Weltkrebstag 2018 : Überlebenschancen steigen: Neue Fakten über Krebs-Erkankungen

Ein Röntgenbild einer von Krebs befallenen Lunge im Klinikum der Universität München.
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Ein Röntgenbild einer von Krebs befallenen Lunge im Klinikum der Universität München.

In Deutschland erkranken jährlich rund 500.000 Menschen neu an Krebs. Immer mehr Patienten überleben. Das hat Folgen.

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02. Februar 2018, 11:21 Uhr

London | Die Chancen, eine Krebserkrankung zu überleben, sind seit dem Jahr 2000 weltweit gestiegen. Allerdings bestehen weiterhin große Unterschiede nach Ländern und nach Krebsarten. Das geht aus der internationalen Studie Concord-3 hervor, die vor dem Weltkrebstag am Sonntag in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Eine Gruppe um Claudia Allemani von der London School of Hygiene & Tropical Medicine (Großbritannien) hat dazu Daten von 322 Krebsregistern aus 71 Ländern und Regionen zusammengetragen und ausgewertet. Auch in Deutschland sind die Überlebenschancen nach einer Krebsdiagnose bei fast allen untersuchten Krebsarten gestiegen.

Hintergrund: So war die Studie angelegt

Die Forscher machten die Daten vergleichbar und ordneten sie in Zeiträume von je fünf Jahren ein: 2000-2004, 2005-2009, 2010-2014. Für jeden dieser Zeiträume ermittelten sie die durchschnittliche Rate derjenigen Patienten, die fünf Jahre nach der Krebsdiagnose noch lebten. „Die kontinuierliche Beobachtung der globalen Trends beim Überleben von Krebserkrankungen ist von entscheidender Bedeutung, um die allgemeine Wirksamkeit von Gesundheitssystemen weltweit zu bewerten und politischen Entscheidungsträgern dabei zu helfen, bessere Strategien zur Krebsbekämpfung zu planen“, wird Allemani in einer Mitteilung von „The Lancet“ zitiert.

Die Studie umfasst 18 Krebsarten oder Krebsgruppen, die etwa drei Viertel aller Krebserkrankungen ausmachen: Speiseröhre, Magen, Dickdarm, Mastdarm, Leber, Bauchspeicheldrüse, Lunge, Brust (bei Frauen), Gebärmutterhals, Eierstock, Prostata und Melanom der Haut bei Erwachsenen sowie Hirntumoren, Leukämien und Lymphome bei Erwachsenen und Kindern.

Die Ergebnisse der Studie im Überblick

Bei der Heilung all dieser Erkrankungen haben sich die Überlebenschancen in Deutschland von 2000 bis 2014 verbessert, mit einer Ausnahme: Bei der akuten lymphatischen Leukämie, einer Blutkrebserkrankung bei Kindern, sank die Rate der Überlebenden von 94 auf 91,1 Prozent, blieb aber damit auf hohem Niveau.

  • Behandlungsfortschritte bei den tödlichsten Krebsarten: Fortschritte, wenn auch auf niedrigem Niveau, gab es in Deutschland beispielsweise bei der Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs: Die Überlebensrate stieg von 8 auf 10,7 Prozent, was immerhin einer Steigerung um ein Drittel entspricht. Auch beim Speiseröhrenkrebs (von 16,6 auf 20,8 Prozent) und beim Lungenkrebs (von 14,9 auf 18,3 Prozent) gibt es verhältnismäßig große Fortschritte.

Die Zahlen haben eine eingeschränkte Aussagekraft, weil die Krebsregister nur 36,8 Prozent der deutschen Einwohner repräsentieren. Unter anderem fehlen die Daten aus den bevölkerungsreichsten Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.

