Beerdigung 2.0 : Trauer im Livestream

Das Internet ist Alltag, doch verlagert sich auch die Trauer bald dorthin? In Schleswig-Holstein und Hamburg bieten einige Bestatter die Trauerfeier via Livestream an – mit mäßigem Erfolg.

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13. Juli 2015, 11:32 Uhr

Der eine möchte in den Arm genommen und getröstet werden, andere wiederum legen in der Trauer nicht viel Wert auf Gesellschaft. Sich vor den Computer zu setzen und die Beisetzung eines liebgewonnenen Menschen im Livestream anzusehen – wäre das vielleicht der nächste Schritt für Eigenbrötler? „Das sollte nur die Ausnahme sein, manchmal können die Leute nicht zur Trauerfeier anreisen“, sagt Knud Petersdotter. Seit einem Jahr bietet der Preetzer Bestatter die Trauer via Livestream an. Jedoch nicht, um die Trauer ins Netz auszulagern, wie er betont. Eine Übertragung der Zeremonie ins Internet könne aber eine sinnvolle Ergänzung zur traditionellen Form des Abschieds sein. Bislang wurde das Angebot noch nicht in Anspruch genommen. „Ich würde das auch nicht fördern wollen“, sagt Petersdotter. Es sei wichtig, dass eine Feier im klassischen Sinne stattfindet, denn „dadurch findet auch Trauer statt.“ Dennoch: Man müsse an die Zukunft denken, räumt Petersdotter ein.

Das sieht auch Ralf Paulsen, stellvertretender Obermeister der Bestatterinnung Schleswig-Holstein, so. „Ich finde die Idee gut“, sagt er. „Die schnelllebige Zeit, in der wir leben, trennt ja auch Familien.“ Einen Markt für solche Angebote könne auch er jedoch noch nicht erkennen. „Es ist wichtig, die Menschen zum Trauern anzustoßen“ – und für Angehörige weit weg wäre dies immerhin ein Weg, am Abschied teilzuhaben.

Doch er sehe auch eine Gefahr in digitalen Angeboten wie Livestreams oder Kondolenzwebseiten: „Trauer erlebt man immer gemeinschaftlich.“ Und es sei eine gemeinschaftliche Aufgabe, gerade jungen Menschen, die sich selbstverständlich im Internet bewegten, das Ritual des Abschiednehmens näherzubringen. Für die Bestattungshäuser sei es wichtig, den Spagat zu schaffen zwischen neuer Technik und Althergebrachtem, sagt er. „Trauer muss richtig durchlebt werden können. Wenn die Technik dabei hilft, dann eben mit Technik.“ Man halte die technischen Voraussetzungen dafür vor, doch auch in seinem Bestattungshaus in Kiel fährt Paulsen eine ähnliche Linie wie sein Preetzer Kollege: „Das Angebot wurde noch nicht abgefragt und wir bewerben es auch nicht.“

Auch in Hamburg habe sich diese neue Form der Trauerverarbeitung bislang nicht durchgesetzt, sagt Frank Kuhlmann. „Wenn der Markt es verlangt, werden wir uns aber nicht sperren“, räumt der Obermeister der Bestatterinnung Hamburg ein. Livestreams seien zwar ein Thema in der Branche, „ich habe aber nicht das Gefühl, dass das ein Durchbruch wird“, sagt er. „Man verkriecht sich, kommt nicht mehr zusammen – aber genau das macht ja eine Trauerfeier aus.“ Das Fühlen, einander die Umarmen und die Hände reichen – „das können sie nicht wirklich ersetzen.“

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