Live-Stream-Plattform : YouNow – auch Medienanwälte warnen

Die Webcam kann unbemerkt zum Ausspionieren eines Computer-Nutzers verwendet werden. Foto: dpa
Die Webcam kann unbemerkt zum Ausspionieren eines Computer-Nutzers verwendet werden. Foto: dpa

Lustiger Zeitvertreib oder besorgniserregender Trend? Jugendschützer sehen in der Live-Streaming-Plattform YouNow eine große Gefahr. Juristen weisen auf teure Konsequenzen hin.

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21. Januar 2015, 07:00 Uhr

Anna* sitzt vor ihrer Webcam und steht anderen Internetnutzern in Echtzeit Rede und Antwort. Die Fragen und Kommentare prasseln via Chat auf sie ein, viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Damit ist das Mädchen Teil eines neuen – und nach Auffassung von Jugendschützern – besorgniserregenden Trends: Sie streamt live auf der Plattform YouNow. Nach nicht einmal 30 Minuten wissen die Beobachter, wie alt Anna ist, wie groß und dass sie sich nicht hübsch, ihre Nase zu groß, jedoch ihre Augen schön findet. „Unglaublich, mit welcher Gutgläubigkeit dort Daten preisgegeben werden“, sagt Irene Johns. „Das ist gefährlich.“ Der Landesvorsitzenden des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein war die Internetseite bislang unbekannt, weckt bei ihr aber große Sorge: „Wie viele Leute die Daten bekommen, ist den Jugendlichen nicht klar.“

Mit dieser Auffassung steht Johns nicht alleine da – im Internet formiert sich Widerstand, bekannte Youtuber wie Le Floid, Simon Unge oder Tooncraft warnen vor den Risiken. „Internet schön und gut, aber passt bitte auf. Im Internet gibt’s nicht nur nette Menschen“, warnt Tooncraft, der als erster dieses Thema aufgegriffen hat. „Ich weiß, mir hören die Mädels nicht zu. Die würden dann sagen: Was will der alte Sack von mir, der hat doch keine Ahnung“, sagt er in einer Videobotschaft und fordert seine jüngeren Kollegen auf, ihre Fans zu warnen.

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Youtuber Le Floid hingegen trifft mit seiner Videobotschaft ins Schwarze: „Sei nicht dumm“, sagt er deutlich. „Erst Kopf an“, dann das Internet. In einem Live-Stream würden die Jugendlichen schnell etwas sagen, was sie lieber nicht hätten sagen sollen, warnt Le Floid. Das Video des 2,3 Millionen Abonnenten starken Youtubers wurde inzwischen fast 860.000 Mal angesehen und knapp 4400 Mal kommentiert – unter anderem von einem weiteren Idol vieler Jugendlichen: Simon Unge. „Schön, dass du dieses YouNow Thema ansprichst“, pflichtet er seinem Kollegen bei. „Normalerweise werden solche Dinge immer erst dann heiß diskutiert, wenn es bereits zu spät ist.“

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Auch Kinderschützerin Johns sieht in der Initiative der Internetstars viel Potenzial: „Das ist nicht so pädagogisch, eher lustig und in der Sache klar“, zieht sie eine Bilanz des Le Floid-Videos. „Sobald etwas belehrend rüberkommt, sind die jungen Leute weg.“ Für Eltern eine schwierige Aufgabe. Dennoch müssten sie – ebenso wie Lehrer oder Erzieher – für solche Themen und Gefahren sensibilisiert werden.

Medienanwälte warnen außerdem davor, dass YouNow-Nutzer mit dem Urheber- und Persönlichkeitsrecht in Konflikt kommen können. So schreibt der Kölner Medienanwalt Christian Solmecke auf seiner Website:

Nicht wenige Jugendliche lassen die Kamera laufen, während sie im Unterricht sitzen oder mit ihren Freunden auf einer Party. Die Lehrer und Mitschüler wissen meist nicht, dass sie gerade gefilmt und im Live-Stream gezeigt werden. „Dies verstößt klar gegen die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen“ erklärt Christian Solmecke. „Hier könnten Unterlassungsansprüche auf die Jugendlichen zukommen. Außerdem droht ihnen unter Umständen auch eine Strafe nach Paragraph 201 Strafgesetzbuch. Die Norm schützt die Vertraulichkeit des gesprochenen Wortes und stellt die Aufnahme und Veröffentlichung heimlich aufgenommener Gespräche unter Strafe.“

Der Mainzer Medienanwalt Tobias Röttger schreibt:

„Einige Livestreams wurden direkt aus der Klasse - während des laufenden Unterrichts - gesendet. Im Livestream war nicht nur der YouNower, sondern auch noch andere Klassenkameraden zu sehen. An dem Vortrag des Lehrers nahm man auch teil. Wissen die Klassenkameraden nichts davon, dass sie gerade gefilmt und live im Internet verbreitet werden, stellt dies eine Persönlichkeitsrechtsverletzung dar, sofern diese damit nicht einverstanden sind. Dies ist ein Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild und kann kostenpflichtig abgemahnt werden.“

Die Betreiber der Webseite selbst raten in den Nutzungsregeln, dass Eltern ihre Kinder aufklären sollten über die Risiken beim Streamen. Außerdem sollten Kinder unter 13 Jahren achtsam mit den Informationen umgehen, die sie dort preisgeben. Doch wie viele Eltern wissen überhaupt, dass ihr Kind in einem Livechat persönliche Dinge von sich erzählt?

Auch für Silke Rohwer ist die Plattform neu, wird von der Schulleiterin der Gemeinschaftsschule Neumünster-Brachenfeld aber in die Kategorie „hoch bedenklich“ eingestuft. „Es ist eine Fortsetzung der Entwicklung, die wir gerade haben“, sagt sie nüchtern und spielt damit auf die digitalen Medien und sozialen Netzwerke allgemein an. Sie sieht eine große Verantwortung auf der Seite der Erwachsenen: „Wir müssen die Kinder stark machen in ihrer Persönlichkeit und ihnen so Rüstzeug für die Jahre des Wandels mitgeben.“ Nur so könnten sie in der Pubertät, „wo ohnehin alles doof ist“, einigermaßen gelassen sein. Denn als mögliche Gründe für eine Anmeldung bei dem Dienst sehen Rohwer und Johns den sozialen Druck, den Freunde und Mitschüler ausüben können. Für Kinder seien die Konsequenzen nicht zu überblicken, sagt Johns: „Wie viele Leute ihre Daten bekommen, ist ihnen nicht klar.“

*Name von der Redaktion geändert

> Wie Sie Ihre Kinder vor Gefahren aus dem Netz schützen können, lesen Sie hier.

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