Internetausbau : „Was in Heide passiert, bleibt in Heide“

Mein persönliches Lieblings-Feature-Foto zum Thema Internet: Eine Nacktschnecke demonstriert anschaulich die Internetgeschwindigkeit in so mancher ländlicher Region.
Foto:
Mein persönliches Lieblings-Feature-Krampf-Foto zum Thema Internet: Eine Nacktschnecke demonstriert anschaulich die Internetgeschwindigkeit in so mancher ländlicher Region.

Ein fadenscheiniges Netz – und kein Café mit WLan in Sicht: Informationen vom Lande können unmöglich an die Öffentlichkeit gelangen. Zum Glück weiß das aus besagtem Grund keiner.

von
23. Juli 2015, 18:09 Uhr

Heide | Es ist immer wieder possierlich zu sehen, wenn sich das Großstadtnerdmännchen aus seinem angestammten Territorium in die unbekannte Welt der norddeutschen Prärie aufmacht. Ein wenig verschreckt bewegt es sich im platten, leeren Revier, dieser Wiese zwischen Hamburg und Dänemark. Verunsichert ob der Menschenleere und Schaffülle – und ob der schlechten Abdeckung an Vegan-Burger-Buden und Hipstercafés. Fragend blickt das Männchen auf den eingeborenen Barista, hier irrsinnigerweise Kaffee-Mann genannt, der tatsächlich Kakaopulver auf den Milchschaum streut. Diesen Zivilisationsrückstand kann es noch mit einer gewissen Belustigung wahrnehmen, auch die miserablen Zugverbindungen und der so gut wie nicht vorhandene Busverkehr gehören zum Abenteuer dazu. Doch mit einem hat er nicht gerechnet: Dem Netz. Beziehungsweise der Abwesenheit desselben. So ging es kürzlich einem Spiegel-Online-Reporter, der aus Heide über die Weltpremiere des Films mit dem lyrischen Titel „Kartoffelsalat“ berichten musste („weil Berlin und Hamburg angesichts all der Youtube-Fans eine Massenpanik fürchteten.“) In einem herzzerreißenden und vielbeachteten Abenteuerbericht beklagt er, dass er mit O2 kein LTE hatte und keines der Cafés ihm WLan anbieten konnte. Sein Fazit: Von Dithmarschen aus können unmöglich Informationen an die Außenwelt gelangen: „Was in Heide passiert, bleibt in Heide.“

Nun will ich gar nicht zu sehr auf diesem mutigen Rüdiger Nehberg der Nerdwelt herumhacken, sondern dem Großstädter auf Abwegen ein paar Survival-Tipps ans Herz legen.

Tipp 1: Geduld einpacken. Das auf der Autofahrt geknipste Foto der Schafstedter Hochbrücke braucht zum Hochladen bis Itzehoe. Es sei denn, man gerät in eine Baustelle.

Tipp 2: Nutze die Nacht. Plötzliche Menschenmassen legen das klapperdürre Landnetz lahm. Auf dem Wacken Open Air beispielsweise haben Fotos zwischen 5 und 6 Uhr morgens die besten Chancen auf erfolgreiches Hochladen.

Tipp 3: Glaube keiner Netzabdeckungskarte, deren Zahlen du nicht selbst zurechtgeschummelt hast. Wer auch nur einmal versucht hat, sich mit dem Thema Breitbandausbau zu beschäftigen, wird schnell merken: Die Aussagen dazu sind stark von persönlichen Interessen geprägt. Man frage dazu die Telekom, das Wirtschaftsministerium und das Breitbandkompetenzzentrum und erhalte drei völlig gegenteilige Sichtweisen. Die eierigen und immer wieder mit neuen Zielvorgaben gespickten Aussagen des Bundes, dass doch mal was für den Breitbandausbau im ländlichen Raum getan werden müsse, sind übrigens nicht als Running Gag gemeint. Ich fürchte, die meinen das ernst.

Tipp 4: Lücken stopfen. Anders als der realkontaktscheue Großstädter, ist der norddeutsche Ureinwohner hilfsbereit und kennt sich aus mit Lücken im Netz. Ich habe einmal verzweifelt versucht, über Vodafone ein Video von der Hallig Langeneß hochzuladen. Auch als ich mich mit  meinem Laptop auf einen für Langeneß sehr hohen Punkt gestellt habe (bestimmt 2m ü. NN) und den Rechner in die Luft gereckt habe wie den zukünftigen König der Löwen, klappte das nicht. Ein Landwirt bot mir sein rattenschnelles Internet an. Schwupps, das Video war hochgeladen -  „Jo, kein Problem.“ In der Prärie bekommt man eben noch lückenlosen Pragmatismus und manchmal noch einen Kaffee zum Netz. Zuweilen sogar mit Kakaopulver obendrauf. Aber das kennt das Großstadtmännchen ja mittlerweile.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen