«Zeitversetztes Fernsehen» : Wenn der Ball zu spät ins Tor rollt

Bei Fußballübertragungen kann es passieren, dann manche Zuschauer ein Tor erst später wahrnehmen als andere.
Bei Fußballübertragungen kann es passieren, dann manche Zuschauer ein Tor erst später wahrnehmen als andere.

Wer schießt das schnellste Tor? Diese Frage wird sich zur Fußball-WM nicht nur auf dem Rasen klären, sondern auch am Fernseher. Hier müssen manche Fans auf das Tor noch warten, während die Nachbarn schon jubeln.

shz.de von
31. Mai 2018, 17:15 Uhr

Wann bei der Fußball-WM das erste Tor fällt, steht fürZuschauer, die das Fernsehsignal per Streaming empfangen, jetzt schonfest: Nämlich mindestens 20 Sekunden später. Dann erst geht der Ballauf den TV-Geräten ins Tor - bestenfalls.

Es bleibe bei der Übertragung alles beim Alten, das TV-Signal kommeteilweise «erschreckend langsam» auf den Fernsehern an, sagte UlrikeKuhlmann, Redakteurin beim IT-Fachmagazin «c't», der DeutschenPresse-Agentur. Die Redaktion hatte die Ausstrahlung überverschiedene Wege gemessen und teils bis zu 50 Sekunden Zeitunterschied festgestellt - eine halbe Ewigkeit für Fußballfans,die bei offenem Fenster auf das vom Nachbarn längst bejubelte Torwarten müssen. «Haben die Nachbarn Zugriff auf Satellitensignale,können das beim Elfmeterschießen seeehr lange Sekunden werden», sagtKuhlmann.

Bereits zur WM vor vier Jahren hatte der Effekt des «zeitversetztenFernsehens» bei vielen Zuschauern für Unmut gesorgt. Ganz vorne sindauch in diesem Jahr die Fans, die per Satellit empfangen. Dabei seibei ersten Messungen das Bild in schwacher SD-Auflösung mit 4,5Sekunden am schnellsten angekommen, obwohl dafür das ausgesendeteHD-Signal noch heruntergerechnet werden müsse, sagt Kuhlmann. Dichtdarauf folgt das Sat-Signal in HD, das eine halbe Sekunde später aufdem Fernsehbildschirm erscheint, aber auch mit einem deutlichbesseren Bild entschädigt.

Wer sein TV-Programm terrestrisch über DVB-T2 HD erhält, empfängstdie Ausstrahlung im ZDF (2,5 Sekunden Verzögerung zum Sat-SD-Signal)jedoch deutlich schneller als in der ARD (4,5 Sekunden). Dahinterfolgt den Messungen der «c't» zufolge das Signal über Kabel. In hoherAuflösung braucht es je nach TV-Sender 6 oder 6,5 Sekunden.

Noch länger müssen Nutzer des Telekom-Angebots «Entertain» auf dasTor warten. «Die Problematik ist bekannt», sagte Telekom-SprecherMalte Reinhardt der dpa. Sie betreffe alle digitalenÜbertragungswege, für die die über Satellit übermittelten Signalenoch transcodiert werden müssten. Aktuell falle die Wiedergabe desTV-Bilds über das Streaming-Angebot «Entertain» etwa zwischen 8 und10 Sekunden zurück. Die Telekom arbeite zwar an neuen Technologien,aber bis zur WM werde sich an der Verzögerung nichts ändern.

Streaming-Anbieter, die keine Multicast-Technologie (Aussendung einesSignals an viele Kunden) verwenden, lägen aber noch weit dahinter, dakönne die Verzögerung schon mal bis zu 50 Sekunden dauern, sagteReinhardt. Auf dieses Schneckentempo kommen auch die Redakteure der«c't» in ihrem Testlabor. «Da jubeln die Nachbarn schon lange», bevorder Ball auf dem eigenen Bildschirm ins Tor gehe, sagt Kuhlmann.

«Wenn die Straße jubelt, weiß man, es passiert gleich was», sagt JörgMeyer vom TV-Streaming-Anbieter Zattoo. Bei Live-Übertragungen wieder Fußball-WM könne die Verzögerung beim Streaming schon malunangenehm auffallen, wenn die ganze Straße mitfiebere. Beim normalenTV-Programm, etwa beim «Tatort» spiele sie dagegen eher keine Rolle.«Die zeitliche Verzögerung kann man nicht wegreden.»

«Wir speichern zudem das Signal für eine flüssige Wiedergabe ein paarSekunden auf den Endgeräten zwischen», sagt Meyer. Die Schnelligkeithänge aber auch von Faktoren wie der Leistungsfähigkeit desFernsehers ab. Zattoo sei aber immerhin schneller als der Live-Streamüber Mediatheken von ARD und ZDF. Die «c't»-Redakteure kommen je nachAusgabemedium auf Verzögerungen von 34 bis 46 Sekunden.

Es gebe technisch bereits verschiedene Ansätze in derTV-Streaming-Branche, das Phänomen in den Griff zu bekommen, sagtMeyer. Spitzenreiter ist der Streaming-Dienst Magine, der auf einemAppleTV auf 21 Sekunden bei der ARD und 20 Sekunden beim ZDF kommt.Unterdessen ist das Streaming-Angebot Waipu.tv bereits in diesemSommer einen großen Schritt weiter. Noch rechtzeitig zur WM will dieExaring AG «das schnellste Tor ins Wohnzimmer» bringen. Mit einerneuen Technologie werde Waipu.tv die Tore sogar noch einige Sekundenfrüher als im Kabel-Fernsehen zeigen können, kündigte das Unternehmenan.

Der Anbieter hat dafür ein schnelles Übertragungsverfahren entwickeltund bereits international zum Patent angemeldet. «Über unser eigenesGlasfasernetz und die Vielzahl von Koppelpunkten mit DSL-Netzenkönnen wir die Stärke unseres neuen Übertragungsverfahrens maximalausreizen», erklärte Johannes Deisenhofer, Chef der Exaring AG. Dafürwerde es zusätzlich mit intelligentem Traffic- und Routing-Managementkombiniert.

Die Turbo-Übertragung soll noch rechtzeitig vor Start der WM allenKunden zur Verfügung stehen, die das «Perfect»-Paket abonniert haben.Vorerst lässt sich das Angebot jedoch nur mit Amazons Fire TV odereinem Fire-Tablet sowie über eine App auf Android-Smartphones nutzen.

Sven Hansen und Ulrike Kuhlmann von der «c't» haben das neue Waipu.TVbereits im Testlabor unter die Lupe genommen: Demnach kommt es beider Ausstrahlung sowohl in der ARD als auch im ZDF auf eineLatenzzeit von 2,3 Sekunden und liegt damit vor dem terrestrischenSignal (4,5 beziehungsweise 2,5 Sekunden) wie auch vor derHD-Ausstrahlung über Kabel (6,5 und 6 Sekunden). Schneller ist nurdas Bild über Satellit (0,5 Sekunden Latenz in hoher Auflösung). AlsAusgangswert (Null) wurde das herkömmliche SD-Bild über Satellitgenommen, das mit 4,5 Sekunden hinter der Echtzeit liegt. Denn ganzohne Verzögerung geht es nur auf dem Fußballfeld.

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