Allianz für Ozeanforschung : Eine Nasa für die Meere

Seit 42 Jahren auf den Weltmeeren unterwegs: Das Kieler Forschungsschiff „Poseidon“ muss noch bis 2020 fahren – 2021 kommt ein Neubau.
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Seit 42 Jahren auf den Weltmeeren unterwegs: Das Kieler Forschungsschiff „Poseidon“ muss noch bis 2020 fahren – 2021 kommt ein Neubau.

Die GroKo plant eine deutsche Allianz für Ozeanforschung – Karin Prien und der Geomar-Direktor Herzig freuen sich.

shz.de von
14. Februar 2018, 19:27 Uhr

Kiel/Berlin | Gut anderthalb Jahre ist es her, da kritisierte der Präsident der großen staatlichen Helmholtz-Forschungsgemeinschaft den Mangel an Kooperation zwischen deutschen Meereskundlern. Die Institute würden „etwas zersplittert und isoliert“ nebeneinander her arbeiten, bemängelte Otmar Wiestler und plädierte dafür, „die ganze Klasse, die wir im Norden Deutschlands haben, zu einem Konsortium zusammenzubringen, das viel intensiver zusammenarbeitet“.

Was Wiestler damals forderte, will die angehende große Koalition in Berlin nun wahrmachen: „Wir wollen gemeinsam mit den Ländern eine Deutsche Allianz für Meeresforschung gründen“, versprechen Union und SPD im Koalitionsvertrag. Noch plakativer formuliert der Direktor des Kieler Ozeanforschungszentrums Geomar die Hoffnung, die er mit den Plänen der GroKo verbindet: „Wir wollen eine Nasa für die Meere aufbauen“, sagt Peter Herzig in Anspielung auf die berühmte amerikanische Raumfahrtagentur.

Zwar geht es nicht um eine formelle Zusammenlegung der rund ein Dutzend deutschen Ozean- und Küstenforschungsinstitute, von der Herzig früher mal geträumt hatte. Vielmehr behalten alle Institute ihre Selbständigkeit. Doch nach dem Vorbild der deutschen Zentren für Gesundheitsforschung soll ein gemeinnütziger Verein die verschiedenen Einrichtungen koordinieren und deren Kapazitäten und Experten auf wichtigen Forschungsgebieten für längere Zeit zusammenbringen. „Es muss etwas entstehen, das international führend und sichtbar ist“, fordert Herzig.

Allein in Schleswig-Holstein gibt es vier Meeresforschungseinrichtungen mit dem Helmholtz-Gütesiegel – das Kieler Geomar, das Geesthachter Zentrum für Küstenforschung sowie auf Sylt und Helgoland je einen Ableger des renommierten Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung. Hinzu kommen die Meereswissenschaften an der Universität Kiel. Mit dem Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde und dem Marum an der Uni Bremen existieren weitere profilierte Einrichtungen im Norden. Zwar gibt es Kooperationen zwischen den Instituten – doch vor allem ihren großen Datenschatz teilen die Forscher bisher nur sehr unzureichend miteinander. „Wir brauchen ein zentrales Daten- und Rechenzentrum“, fordert daher Geomar-Direktor Herzig.

Zudem verspricht sich Herzig von der neuen Allianz, dass die Institute endlich gemeinsam große Projekte angehen können, für die mehrere Schiffe und viele Wissenschaftler nötig sind. Als Beispiel nennt er das Erforschen der Vermüllung in den Ozeanen: „Keiner weiß bisher, wie viel Plastik sich an der Oberfläche der Meere befindet, wie viel im Meerwasser und wie viel auf dem Grund.“ Das könne sich durch die Allianz ändern.

Ferner erhofft Herzig sich mehr Geld und Personal für Tiefseeroboter oder Drohnen sowie ein zentrales Betriebsmanagement für die Forschungsschiffe – und nennt auch gleich eine Summe, die er sich vom Bund wünscht: „Es geht nicht um Klein-Klein. Wir brauchen jährlich 100 Millionen Euro zusätzlich für die Meeresforschung.“ Dieselbe Forderung hatten vor einem Jahr schon die Ministerpräsidenten der Küstenländer an den Bund gerichtet.

Bisher zahlt der Bund jedes Jahr 400 Millionen für die Ozeanforschung und ihre rund 4000 Beschäftigten in Deutschland. Von mehr Geld ist im Koalitionsvertrag zwar nicht ausdrücklich die Rede. Doch wollen Union und SPD in den Forschungsetat insgesamt zwei Milliarden Euro extra stecken – darin könnten auch 100 Millionen für die Meere enthalten sein. Allerdings sollen auch die Länder ein Zehntel beisteuern.

Ob Schleswig-Holsteins Wissenschaftsministerin Karin Prien dazu bereit ist, verrät sie noch nicht. Sie freut sich aber über die Berliner Vereinbarung: „Es ist ein großer Erfolg für die norddeutschen Länder, dass die Allianz für Meeresforschung und die Stärkung der Küsten- und Polarforschung im Koalitionsvertrag verankert wurden“, sagt die CDU-Frau. Damit erhalte „das Thema endlich auch auf Bundesebene die ihm angemessene Bedeutung“. Für das Geomar und die Uni Kiel sieht Prien „neue Perspektiven“.

Nachfolgeschiff für Kieler „Poseidon“ verspätet sich

Nicht zuletzt sagen die Koalitionäre in Berlin zu, dass sie „die Forschungsflotte weiter erneuern“ möchten. Unter anderem für die Kieler „Poseidon“ und die Hamburger „Meteor“ soll bald ein gemeinsames Nachfolgeschiff entstehen. Zunächst kommt es dabei allerdings wegen der langen Regierungsbildung zu einer Verzögerung: Weil der Bund viele Ausgaben bis zum Antritt einer neuen Regierung eingefroren hat, wird der Neubau nach Angaben von Geomar-Direktor Herzig nicht wie geplant 2020 fertig, sondern erst 2021. Für die 42 Jahre alte „Poseidon“ will Herzig daher extra noch mal eine neue Betriebsgenehmigung für 2020 einholen.

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