Mission „The Ocean Cleanup“ : Plastikmüll im Ozean: So will ein Holländer die Meere retten

Boyan Slat und sein erster Prototyp für die Mission „The Ocean Cleanup“.
Foto:

Boyan Slat und sein erster Prototyp für die Mission „The Ocean Cleanup“.

Boyan Slat will mit einer neuen Technologie Plastikmüll aus dem Meer fischen und zu neuen Produkten verarbeiten.

shz.de von
01. Januar 2018, 15:20 Uhr

Jahr für Jahr gelangen Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere. Auf jedem Quadratkilometer schwimmen mittlerweile Hunderttausende Teile. Die Folgen sind dramatisch. Fische verwechseln die Partikel mit Plankton. Am Ende landet das Plastik auf unseren Esstischen. Boyan Slat, ein 23-jähriger Niederländer, will mit einer von ihm entwickelten Technologie die Ozeane vom Plastik befreien. „The Ocean Cleanup“ heißt seine Mission.

Konzentration von Plastikmüll im Meer.
Foto: PNAS/UNEP

Konzentration von Plastikmüll im Meer.

Wären Sie gern ein Astronaut?

Boyan Slat: Gegen eine Reise zum Mond oder zum Mars hätte ich nichts einzuwenden. Aber ich möchte da nicht einer der Ersten sein. Für mich käme das erst infrage, wenn sich die Technologie bewährt hat und sicher ist.

Sie hatten ja immerhin ein Studium der Raumfahrttechnik begonnen.

Ja, das stimmt. Doch dieses Studium habe ich nach einem halben Jahr wieder aufgegeben, um mich voll und ganz dem Ocean-Cleanup-Projekt widmen zu können. Raumfahrttechnik interessiert mich aber nach wie vor, denn dort hat man es mit den fortschrittlichsten Technologien überhaupt zu tun. Die lassen sich auch hier auf der Erde nutzen.
 

Können Sie davon etwas für das Ocean-Cleanup-Projekt verwenden?

Ingenieurmäßiges Denken brauchte ich auch beim Entwickeln des mechanischen Designs für die schwimmenden Plastikmüll-Sammelstationen im Meer. Außerdem gibt es große Ähnlichkeiten zwischen Aerodynamik und Hydrodynamik. Strömende Luft und strömendes Wasser verhalten sich sehr ähnlich. Hier habe ich von meinem Studium profitiert.

Apropos Hydrodynamik. Tauchen ist doch eines Ihrer Hobbys, nicht wahr?

Das stimmt. Aber ich komme kaum noch dazu. Zuletzt bin Anfang dieses Jahres getaucht. Ich arbeite sehr viel, jeden Tag. Pausen mache ich nur zum Essen. Nur sonntags gönne ich mir einen Zehn-Kilometer-Lauf.

Beim Tauchen im griechischen Meer sahen Sie 2011 keine Fische.

Das stimmt. Im Meer schwamm so viel Müll, dass ich vor lauter Plastik keine Fische mehr gesehen habe. Das war damals ein Impuls, mich mit dem Thema Plastikmüll im Meer auseinanderzusetzen. Ich begann darüber nachzudenken, was man gegen diese Verschmutzung unternehmen könnte. Ein ganzes Jahr lang habe ich in meinem Kopf mit vielen Ideen herumgespielt, bis ich schließlich das Grundkonzept für Ocean Cleanup gefunden hatte. Die Natur sollte den Hauptteil der Arbeit übernehmen. Die technischen Details haben sich im Laufe der Jahre immer wieder geändert, doch die Basisidee ist bis heute geblieben.

Und was ist diese Idee?

Die Plastikteile sind ja über einen großen Bereich des Meeres verteilt. So eine Plastikmüllansammlung kann eine Fläche einnehmen, die viermal so groß wie Deutschland ist. Es gab schon zuvor Vorschläge, den Plastikmüll mit Booten und Netzen aus dem Wasser zu fischen. Doch dafür sind die betroffenen Areale einfach zu groß. Man würde rund 80.000 Jahre benötigen, um auf diese Weise die Meere vom Plastikmüll zu befreien. Wir schaffen es also nicht, überall dem Plastik hinterherzufahren. Vielmehr müssen wir erreichen, dass es durch die Dynamik des Meeres zu uns kommt. Die Grundidee beim Ocean Cleanup ist also, dass wir den Plastikmüll erst an einem Ort konzentrieren müssen, bevor wir ihn aus dem Meer holen können. Dazu wollen wir eine Flotte von schwimmenden Barrieren einsetzen. Diese sind u-förmig, und die Plastikteile werden bis zum Zentrum hineingetrieben. Dort sammelt sich der Müll, und alle drei Monate holt ihn ein Boot ab. Man kann das Ganze als künstliche Küstenlinien im Meer betrachten. An Küsten sammelt sich ja bekanntlich Plastik an. Doch mitten auf den Ozeanen, wo sich große Plastikmüllwirbel befinden, gibt es keine Küsten. Deshalb schaffen wir mit den Barrieren künstliche Küsten. Diese dürfen aber nicht frei im Meer schwimmen, sondern müssen in 500 bis 600 Meter Tiefe am Meeresboden verankert werden.

