootbauer, und Pete Ceglinski, ein Industriedesigner. Sie wollten eine Alternative zu Booten entwickeln, die das Wasser bisher reinigen, denn diese benötigen eine Crew und sind deshalb vergleichsweise teuer.

Die Technik hinter dem Mülleimer der Meere: Eine Pumpe am Ufer saugt das Wasser in die Tonne, so dass neues Wasser von oben nachfließt. Es entsteht ein Sog, der alles an der Oberfläche in die Tonne zieht.

Während der Müll im Eimer gesammelt wird, fließt das Wasser zur Pumpe, wird dort gefiltert und zurück ins Meer geleitet. Den Prototypen testeten Turton und Ceglinski vier Jahre lang und befanden ihn für einsatztauglich.

Nun wollen sie „Seabin“ im großen Rahmen produzieren und vertreiben. Den Anfang sollen Häfen, Anlegestellen oder Yacht Clubs machen, wo ein Gros des Abfalls ins Wasser fällt und die Saugeimer gleichzeitig vor Wellen und Stürmen geschützt sind. 3825 US-Dollar soll ein Eimer kosten.

Ihr Ziel: Im Sommer 2016 sollen die ersten „Seabin“ das Meer säubern. Mit einer Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform Indiegogo finanzieren sie das Projekt derzeit erfolgreich. 267.667 US-Dollar sind bis Anfang 2016 zusammengekommen.

Das andere Plastik

Prävention statt Symptombehandlung scheint das Credo einer Idee aus Amerika zu sein: Plastikringe, die Getränkedosen zu handlichen Paketen bündeln, landen zuhauf in dem Müll und nicht selten auch im Meer. Dort können sie für Tiere zur tödlichen Gefahr werden. Die Brauerei „SaltWater Brewery“ in Florida will dem nun den Garaus machen: Essbare Sixpack-Ringe sollen Tiere wie Schildkröten, Fische oder Seevögel vor der Plastik-Gefahr schützen. 

Die Sixpack-Ringe werden nicht aus Kunststoff, sondern aus Weizen- und Gerstereste, Beiprodukte der Bierherstellung, gefertigt: Anstatt die Meerestiere zu töten, ist die ökologische Halterung eine zusätzliches Nahrungsangebot, können Fische und Schildkröten sie doch bedenkenlos verzehren.

Obschon die Produktion derzeit noch nicht kosteneffizient ist, könnten die essbaren Sixpack-Ringe verglichen zu herkömmlichen Plastik-Halterungen wettbewerbsfähig sein, sofern auch andere Brauereien und Getränkehersteller auf den essbaren Dosenhalter umstellen, vermutet das Unternehmen.

Wird sich der Rest der Industrie anschließen?, fragt das die Brauerei am Ende ihres Image-Videos deshalb.

zur Startseite

von
erstellt am 30.Jun.2016 | 23:59 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen