Gewalt in Computerspielen : Wenn Kinder Soldaten steuern

Extreme Computespiele: Eltern sollten keine Pauschalverbote erteilen.
Extreme Computespiele: Eltern sollten keine Pauschalverbote erteilen.

Gewalthaltige Computerspiele sind bei Kindern und Jugendlichen beliebt. Was Eltern wissen sollten.

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17. Juli 2014, 20:00 Uhr

Kiel | Die Zahl der Computer spielenden Jugendlichen steigt stetig. In Deutschland konsumieren 93 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren Computer- und Videospiele, fand eine Bitkom-Umfrage kürzlich heraus. Regelmäßig auf den vorderen Plätzen in den Verkaufscharts: Spiele mit gewalthaltigen Inhalten. Das fordert Eltern heraus, denn sie wissen nicht immer, was ihren Kindern vor den Bildschirmen entgegenstrahlt.

Für Aufklärung sorgt Henning Fietze. Er ist Leiter Medienkompetenz beim Offenen Kanal Kiel und rief das Projekt „gametreff“ ins Leben. Seit acht Jahren, tourt der  Medienpädagoge mit seinem Team durch Schleswig-Holstein und bietet Eltern und Lehrern an, die Spiele selber auszuprobieren. Der Experte rät Eltern davon ab, pauschal zu verbieten, was sie nicht kennen. Denn Computerspiele seien heute in der Mitte der Jugend ganz präsent. „Man sollte lieber fundiert den Kopf schütteln, als einfach nur die Schultern zu zucken“, sagt Fietze.

Computerspiele spiegeln die gesamte, menschliche Lebenswelt wider. Genauso wie in Filmen und Büchern hat ein nicht unbeträchtlicher Teil der immer teurer werdenden Produktionen Gewalt zum Thema. Für Fietze eine nachvollziehbare Entwicklung: „Schonungslose Bilder von Scharfschützen in Kiew, geschändete Frauen in Indien oder Terror-Angriffe prägen unsere Nachrichten. Das ist die Welt, in der Kinder und Jugendliche aufwachsen. Da müssen wir uns nicht wundern, dass in dieser Welt auch Ego-Shooter ihren Platz finden.“

Und tatsächlich: Die aktuelle JIM-Studie (Jugend, Information, (Multi-) Media) vom Medienpädagogischem Forschungsverband bestätigt das. Zwar steht mit dem Titel „FIFA“ (19 Prozent) ein Sportspiel auf Platz eins der beliebtesten Spiele 2013. Doch mit „Call of Duty“ (14 Prozent) folgt ein Ego-Shooter ohne Jugendfreigabe. Schon in der Gruppe der 14 bis 15 Jahre alten Kinder rangiert das Spiel auf Platz zwei.

Gerechtigkeit durch Selbstjustiz, gewaltbeherrschte Spielaufgaben und vermittelte Kriegsbegeisterung – erfüllen Computer- oder Videospiele diese Kriterien, erhalten sie keine Jugendfreigabe. Das entscheidet in Deutschland die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), die freiwillige Selbstkontrolle der Computerspielewirtschaft. Solche Spiele werden von der Prüfstelle in Berlin auf der Verpackung mit einem roten „USK ab 18“ gekennzeichnet. Daneben gibt es noch Alterskennzeichen für Spiele ab 16, zwölf sowie sechs Jahren und ohne Altersbeschränkung (siehe Infokasten). An diese Vorgaben sollten Eltern sich halten, rät Henning Fietze.

Bei Jugendlichen seien extreme Spiele oder exzessives Spielen oft ein Mittel zur Abgrenzung vom Elternhaus, erklärt er. „Sie wollen Grenzen überschreiten und das austesten, was nicht gesellschaftskonform ist“, so der Medienpädagoge. Bei seinen Vorträgen gebe es häufig zwei Seiten. Computerspieler schütteln ihren Kopf über kritische Pauschalurteile und bewusst erziehende Eltern fragen sich, ob so viel Gewalt gesund sein kann. „Das ist ein Bauchgefühl, das wir den Eltern nicht nehmen wollen. Medizinisch wurde aber bisher kein Zusammenhang zwischen Gewalt und Videospielen nachgewiesen.“

Der Psychologe Lars Riesner sieht das etwas anders: „Viele Studien zeigen, dass sich das Spielen gewalthaltiger Videospiele auf den Menschen auswirkt. Dieser Effekt ist jedoch sehr klein.“ Er forscht an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel an der Entstehung von Aggression. Einige Studien hätten erwiesen, dass nach dem Konsum derartiger Spiele die Informationsverarbeitung verzerrt werde – also die Art und Weise, wie wir Situationen wahrnehmen und bewerten. „Unklare Situationen werden dann eher feindselig interpretiert“, erklärt Riesner. Wer nach dem Spielen von beispielsweise Ego-Shootern in einer Menschenmenge angerempelt wird, würde das unter diesem Einfluss eher als Provokation empfinden. „Dieser Effekt ist allerdings eher klein und kurzfristiger Natur“, so der Psychologe.

In Debatten über Gewalt in Computerspielen nach Amok-Läufen gerate dieser Aspekt allerdings häufig in den Vordergrund, obwohl der Effekt nur einen kleinen Teil bei der Entstehung von Aggression ausmache. „Es kommt darauf an, wer solche Spiele spielt“, sagt Riesner. Die Ursachen von Aggressivität sind komplex. Risikofaktoren können zum Beispiel genetisch vorbedingte Entwicklungsdefizite sein, die die Intelligenz beeinträchtigen. Aber vor allem die Erziehung der Kinder ist wichtig. „Es sollte ein warmer und wertschätzender Umgang sein. Dazu gehört aber auch, dass Kinder das Einhalten von Regeln lernen“, sagt Riesner.

Letztlich hat auch die Art und Weise, wie Eltern Konflikte untereinander lösen eine große Vorbildwirkung. Probleme in der Schule und mit den Gleichaltrigen können aggressives Verhalten weiter fördern. „Es gibt keine einfache Erklärung für das Entstehen von Gewalt. Man sollte Computerspiele dabei weder verharmlosen noch dramatisieren“, sagt Lars Riesner.

Das steckt hinter den Altersgrenzen der USK:

USK ab 0: Familienfreundliche Spiele die aus Sicht des Jugendschutzes keinerlei Beeinträchtigungen für Kinder beinhalten.

USK ab 6: Familienfreundliche Spiele, die aber spannender und wettkampfbetonter sind.

USK ab 12: Deutlich kampfbetonter. Die Spiele bieten aber ausreichend Distanzierungsmöglichkeiten für den Spieler, indem sie zum Beispiel in einer märchenhaft-mystischen Kontext stattfinden.

USK ab 16: Diese Spiele zeigen Gewalthandlungen und richten sich auch an Erwachsene als Käufer. Häufig geht es um bewaffnete Kämpfe und militärische Missionen.

USK ab 18: Ausschließlich gewalthaltige Spielkonzepte mit oft düsterer und bedrohlicher Atmosphäre. Sie richten sich nur an Erwachsene.

Kein USK-Zeichen: Hierbei handelt es sich um von der Bundesprüfstelle für jungendgefährdende Medien indizierte (verbotene) Spiele.

[1] Die aktuelle JIM-Studie (pdf): http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf13/JIMStudie2013.pdf

[2] Informationen zum Gametreff in Kiel: http://bit.ly/1iZBGes

[3] Weiterführende Informationen der USK: http://www.usk.de/

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