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Größte Seeschlacht aller Zeiten vor 100 Jahren : Kiel: Deutsche und Briten erinnern an das Verdun der Meere im Skagerrak

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Schlacht ohne Sieger: Generationen von Historikern haben sich an der Deutung des letztlich sinnlosen Sterbens Tausender versucht.

von
erstellt am 29.Mai.2016 | 15:51 Uhr

Kiel | 100 Jahre nach der Seeschlacht im Skagerrak wollen Deutsche und Briten am Dienstag in Laboe bei Kiel an die fast 10.000 getöteten Soldaten erinnern.An der Gedenkveranstaltung am Marine-Ehrenmal will auch Prinz Edward, der Herzog von Kent, teilnehmen. 370 weitere Gäste haben der Deutsche Marinebund und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingeladen. Darunter sind der Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Michael Roth, und der Chef des Stabes im Marinekommando, Konteradmiral Thorsten Kähler.

Parallel plant auch die Marine eine „Kranzniederlegung in See“ an jener Position in der Nordsee, an der 1916 das britische Kriegsschiff „Invincible“ sank. Neben den deutschen Fregatten „Brandenburg“ und „Schleswig-Holstein“ ist auch der britische Zerstörer „Duncan“ dabei.

Das passierte vor 100 Jahren

Für Kaiser Wilhelm II war „der erste gewaltige Hammerschlag getan, der Nimbus der englischen Weltherrschaft geschwunden.“ Für die englische Presse war es in erster Linie ein Schock – das Aufeinandertreffen der deutschen und englischen Schlachtflotten in der Nordsee am 31. Mai und am 1. Juni 1916. Rund 60.000 britische Marinesoldaten auf 151 Schiffen kämpften gegen knapp 36.000 Offiziere und Mannschaften an Bord von 99 Einheiten der kaiserlichen Marine – am Ende waren 25 Kriegsschiffe versenkt und 8645 Männer auf beiden Seiten gefallen. Doch zum Entsetzen der sieggewohnten Royal Navy musste Admiral John Jellicoe trotz aller Übermacht die deutlich höheren Verluste hinnehmen als sein Gegenüber Vizeadmiral Reinhard Scheer: Die Deutschen beklagten 2551 Tote und verloren das veraltete Linienschiff „Pommern“, den Großen Kreuzer „Lützow“ sowie vier Kleine Kreuzer und fünf Torpedoboote mit insgesamt 61.180 Bruttoregistertonnen. Die Briten zählten jedoch 6094 Tote, drei moderne Schlachtkreuzer, drei Panzerkreuzer und acht Zerstörer mit 11.6871 BRT waren versenkt worden. Dazu hatten die Deutschen 177 schiffbrüchige Briten gefangen genommen.

Versenkung der Schlachtkreuzer

Der zentrale Aspekt bei der deutschen Bewertung der Skagerrakschlacht war die Versenkung der drei modernen britischen Schlachtkreuzer „Indefatigable“, „Queen Mary“ und „Invincible“. Jedes dieser Großkampfschiffe war genauso kostspielig wie eine komplette Armeedivision, die Versenkung hatte deshalb sowohl in Militärkreisen als auch in der Bevölkerung den entsprechenden Stellenwert. Von Anfang war die deutsche Strategie auf die Vernichtung der schnellen gegnerischen Schlachtkreuzer unter Admiral David Beatty ausgelegt. Mit ihren 30-Zentimeter-Geschützen waren diese ähnlich stark bewaffnet wie die Schlachtschiffe, erreichten aber eine höhere Geschwindigkeit, was zu Lasten ihrer Panzerung ging. Die deutsche Vorhut bestand aus fünf Großen Kreuzern, wie die Schlachtkreuzer unter Admiral Franz von Hipper genannt wurden.

Als die beiden Speerspitzen ihrer Flotten aufeinandertrafen, wurde der bislang entscheidende deutsche Vorteil buchstäblich vom Wind verweht: die Marineluftschiffe. Selbst Admiral Beatty musste anerkennen: „Der Feind hat immer noch das Monopol der besten Luftaufklärung bei gutem Wetter, bei dem ein Zeppelin so viel tun kann wie fünf oder sechs Kreuzer.“ Allerdings konnten am 30. Mai 1916 aufgrund der Windverhältnisse keine Luftschiffe starten, während am 31. Mai die eingesetzten Luftschiffe nicht näher als 30 Seemeilen an Flotten herankamen. So kämpften die Flotten vorm Skagerrak buchstäblich „auf Sicht“, gerade gegen Ende der Schlacht fuhren die Gefechtslinien aneinander vorbei, ohne sich zu erkennen. So entschied das erste Treffen der Stahlgiganten, das bessere deutsche Feuerleitsystem zu tragen. Während die Briten immer komplette Salven der gesamten Hauptartillerie abfeuerten, den Einschlag der Granaten beobachteten und danach die Geschützausrichtung korrigierten, gaben die Deutschen zunächst aus jedem Turm nur einen Schuss ab – den jedoch mit unterschiedlicher Entfernung. So erreichte die kaiserliche Marine ein deutlich schnelleres „Einschießen“ und konnte eher als die Briten wirkungsvoll feuern. Folgerichtig war die deutsche Trefferquote mit 3,3 Prozent deutlich höher als die britische mit nur 2,2 Prozent.

Am 31. Mai um 16.48 Uhr hatten sich die Gegner auf knapp 15 Kilometer genähert. Hippers Flagschiff, die „Lützow“, eröffnete das Feuer. Da Dank der deutschen Feuerleitung zwischen den sich rasch einstellenden deutschen Treffern und den ersten britischen über zehn Minuten vergingen, wurden die „Indefatigable“ und die „Queen Mary“ innerhalb weniger Minuten versenkt – nur 24 Marinesoldaten der beiden jeweils 1200 Mann starken Besatzungen überlebten. Diese Minuten haben tiefe Spuren in der maritimen Gedenkkultur des Inselreiches hinterlassen: „Da scheint heute irgendwas mit unseren verdammten Schiffen nicht zu stimmen“, soll Beatty seiner Umgebung erklärt haben, nachdem auch der zweite seiner Schlachtkreuzer nach kurzem Artillerieduell explodierte. All dies diente später als Beleg für die technische Überlegenheit der Hochseeflotte. Dabei blieb in der Regel außer Acht, dass die englischen Schiffe gebaut wurden, um die Weltmeere zu kontrollieren. Auf ihnen mussten die Besatzungen oft viele Monate leben, deshalb musste der Unterbringung der Besatzungen mehr Platz eingeräumt werden. Die deutschen Schiffe waren lediglich dafür entworfen, in der Nordsee die Engländer auf Abstand zu halten – die Besatzungen hatten es wegen der kurzen Fahrten weniger bequem. Der gewonnene Platz diente der Verstärkung der Panzerung.

 

Die Wende

Erst gegen 18 Uhr traf die britische Hauptmacht auf dem Schlachtfeld ein, zusätzlich lieferten sich nun britische Zerstörer und deutsche Torpedoboote heftige Gefechte zwischen den Schlachtlinien. Beide Flotten versuchten ihre Schlachtreihen im 90-Grad-Winkel über die andere zu manövrieren, den sogenannten Querstrich über das T zu ziehen. Dies hätte den Einsatz der gesamten Artillerie gegen den Feind erlaubt, während dieser nur die Buggeschütze zum Einsatz bringen könnte. Um 19.14 Uhr befahl Jellicoe eine Wendung nach Backbord und lief in das Feuer der deutschen Schlachtkreuzer – mit erneut verheerender Wirkung: Der britische Panzerkreuzer „Defence“ explodierte mit 903 Mann Besatzung, das Schwesterschiff „Warrior“ wurde manövrierunfähig und sank am folgen Tag. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Um 19.33 Uhr ging ein dritter, bislang für unbesiegbar gehaltener Schlachtkreuzer unter – die „Invincible“ unter Admiral Horace Hood. Bereits die dritte Salve der „Lützow“ brachte das Flaggschiff zur Explosion. Nur sechs der 1200 Mann starken Besatzung wurden gerettet. Im Gegenzug erhielt die „Lützow“ innerhalb einer Viertelstunde zehn Treffer und musste schwerbeschädigt später während des Rückzuges aufgegeben werden. Nachdem in der Nacht Abschleppversuche wegen des Seegangs fehlschlugen, versenkte das deutsche Torpedoboot „G 38“ das Wrack des Kreuzers. Das die Vernichtung des einzigen wertvollen deutschen Kampfschiffes in der Skagerrak-Schlacht auch noch durch Selbstversenkung geschah, wurde der britischen Admiralität ebenfalls angekreidet.