Die Anlagen sollen mit Solarzellen ausgestattet sein. Warum?

Die elektrische Energie wird zum Betreiben von Kameras, Sensoren, GPS und Kommunikationssystemen benötigt. Für das Einsammeln des Plastikmülls brauchen wir keine elektrische Energie. Das erledigen die natürlichen Strömungen.

Als Sie Ihre Ideen der Öffentlichkeit vorgestellt haben, gab es zunächst viel Skepsis und Kritik. Haben Sie mittlerweile alle überzeugen können?

Es gab berechtigte und unberechtigte Kritik. An manchen Punkten haben wir konstruktive Anregungen aufgenommen und daraus gelernt. Viele Behauptungen waren aber auch schlicht falsch – zum Beispiel, dass die Plastikteile zu tief im Wasser schwimmen oder zu klein sein würden, um sich in unserer Anlage zu konzentrieren. Diese Punkte haben wir klar widerlegt. Es gibt auf der einen Seite die wissenschaftlichen Köpfe, die sich von neuen Erkenntnissen auch überzeugen lassen. Wir sind inzwischen mit rund 750 Wissenschaftlern und Ingenieuren in Kontakt. Auf der anderen Seite gibt es Kritiker, die sich grundsätzlich gegen den Einsatz von Technologien zur Lösung des Müllproblems aussprechen, oder solche, die befürchten, dass wir ihnen mit unserem Projekt Finanzmittel für andere Projekte wegnehmen.
 

Sind denn inzwischen alle technischen Probleme gelöst?

Wenn wir die erste Anlage im Pazifik installiert haben und sie wie erwartet funktioniert, dann können wir mit Fug und Recht sagen, dass wir am Ziel sind. Bis dahin kann es jedoch immer unvorhergesehene Probleme geben. Diejenigen, die wir im Vorfeld erkannt haben, sind inzwischen gelöst. Ich bin sehr zuversichtlich, dass alles wie erwartet funktionieren wird.
 

Welche Experimente waren für Sie bislang die wichtigsten?

Das waren die Versuche 2016 auf der Nordsee. Da haben wir viel über das richtige Design der Anlagen gelernt. Im Moment testen wir dort wieder eine Anlage. Vor einigen Wochen gab es einen starken Sturm mit bis zu 9,5 Meter hohen Wellen. Das hat die Anlage gut überstanden.
 

Was soll am Ende mit all dem eingesammelten Plastik passieren?

Das lässt sich aufbereiten und für alles Mögliche wiederverwenden – zum Beispiel als Rohstoff für 3-D-Drucker. Auf meinem Schreibtisch liegt eine Sonnenbrille, die aus Plastik hergestellt worden ist, das wir im Jahr 2016 auf der Nordsee eingesammelt haben. Viele Mitarbeiter in meinem Team sind mit Fragen rund um das Thema Recycling befasst. Es geht insbesondere darum, die bestmögliche Qualität an Plastik zu produzieren, sodass Kunden in der Auto-, Möbel- oder Elektronikindustrie unseren Rohstoff verwenden können. Rund 100 Firmen haben bereits Interesse an dem von uns auf den Meeren eingesammelten Plastik gezeigt. Die Erlöse, die wir damit erzielen dürften, werden ausreichen, um die operativen Kosten zu decken. Für die Firmen, die unser Plastik verwenden, ergibt sich daraus ein Imagegewinn. Im Jahr 2018 wird unsere erste große Anlage auf dem Pazifik ihre Arbeit aufnehmen. Dann werden wir Hunderttausende Kilogramm Plastik gewinnen und können mit den Recyclingtests beginnen.

Haben Sie das Geld beisammen, das Sie für das Ausbringen der ersten großen Anlage benötigen?

Ja, wir haben seit 2013 mehr als 31 Millionen Dollar durch Crowdfunding und von Sponsoren erhalten – von Einzelpersonen und Firmen. Mit dem Geldeinsammeln wird es aber erst so richtig losgehen, nachdem die erste Anlage installiert ist. Wir wollen ja schließlich nicht nur eine, sondern weltweit 60 Plastiksammelstationen auf den Ozeanen stationieren. Insbesondere wollen wir Firmen ermöglichen, Anlagen in Eigenregie zu betreiben. Sie bieten bei ihrer Größe ja viel Platz für Logos.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen