Grippesaison gestartet : Dreifach-Grippeimpfstoff mit Schwächen: Wichtiger Virus nicht enthalten

Die Grippeimpfung verhilft nicht nur zu Antikörpern, auch die Immunabwehr körpereigener T-Zellen könnte erhöht werden. Das legt eine Studie aus Spanien nahe.
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In Deutschland hatten die H3N2-Viren zuletzt in der Influenzasaison 2016/17 dominiert.

59 Prozent der bisher nachgewiesenen Fälle sind Influenza-B-Viren der Yamagata-Linie. Die Komponente fehlt im Impfstoff.

shz.de von
16. Januar 2018, 08:36 Uhr

Zum Start der Grippewelle in Deutschland spielt der gefürchtete H3N2-Virus eine untergeordnete Rolle. Stattdessen sind mit 59 Prozent der bisher nachgewiesenen Fälle Influenza-B-Viren der Yamagata-Linie ungewöhnlich oft vertreten. In dem Dreifach-Impfstoff, den die gesetzlichen Krankenkassen erstatten, ist diese Komponente nicht enthalten. Wohl aber in dem teureren Vierfachimpfstoff, der noch keine Kassenleistung ist.

„Mehr als die Hälfte der Influenza-Fälle werden fast ausschließlich durch die Typ-B-Linie, die nicht im Dreier-Impfstoff enthalten ist, verursacht“, sagt die Sprecherin des Robert-Koch-Institus Susanne Glasmacher in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Zwar würden die meisten schweren Grippewellen mit vielen Todesfällen, vor allem bei alten Menschen, durch H3N2 verursacht, so die Sprecherin weiter. Das heiße aber nicht, dass man an Influenza B nicht sterben könne. Von den in Deutschland bisher registrierten elf Todesfällen seien vier auf den Typ-B-Virus zurückzuführen.

Mit der Krankenkasse klären

Glasmacher betont, dass für die bekannten Risikogruppen eine Grippeimpfung grundsätzlichauch jetzt noch Sinn mache. Wegen der aktuellen Dominanz der Influenza-B-Viren der Yamagata-Linie sei es wohl ratsam, Hochrisikopatienten bevorzugt mit dem Vierfachimpfstoff zu versorgen. In Einzelfällen würden die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Glasmacher empfiehlt aber, das mit der Kasse vorab zu klären.

Für wen ist eine Grippeimpfung sinnvoll?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die jährliche Impfung gegen Grippe insbesondere allen Menschen, die bei einer Grippe ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Dazu gehören:

  • Ältere Menschen ab 60 Jahren
  • Chronisch Kranke mit Diabetes, Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Medizinisches Personal in Arztpraxen, Pflegeheimen oder Krankenhäusern
  • Schwangere

Experten empfehlen die Schutzimpfung vorzugsweise im Oktober oder November. Nach der Impfung braucht der Körper bis zu 14 Tagen Zeit, um einen ausreichenden Schutz vor einer Ansteckung mit Grippeviren aufzubauen.

Der Influenzaimpfstoff für die Saison 2017/2018 setzt sich gemäß der Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) laut Paul-Ehrlich-Institut aus den Antigenen weltweit zirkulierender Varianten folgender Viren zusammen:

  • A/Michigan/45/2015 (H1N1) pdm09
  • A/Hong Kong/4801/2014 (H3N2)
  • B/Brisbane/60/2008

Eine Grippeimpfung kann grundsätzlich von jeder Ärztin oder jedem Arzt durchgeführt werden. Einzelne Gesundheitsämter impfen gegen Grippe und auch einige Arbeitgeber bieten eine Impfung im Betrieb an.

 

Nachimpfen lassen?

Und wie sollen sich Personen verhalten, die sich bereits mit dem Dreifach-Impfstoff haben impfen lassen? Eine generelle Empfehlung, sich mit einem Vierfachimpfstoff nachimpfen zu lassen, gibt es nach Angaben von Glasmacher nicht. Dafür stehe auch gar nicht genügend Impfstoff zur Verfügung. „Wenn jemand aber besondere Risiken für einen schweren Verlauf hat, kann das infrage kommen.“ In Österreich, wo ebenfalls die B-Viren-Variante dominiert, ist der Vierfach-Impfstoff nach Medienberichten bereits ausverkauft.

Grippe-Symptome: echte Influenza oder Erkältung?

Woran erkennt man eine Grippe?

