Digitale Körperimplantate : Warum ein Hamburger Menschen zu Cyborgs macht

Patrick Kramer injiziert einer Journalistin einen Chip. Ist der richtig programmiert, kann sie damit Türen öffnen oder Bahntickets darauf speichern.
Patrick Kramer injiziert einer Journalistin einen Chip. Ist der richtig programmiert, kann sie damit Türen öffnen oder Bahntickets darauf speichern.

Patrick Kramer injiziert Freiwilligen RFID-Chips unter die Haut. Er will Menschen vernetzen und leistungsfähiger machen.

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19. August 2017, 15:09 Uhr

Hamburger | Im Science-Fiction-Film „Robocop“ aus dem Jahre 1987 begibt sich die Titelfigur als Mensch im Roboterkörper auf Verbrecherjagd. Der metallische Rumpf und die Gliedmaßen sind unempfindlich gegen konventionelle Waffen. Für Patrick Kramer ist jener Robocop die – wenn auch extreme, so doch gelungene – Umsetzung eines Cyborgs, also eines künstlich optimierten Menschen. Kramer hält die biometrische Aufrüstung des Menschen für erstrebenswert. Deshalb entwickelt und vertreibt seine Hamburger Firma „Digiwell“ digitale Körperimplantate.

Im Vorwege der Internationalen Funkausstellung IFA demonstriert Kramer das Procedere und damit eines der großen Themen der Messe. Er injiziert Freiwilligen RFID-Chips ins Gewebe zwischen Daumen und Zeigefinger. Dazu desinfiziert er die Einstichstelle und spritzt den Chip in die Unterhaut. Viele hundert dieser Nahfrequenz-Chips, die via Radiowellen mit Empfangsgeräten kommunizieren, habe seine Firma in den letzten Jahren eingepflanzt. Die Chips werden seit mehr als zehn Jahren im Handel eingesetzt, insbesondere in der Logistik, zunehmend in höherwertigen Smartphones und Wearables, also digitalen Kleidungsstücken.

„Wir unterstützen Menschen dabei, leistungsfähiger zu sein, schneller zu denken und einfach besser zu leben“, sagt Kramer. Er ist überzeugt: Die Zukunft gehört den sogenannten Bodyhackern. Das zeigt er anhand seines dreijährigen Sohnes. Kramer und seine Frau sind mit Chips unter der Haut ausgestattet und öffnen ganz selbstverständlich die Tür ihrer Wohnung via Implantat. „Mein Sohn wächst mit Cyborgs als Eltern auf, er versucht bereits Türen aufzumachen, indem er mit der Hand davor wedelt“, sagt Kramer. „Der Aufschrei in der Öffentlichkeit wäre aktuell noch sehr groß, wenn wir unseren Sohn chippen ließen; doch in der Zukunft wird wohl kaum jemand mehr Anstoß daran nehmen.“

Die Chip-Sets von Kramers Firma kosten 50 bis 90 Euro, darin befinden sich RFID-Chips mit Spritze, Handschuhen und Tupfern. So kann sich der Laie die High-Tech-Fremdkörper selbst unter der Haut applizieren. Empfehlenswert sei das nicht, sagt Kramer und rät, einen Piercing-Spezialisten oder medizinisches Fachpersonal damit zu betrauen. Alternativ gibt er via Skype Hilfestellung. Die Batterie soll zwei Jahre halten, dann lässt sich der Chip mit angeblich geringem Aufwand tauschen. Der Träger soll das winzige Utensil nicht wahrnehmen.

Für die mittlere Zukunft, also für die 2030er Jahre, rechnet Kramer mit einer etablierten Bodyhacking-Branche mit Milliarden-Umsätzen und Gehirnimplantaten, mit denen sich Nutzer ohne Zusatzgeräte miteinander vernetzen können – ähnlich wie die Borg-Wesen in der Science-Fiction-Serie „Star Trek“. Bis 2035 könnten Nano-Roboter im menschlichen Hirn angekommen sein: Sie könnten VR-Brillen ersetzen – und Schwierigkeiten bereiten, zwischen der virtuellen und der echten Welt zu unterscheiden.

Und sollten die Cyborgs einmal gehackt werden, könnte plötzlich die eigene Haustür versperrt bleiben, kein Milchkaffee mehr bestellt werden können oder das Smartphone den Zugriff verweigern.

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