Christiansens Netzwelt : Selfie-Wahn: Freunde aus dem Katalog

Smartphone & Co machen uns zu Narzissten. Manche Nutzer gehen für den schönen Schein ganz schön weit.

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28. März 2017, 08:57 Uhr

Mein Smartphone stirbt. Es wird immer mehr zur Qual, Nachrichten zu schreiben – das untere Viertel des Displays möchte nicht mehr auf Tippen oder Wischen reagieren. Fotos zu schießen ist nahezu unmöglich. Telefonnummern mit einer Null lassen sich schlicht nicht eingeben. Das nervt. Aber vielleicht haben die Wehwehchen meines Telefons auch etwas Gutes – sie könnten der Grund dafür sein, dass ich noch nicht dem totalen digitalen Narzissmus verfallen bin.

Oft schon haben wir gehört, dass die „Generation Selfie“ einen überzogenen Selbstdarstellungsdrang hat – deshalb heißt sie ja auch so. Jetzt ist diese These mal wieder als Ergebnis einer Studie aufgetaucht. Der Befragung einer Digitalagenturgruppe zufolge ist der Hang zum Narzissmus in der Gruppe derjenigen, die im Zeitraum von Anfang der Achtziger bis kurz vor der Jahrtausendwende geboren wurden, am höchsten (bundesweit gesehen sind deutsche Millennials um 13 Prozent narzisstischer veranlagt als ältere Generationen). Der Zusammenhang zwischen dem Narzissmus-Level der Millennials und ihrer Nutzung von Selfies und sozialen Medien soll sogar kausal zusammenhängen. Mehr digitale Darstellungsfläche = stärker ausgeprägte Selbstverliebtheit.

App-Entwickler wissen das. Selfies mit Tierohren bei „Snapchat“ oder Tanzeinlagen bei „Musically“ werden hochgeladen und von den Freunden bewertet. Das ist inzwischen auch hierzulande angekommen. In Japan geht der Hang zu Selbstdarstellung aber noch viel weiter: Für das perfekt inszenierte Selfie kann man hippe und gutaussehende „Freunde“ mieten. Das lässt das Leben interessant aussehen – weiß ja keiner, dass sie aus dem Katalog sind. Alles fürs perfekte digitale Leben.

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