Dreyklufts Netzwelt : Was Islamisten- und Internetkritiker gemein haben

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Beide zielen auf „die Mittelschicht“ und bedienen eine diffuse Angst vor dem Kapitalismus, meint unser Kolumnist.

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20. Januar 2015, 18:10 Uhr

Wenn in Dresden Menschen unter dem Pegida-Label auf die Straße gehen, demonstrieren sie laut eigener Aussage gegen die Islamisierung des Abendlands. Das nehmen ich Ihnen nicht ab. Es geht ihnen um etwas anderes.

Diejenigen, die nicht den Islam, sondern das Internet für die größte Bedrohung der Menschheit halten, haben nicht die Straße, sondern das Feuilleton zu ihrem Schauplatz erkoren. Doch auch hier werde ich das Gefühl nicht los, es geht eigentlich nicht ums Internet.
Auffällig oft kommt der Satz: Das Internet zerstöre die Mittelschicht. Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Jaron Lanier vertritt diese These. Und auch der Internetkritiker Andrew Keen tut dies in seinem neuen Buch „Das digitale Debakel“.

Bei allen sonstigen Unterschieden zwischen Kathrin Oertel und Lutz Bachmann von Pegida sowie Lanier und Keen: Ich werde das Gefühl nicht los, hier werden Themen, die in der „Mittelschicht“ gut ankommen nach außen getragen, um die es im Kern aber nicht wirklich geht.
Ich glaube, das eigentliche Thema ist der Kapitalismus. Pegida-Anhänger, die laut einer Untersuchung der TU Dresden überwiegend aus der Mittelschicht kommen, haben keine Angst vor dem Islam. Sie haben eine diffuse Angst davor, sozial abzusteigen, im Wirtschaftssystem aufgerieben zu werden. Die Studie wurde zurecht als nicht repräsentativ kritisiert, beschreibt diesen Aspekt aber ganz gut.

In einem Interview mit Spiegel Online bestätigt Keen, dass es ihm um Kapitalismuskritik geht, nicht um den Kapitalismus an sich, wie er betont, sondern um „globalen, libertären Kapitalismus, in dem der Markt vollständig dominiert“. Und betont: „Ich bin kein Marxist.“
Einen Ort im Internet gibt es übrigens, an dem offen Pegida-Inhalte und Kapitalismuskritik aufeinandertreffen: Putins Propagandakanal RT-deutsch. Mit dabei, die Älteren erinnern sich noch: Eva Herman.

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