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Eine Frage der Zeit : Schaltsekunde: „Geil! Eine Sekunde länger schlafen!“

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Die Nacht auf Mittwoch ist eine Sekunde länger als gewöhnliche Nächte. Der Grund ist die langsamer werdende Erde. Und Caesium. Und kompliziert.

shz.de von
erstellt am 30.Jun.2015 | 15:50 Uhr

Die Hüter der Zeit fügen eine sogenannte Schaltsekunde ein. Während die allermeisten Menschen das kaum merken werden, müssen bestimmte Unternehmen die extra Sekunde sehr exakt in ihren Systemen berücksichtigen. Schuld ist die Erde, die an Schwung verliert, während das Sekundenmaß Caesium unbeirrt mit der gleichen Geschwindigkeit herumschwingt.

Die astronomische Tageslänge verlangsamt sich nicht nur allmählich wegen der Gezeitenreibung, sondern zeigt auch unregelmäßige Änderungen durch Magmaströme zwischen Erdmantel und Erdkern. Durch die Verlangsamung der Erdrotation verschiebt sich der Sonnentag gegenüber einem völlig gleichmäßigen Zeitmaß. Zur Kompensation muss alle zwei bis fünf Jahre eine Schaltsekunde eingefügt werden, um alle Uhren mit dem zwar nur um Sekundenbruchteile, aber länger werdenden Sonnentag zu synchronisieren

Für das Einfügen der Schaltsekunde ist hierzulande die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig zuständig. Der Vorgang ist relativ einfach, die Gründe etwas komplizierter.

Das passiert: Um 01:59:59 schiebt die PTB in die gesetzliche Zeit, die über Langwelle an Funkuhren übermittelt, aber auch über Telefon und das Internet verbreitet wird, eine Sekunde ein. Auf 1:59:59 Uhr folge nicht wie sonst 2:00:00 Uhr, sondern 1:59:60 Uhr und dann erst 2:00:00 Uhr, erklärt Andreas Bauch vom Zeitlabor der PTB.

Warum ist das notwendig? Zeit ist nicht gleich Zeit. Ein Tag - also eine Erdumdrehung um die eigene Achse - hat laut Weltzeit 86.400 Atomsekunden. So ganz stimmt das aber nicht. Die Erde braucht ein ganz klein bisschen länger. Anders ausgedrückt: „Die Atomsekunde ist zu kurz“, sagt Bauch.

Die Definition der Atomsekunde basiert auf den Schwingungen des Caesium-Atoms, die sich im Gegensatz zur Erde völlig konstant verhalten und daher den Atomuhren als Basis dienen. Gemessen wird die Frequenz, mit der das Alkalimetall die Energie in seine beiden himmelblauen Spektrallinen aufspaltet. Das 9.192.631.770-fache davon ist dann eine Sekunde.

Die Atomsekunde beruht auf der Drehgeschwindigkeit der Erde von etwa 1820. Seitdem sei der Blaue Planet aber aus komplizierten Gründen ein ganz klein bisschen langsamer geworden, erklärt Bauch. Die Atomsekunde wurde aber nicht verlängert. Die Folge: Die Weltzeit würde immer mehr von dem gewohnten Tag-Nacht-Rhythmus abweichen. Um das zu verhindern, wird alle paar Jahre ein Tag um eine Sekunde verlängert.

Besitzer von Funkuhren können die zusätzliche Sekunde am frühen Mittwochmorgen aber nicht sehen. „Nicht davor setzen, das lohnt sich nicht. Da wird man nur enttäuscht“, warnt Bauch. Normale Funkuhren passen sich der neuen Uhrzeit erst in den Stunden nach der Mini-Zeitumstellung an.

Anders ist das bei bestimmten Konzernen, wie beispielsweise Telekommunikationsunternehmen, die ihre Angebote sekundengenau abrechnen müssen. Oder Betreiber von Hochspannungsnetzen, die im Mikrosekundenbereich arbeiten. Sie übernehmen die Schaltsekunde praktisch in Echtzeit. Einige Systeme können damit auch überfordert sein. Bei der Schaltsekunde 2012 wurden mehrere Websites lahmgelegt, das Buchungssystem der Fluggesellschaft Qantas fiel zeitweise aus.

Auf Twitter wird die Schaltsekunde vor allem unter Nerds und Hobby-Philosphen gefeiert: Zahlreiche Tweets witzeln über diese kleine Unregelmäßigkeit im Gefüge.

 

(mit dpa)

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