Studie der Aalborg Universität : Verkehrsrisiko: Handynutzer gehen unsicher wie sehr alte Menschen

Die intensive Nutzung des Smartphones wirkt sich negativ auf unsere Motorik aus.

Die intensive Nutzung des Smartphones wirkt sich negativ auf unsere Motorik aus.

Intensive Smartphone-Nutzung im Straßenverkehr macht Fußgänger zur Gefahr für sich und andere.

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18. März 2018, 19:01 Uhr

Gerade war der Gehweg noch frei – und nun steht da plötzlich dieser Kinderwagen im Weg. Und als ich auf die Straße zuging, war kein Verkehr. Wo kam dann aber der Bus da plötzlich her, dem ich gerade noch ausweichen konnte? Wer seinen Blick aufs Smartphone richtet, kennt Schrecksituationen wie diese. Sie betreffen nicht nur Autofahrer, sondern besonders auch Fußgänger.

Eine Untersuchung der Aalborg Universitet (AAU) bestätigt den persönlichen Eindruck jetzt auch wissenschaftlich: Wer zu Fuß unterwegs ist und dabei Nachrichten auf seinem mobilen Endgerät liest oder Textnachrichten schreibt, geht instabil und hat ein deutlich erhöhtes Sturzrisiko.

Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die Patrick Crowley von der norddänischen Hochschule bei Feldstudien teils in Dänemark, teils während eines viermonatigen Auslandssemesters an der Université Grenoble-Alpes in Frankreich gemacht hat. Der Studierende der Sportwissenschaft und Examenskandidat im neunten Semester sorgt mit seiner alltagsnahen Forschung sogar schon für Aufsehen in der Fachwelt. Seine Studie erschien bereits in „Clinical Reviews in Physical and Rehabilitation Medicin“.

Kognitive und motorische Fähigkeiten stark gefordert

„Die intensive Nutzung des Smartphones wirkt sich negativ auf unsere Motorik aus“, sagt Patrick Crowley. „Meine Untersuchung hat gezeigt: Wenn man junge, gesunde Menschen mit einem mobilen Endgerät ausstattet und sie bittet, im Gehen zu schreiben, wird ihr Gang deutlich schlechter und unsicherer. Sie machen beispielsweise kleinere Schritte und sind erkennbar unsicherer auf den Beinen.

Anders gesagt: Sie gehen genauso unsicher wie sehr alte Personen“, fasst Crowley zusammen. „Unsere kognitiven und motorischen Fähigkeiten werden so stark gefordert, dass wir beide Sachen nur noch halb so gut, also schlecht machen: Schreiben und Gehen. Wenn wir uns auch einbilden, gut im Multitasking zu sein, so zeigt sich doch, dass unsere Leistung schon beim Dual-Tasking nachlässt.“

Für seine Untersuchung stattete Crowley zweiundzwanzig Teilnehmer mit einem Beschleunigungsmesser, einem sogenannten Accelerometer, an Füßen und Rücken aus. Das Messgerät registriert als eine Art dreidimensionaler Schrittzähler die Stabilität bei der Fortbewegung. Dabei zeigte sich schnell, dass jene Sinne und kognitiven Ressourcen, die fürs Gehen gefordert sind, beim Blick nach unten stark eingeschränkt waren.

Gefahr für sich und andere

Alle Probanden bewegten sich langsamer und neigten zu Stürzen, weil ihre Seitwärtsbewegungen viel ausgeprägter waren als normal. Die Idee zu seiner Examensarbeit kam dem Nachwuchsforscher, als er auf dem Höhepunkt der Pokémon-Go-Welle im Sommer 2016 junge Menschen auf der Straße und an anderen Orten im öffentlichen Raum beobachtete. „Ich entdeckte immer mehr Kinder und Jugendliche, die so gefesselt von ihren Telefonen waren, dass sie sich selbst und andere gefährdeten“, erinnert sich Patrick Crowley.

Die Bedeutung der neuen Studie unterstreicht Professor Pascal Madeleine vom Institut für Medizin und Gesundheitstechnologie an der AAU. „Untersuchungen zu den Wirkungen der Smartphonenutzung bei Autofahrern gibt es schon länger. Dagegen fehlen bislang noch weiterführende Belege dafür, was mit uns passiert, wenn wir beim Gehen eine SMS schreiben. Die jetzt vorgelegte Studie bekräftigt, dass unser Gangmuster unsicher und instabil wird, wenn wir uns das Handy in seinen Bann zieht. Wir vergessen dann etwa, nach links und rechts zu schauen, bevor wir eine Straße überqueren. So werden wir im Verkehr zur Gefahr für uns selbst – und für andere.“

Weitere Fachbeiträge auf Basis der neuen dänischen Forschung zum Handyverhalten sind in Vorbereitung.

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