In den meisten Fällen kommt eine echte Grippe sehr plötzlich – manchmal innerhalb von Stunden. Bemerkbar macht sie sich durch Schüttelfrost und hohes Fieber. Hinzukommen häufig Halsschmerzen, Husten, tränende Augen, eine rinnende Nase, Übelkeit sowie Kopf- und Gliederschmerzen. Zudem haben die meisten Betroffenen ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl im ganzen Körper. Vorbeugen lässt sich einer Grippe mit einer Impfung. Allerdings schützt sie nicht zu 100 Prozent vor einer Erkrankung.

Wie bekämpft man den Virus?

Wen es schon getroffen hat, dem bleibt nicht viel mehr übrig, als das Bett zu hüten und die Symptome zu behandeln – etwa bei Husten zu inhalieren und Medikamente wie Ibuprofen gegen Schmerzen und Fieber einzunehmen. Außerdem ist es wichtig, viel zu trinken. Antibiotika sind für die Behandlung einer Grippe nicht geeignet. Ein Arztbesuch ist angebracht, wenn ein Betroffener starke Schmerzen oder Atemnot hat.

Wie verhindert man Ansteckungen?

Wer die Grippe hat, sollte engen Kontakt zu anderen Menschen möglichst vermeiden, empfiehlt das Robert-Koch-Institut (RKI). Am besten bleiben Erkrankte während der akuten Phase zu Hause. Besonders wichtig: Körperpflege. Wer schnupfen muss, sollte Einwegtaschentücher verwenden. Auch regelmäßiges Lüften ist wichtig.

Worin unterscheidet sich eine Erkältung?

Eine Erkältung beginnt im Gegensatz zur Grippe, die plötzlich auftritt, meist mit einem Kratzen im Hals. Später kommen Husten und Schnupfen hinzu, viele Betroffene fühlen sich müde und abgeschlagen. Manche klagen auch über Kopfschmerzen und Fieber. Eine Erkältung ist meist nach ein paar Tagen ausgestanden, während eine Grippeerkrankung bis zu zwei Wochen dauern kann. Auch bei einer Erkältung können wie oben erklärt lediglich die Symptome behandelt werden. (mit dpa)

 

Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland erstatten bislang meist nur den preiswerteren Dreifach-Impfstoff. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat ihre Empfehlung allerdings im Dezember vergangenen Jahres geändert und rät seitdem zum Vierfach-Impfstoff. Für die aktuelle Grippe-Saison kommt die Entscheidung aber zu spät. Das letzte Wort wird in Kürze der Gemeinsame Bundesausschuss sprechen.

H3N2-Virus in Großbritannien aktiv

Nach Angaben von Glasmacher passt der Dreifachimpfstoff für die andere Hälfte der derzeit zirkulierenden Grippeerreger aber ganz gut. Nach den Influenza-B-Viren der Yamagata-Linie mit 59 Prozent sind das mit etwa 30 Prozent die A(H1N1)pdm09-Viren. Influenza-A(H3N2)-Viren wurden in Deutschland bisher nur in elf Prozent der Fälle nachgewiesen. Das Verhältnis der verschiedenen Grippeerreger und damit auch die Passgenauigkeit des Impfstoffes könne sich im Verlauf der Saison aber noch ändern, betont die RKI-Sprecherin.

In Großbritannien sorgt zum Beispiel aktuell der H3N2-Erreger für überfüllte Krankenhäuser. Medien sprechen von der möglicherweise größten Grippewelle seit 50 Jahren. Mehr als 50.000 Operationen seien abgesagt oder verschoben worden, damit sich Krankenhäuser um die Grippe-Patienten kümmern können, heißt es.

Das H3N2-Virus hatte zuvor bereits in Australien für die größte Grippe-Pandemie seit 2009 gesorgt. Rund 170.000 Australier sollen sich 2017 mit dem Virus angesteckt haben, mehr als 300 Patienten seien daran gestorben. Weil die Briten davon ausgehen, dass die Grippewelle von Australien nach Großbritannien übergeschwappt sei, bezeichnen sie sie auch als „Aussie-Flu“.

Deutsche immunisiert?

In Deutschland hatten die H3N2-Viren zuletzt in der Influenzasaison 2016/17 dominiert. Dies könnte einen großen Teil der Bevölkerung immunisiert haben und somit schützen, vermutet das RKI als Grund für die aktuell geringe Nachweisrate.

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