Nagars Netzwelt : Weitergezwitschert

mira

Nicht für das Internet, sondern fürs Leben twittern wir.

von
16. Januar 2015, 08:58 Uhr

Manchmal schafft es das Netzgezwitscher, Einfluss zu üben auf den realen Diskurs. So moserte eine 17 Jahre alte Schülerin via Twitter über das Schulsystem und halb Deutschland debattiert einmal mehr über Bildung. Die Bildzeitung springt auf, die „Welt“, selbst die Bildungsministerin meldet sich zu Wort. Da muss die Schülerin einen Nerv getroffen haben – und das mit nur wenigen Zeichen, die eigentlich für ihre Freunde gedacht waren. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, schrieb Naina.

Dass ihr Alltagsfrust sich so weit verbreitet, hätte die Gymnasiastin sicher niemals gedacht. Aber so ist das manchmal im weltweiten Web. Da blubbern tausend, ja Millionen Fische um die Wette und irgendwann bringt es jemand zur rechten Zeit auf den Punkt. Der Tweet wird von anderen weitergeteilt, wohl auch von Menschen mit vielen sogenannten Followern. So schwappt er auch in Richtung „Welt“ und Wanka. Dabei machen die Sätze der Schülerin mal wieder deutlich: Wo auch immer es drückt, wird die Kultur infrage gestellt. Auch im Netz.

Vielleicht hat die Resonanz auf den Tweet der Jugendlichen tatsächlich mehr beigebracht als die Interpretation eines Trakl-Gedichts. Und sicher kann es nicht schaden, Schülern mehr praktische Lebenshilfe mit auf den Weg zu geben. Wie schreibe ich Bewerbungen? Wie entsteht ein Schneeballeffekt? Wie eröffne ich ein Twitterkonto? Obwohl: Das können die meisten Schüler ja, ohne dass ein Lehrer es zeigt. Merkwürdig.

Vor allem aber sollte man Kindern zeigen, wo sie Informationen zum Alltag finden können, die Schule und Eltern ihnen vorenthalten haben – und wie sie diese verarbeiten können. Welche Quelle ist verlässlich? Wann sollte ich eine Aussage hinterfragen? Einfach nur Stichwörter bei Wikipedia oder Google einzugeben, beherrschen die meisten ja, wie den Lehrern bei Durchsicht von Hausarbeiten immer wieder klar wird. Wichtiger ist die Analyse. Vielleicht ist eine der wichtigsten Aufgaben, Jugendlichen zu erklären, dass man ab einem bestimmten Alter selbst für seine Weiterbildung verantwortlich ist. Denn sie geht weit über das hinaus, was einem eingetrichtert wird. Und vielleicht sollte man mal erzählen, dass Gedichte über das Leben an sich mehr sagen als Steuererklärungsformulare. Oder um es mit einem weit verbreiteten Twitterspruch zu sagen: „Earth without art is just ,eh’.“

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