Hangrutschungen und Tsunamigefahr : Warum der Meeresboden in Bewegung gerät

Fischer in Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens. Eine Hangrutschung vor dem mauretanischen Cap Blanc weckte das Interesse der Forscher.
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Fischer in Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens. Eine Hangrutschung vor dem mauretanischen Cap Blanc weckte das Interesse der Forscher.

Kieler Meeresforscher finden eine mögliche Ursache für Hangrutschungen vor Nordwestafrika.

shz.de von
14. Februar 2018, 20:34 Uhr

Kiel | Vor 8150 Jahren überrollte eine 10 bis 20 Meter hohe Flutwelle den Norden Europas. Besonders heftig traf es die Shetlandinseln und die Küste Norwegens. Ursache für den Tsunami war die Storegga-Hangrutschung, 300 bis 2000 Meter unterhalb des Meeresspiegels. Hangrutschungen unter der Wasseroberfläche haben häufig einen deutlich größeren Umfang als Rutschungen an Land. Bei der Storegga-Rutschung löste sich ein Gebiet größer als Schottland und verteilte sich über hunderte Kilometer auf dem Meeresboden. Die Suche nach den Ursachen für solche Rutschungen gestaltet sich unter Wasser deutlich schwieriger als an Land. Forschende können die Sedimentschichten nicht direkt begutachten.

Eine Gruppe von Kieler und Bremer Wissenschaftlern entdeckte jetzt vor der Küste Mauretaniens eine mögliche Ursache für Hangrutsche unter Wasser und veröffentlicht die Ergebnisse in der internationalen Forschungszeitschrift „Geology“. Sie kombinierten Ergebnisse einer Bohrung mit seismischen Daten und konnten so zeigen, dass eine bestimmte Schichtung des Meeresbodens Auslöser für zumindest eine Rutschung in dieser Region sein könnte.

„Erdrutsche geschehen unter Wasser schon an sehr flachen Hängen mit ein bis 1,5 Grad Steigung. Zum Vergleich: Ein barrierefreier Gehweg darf zur Straße hin eine maximale Neigung von 1,2 Grad haben“, sagt Morelia Urlaub vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Bei der Storegga–Rutschung waren es 1,6 Grad. Bei der jetzt untersuchten Rutschung vor dem mauretanischen Cap Blanc wies der Hang eine maximale Neigung von 2,8 Grad auf.

Wenn eine Schicht nachgibt, rutschen alle darüberlegenden Schichten den Hang hinab. Was diese Schicht ausmacht, ist schwierig herauszufinden, denn sie wird beim Erdrutsch meist zerstört. Im Fall der Rutschung vor Mauretanien hatten die Forscher jedoch Glück. In unmittelbarer Nähe der Abbruchfläche der Cap Blanc Hangrutschung waren noch Teile des Hanges intakt. Zufällig entdeckte Urlaub, dass ein Bohrschiff des Ocean Drilling Program (heute: International Ocean Discovery Program) genau in diesem Bereich Proben entnommen hatte. „Diese alten Bohrkerne aus den 1980er Jahren konnten wir jetzt nutzen, um nach der Schwachstelle im Hang zu suchen“, sagt sie.

Die Kombination dieser aus einem stabilen Hang stammenden Bohrung und seismischer Daten zeigte, dass der Hang genau dort ins Rutschen gekommen ist, wo Schlamm aus den Überresten fossiler Planktonorganismen von einer Tonschicht überlagert wird.  

Dieser Planktonschlamm besteht vor allem aus Kieselalgen. Diese Organismen bilden Schalen aus Silikat und gehören zum pflanzlichen Plankton. In manchen Phasen der Erdgeschichte entstehen besonders viele dieser sogenannten Diatomeen, die nach dem Absterben auf den Meeresgrund absinken und dort dicke Schichten bilden.
 
Da Diatomeen-Schlämme und Tonschichten sehr häufig vor der nordwestafrikanischen Küste in den seismischen Daten zu beobachten sind, nehmen die Forscher an, dass sie auch für andere Rutschungen in der Region verantwortlich sind. Somit lassen sich die Annahmen für die Cap Blanc Rutschung womöglich auch auf andere Gebiete der Region übertragen. Die neuen Erkenntnisse könnten langfristig dazu genutzt werden, Zonen festzustellen, in denen Erdrutsche drohen und so die Tsunamifrüherkennung zu optimieren.

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