  • Weltweiter Vergleich: Deutschland steht überwiegend im oberen Drittel der 71 untersuchten Staaten. Weltweit die größten Chancen, eine Krebserkrankung zu überstehen, gibt es in den USA und in Kanada, in Australien und Neuseeland sowie in den nordeuropäischen Ländern Finnland, Island, Norwegen und Schweden. Dänemark hat, so betonen die Studienautoren, in den untersuchten Jahren große Steigerungsraten erzielt und zu den anderen skandinavischen Ländern aufgeschlossen.
  • Erreicht wurde dies durch bessere Investitionen, beschleunigte Patientenwege und die Überwachung der Einhaltung von Wartezeiten durch Krankenhäuser.
  • Den weltweit größten Unterschied gibt es bei Hirntumoren im Kindesalter: Während die aktuelle Überlebensrate in Brasilien nur 28,9 Prozent beträgt, liegt sie bei fast 80 Prozent in Schweden.

Experten: Die Hälfte aller Krebsfälle ist vermeidbar

„Krebs muss heute kein Todesurteil sein“, sagt Volker Arndt vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Aber gesund sei der Patient nach Überwindung der Krankheit nicht automatisch. In den vergangenen zehn Jahren sei jedoch das Bewusstsein gewachsen, Patienten über eine Heilung hinaus länger zu versorgen.

Fragen und Antworten:

Wie viele Krebsüberlebende gibt es inzwischen in Deutschland – und wo wird die Zahl in etwa 20 Jahren liegen?

Derzeit leben in Deutschland etwa 3,5 bis 4 Millionen Menschen mit Krebserkrankung oder mit überstandener Krebserkrankung. Prognosen zufolge werde diese Zahl in Deutschland in den kommenden 20 Jahren auf bis zu fünf bis sechs Millionen steigen, sagt Volker Arndt vom DKFZ in Heidelberg. Grund ist vor allem das Altern der Generation der sogenannten Baby Boomer – so bezeichnen Statistiker in Deutschland die geburtenstarke Jahrgänge zwischen 1955 bis 1969.

Was bedeutet der Anstieg für die Gesellschaft, etwa für die Arbeitswelt?

Etwa 35 Prozent aller Krebspatienten in Deutschland sind dem DKFZ zufolge im berufsfähigen Alter – also zwischen 15 und 65 Jahren. „Im Durchschnitt nehmen 62 Prozent der Betroffenen nach Abschluss der Therapie ihre Berufstätigkeit wieder auf“, sagt Arndt. Die Wahrscheinlichkeit dafür hänge vom Bildungsstatus und von der Art des Berufs ab. Experten raten, Ärzte sollten geheilten Krebspatienten mit Sensibilität begegnen, aber nicht mit übertriebener Zurückhaltung. Nicht all diese Menschen seien gleich schwer traumatisiert.

Besitzen Krebsüberlebende eine deutlich verringerte Lebenserwartung – und gibt es auch da eine positive Entwicklung?

Statistiken zeigen klar, dass sich die Überlebenswahrscheinlichkeiten für viele Tumorpatienten in den vergangenen 30 Jahren deutlich verbessert haben. „Ein Überleben von 20 und mehr Jahren ist bei vielen Tumor-Entitäten heute eine realistische Option“, betont auch Arndt. Es gebe aber eine wichtige Voraussetzung: Der Tumor muss frühzeitig entdeckt werden. Die Deutsche Krebshilfe nimmt den Weltkrebstag zum Anlass, die Öffentlichkeit für das Thema Prävention zu sensibilisieren. „Insbesondere Bewegung kann das eigene Krebsrisiko senken“, sagte Vorstandsvorsitzender Gerd Nettekoven.

Zur Person: Volker Arndt leitet im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg das epidemiologische Krebsregister Baden-Württemberg. Er betreut zudem die Arbeitsgruppe Cancer Survivorship. Arndt hat in Zürich und Ulm gearbeitet und wurde unter anderem an der staatlichen Universität Chapel Hill im US-Bundesstaat North Carolina ausgebildet. Im DKFZ forscht er zusammen mit fast 3000 Kollegen, die in Heidelberg in mehr als 90 Abteilungen und Gruppen aufgeteilt sind. Ihre Aufgabe: Näheres darüber zu erfahren, wie Krebs entsteht und welche Faktoren das Risiko beeinflussen.
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