Inzwischen verpuffte das deutsche Überraschungsmoment, in der Nacht wurde die Sicht noch schlechter und der deutsche Oberkommandierende entschloss sich, die Schlacht abzubrechen. Scheer verzichtete damit auf die minimale Chance, in die gegnerische Linie einzubrechen. Die deutsche Flottenphilosophie, den überlegenen Gegner „stückweise“ zu schwächen, verbot es dem Admiral, alles auf eine Karte zu setzen. Das riskierte auch Jellicoe nicht. Er war, nach einem Wort Churchills, der Mann, „der den Krieg an einem Nachmittag verlieren konnte“. Aber das tat er an diesen Tagen nicht. Er hielt die britische Flotte zurück, zwang die Deutschen zum Rückzug und verzichtete auf die Verfolgung auf Furcht die wertvollen Schlachtschiffe durch U-Boot-Angriffe zu verlieren. Auch wegen dieses vorsichtigen Vorgehens der beiden Flottenchefs wurde später in den englischen und amerikanischen Büchern über die Schlacht der deutsche Kommandant der Schlachtkreuzer, Franz von Hipper, als der kompetenteste Admiral an diesem Tag bezeichnet und vereinzelt gar in die Reihe der größten Seehelden der Geschichte um Horatio Nelson gestellt. Am 5. Juni 1916 erhielt Hipper durch Wilhelm II. die höchste preußische Tapferkeitsauszeichnung, den Orden Pour le Mérite. Der bayerische König Ludwig III. würdigte ihn einen Tag später mit der Verleihung des Kommandeurkreuzes des Militär-Max-Joseph-Ordens.

 

Die Folgen

Nach der Skagerrak-Schlacht – von den Briten Schlacht vor Jütland genannt – war beim Kräfteverhältnis alles beim Alten geblieben: Die Britische Grand Fleet war nach wie vor deutlich überlegen. Jetzt waren noch 24 britische und zehn deutsche Schlachtschiffe einsatzfähig, was dem Kräfteverhältnis vor der Schlacht entsprach. Deutschland konnte die britische Seeblockade nicht brechen, England nicht in die Ostsee vorstoßen und seinem bedrängten Kriegspartner Russland die eigentlich dringend notwendige Hilfe leisten. Die Schlacht und die darauf folgende Untätigkeit der deutschen Flotte legten den Keim des Kieler Matrosenaufstandes, der letztlich das Kaiserreich hinwegfegte. Beanspruchten zunächst beide Seiten den Sieg, veränderte sich insbesondere in Deutschland in der Folge die Bewertung des Schlacht – von Sieg zu Niederlage. Wurde ersteres mit den höheren britischen Verlusten begründet, galt später, dass das Kräfteverhältnis nach der Schlacht für die Deutschen sogar ungünstiger war als zuvor, da sieben ihrer Linienschiffe und Schlachtkreuzer schwer beschädigt waren und die Grand Fleet in der Folgezeit in weit stärkerem Maße durch Neubauten vergrößert wurde als die Hochseeflotte.

 


Aus Feinden wurden Freunde

Heute dient das Jubiläum in erster Linie der Aussöhnung und der gegenseitigen Achtung. So war bei der Vereidigung deutscher Kadetten an der Marineschule Mürwick am vergangenen Freitag der Enkel des britischen Admirals Jellicoe zugegen, beim zentralen Gedenken in Laboe ist das englische Königshaus vertreten.

Deutschland und Großbritannien pflegen im Marinebereich inzwischen eine strategische Partnerschaft. Neben zahlreichen gemeinsamen Trainingsvorhaben – z.B. die jährlich wiederkehrende Übung „Joint Warrior“, die der Ausbildung sowie zur Vorbereitung für Einsätze in Krisengebieten dient – ist die Durchführung des „German Operational Sea Training“ beim britischen „Flag Officer Sea Training“ ein fester Bestandteil und wichtiger Schritt für deutsche Fregatten, Einsatzgruppenversorger und Korvetten im Rahmen ihrer Einsatzausbildung. Jährlich werden etwa 140 deutsche Marinesoldaten zu Lehrgängen nach Großbritannien entsandt. Ein sogenanntes „Twinning Agreement“ besteht beispielsweise durch den gegenseitigen Austausch von Kadetten zwischen der Offiziersschule der Deutschen Marine, der Marineschule Mürwik, und dem Britannia Royal Naval College.

Am kommenden Dienstag werden die Fregatten „Schleswig-Holstein“ und „Brandenburg“ gemeinsam mit der britischen HMS „Duncan“ auf Höhe der gesunkenen „Invincible“ bei einer „Kranzniederlegung auf See“ der Gefallenen gedenken. Geleitet wird die Zeremonie von Vizeadmiral Rainer Brinkmann, dem stellv. Inspekteur Marine und Befehlshaber der Flotte/Unterstützungskräfte.

 

 

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