Fragen und Antworten : Roaming und Netzneutralität: Die neuen EU-Regeln

Kostenschock am Strand? Das soll in Europa ein Ende haben. Die Aufschläge für das Verschicken von SMS, Surfen im Internet und Telefonieren im Ausland fallen in den nächsten zwei Jahren.
Kostenschock am Strand? Das soll in Europa ein Ende haben. Die Aufschläge für das Verschicken von SMS, Surfen im Internet und Telefonieren im Ausland fallen in den nächsten zwei Jahren.

SMS-Versand, mobiles Telefonieren und Surfen im Internet, das alles ist auch im EU-Ausland immer günstiger geworden. Nun sollen die Roaming-Gebühren wegfallen.

shz.de von
01. Juli 2015, 04:00 Uhr

Hektisches Telefonieren mit dem Kostenzähler im Kopf – und das im Urlaub? Das soll ein Ende haben. Die EU will die sogenannten Roaming-Gebühren für mobiles Telefonieren, Internet-Surfen und SMS-Versand im EU-Ausland binnen zwei Jahren abschaffen. Zudem gab es auch eine Entscheidung der EU-Komission zur Netzneutralität.

Gibt es ab dem 15. Juni 2017 keine Aufschläge mehr?
Weitgehend Ja. Wer zum Beispiel Freikontingente an Telefonminuten, SMS oder Daten hat, kann diese dann im EU-Ausland genauso nutzen wie zuhause, wie die EU-Kommission erläutert.

Sogenanntes „permanentes Roaming“ soll aber ausgeschlossen sein – dabei würden Nutzer sich ihre SIM-Karte für das Handy im günstigeren Ausland kaufen, aber sie daheim nutzen. Um so etwas zu verhindern, dürfen Anbieter beim Erreichen bestimmter Mengen an Anrufen, SMS oder Daten Aufschläge erheben. Diese sollen aber deutlich unter den derzeitigen Obergrenzen liegen. Was das im Detail bedeutet, soll die EU-Kommission ausarbeiten.

Sinken die Gebühren schon vor Juni 2017?
In einem Zwischenschritt sollen die Roaming-Kosten am 30. April 2016 weiter sinken. Statt derzeit geltender Obergrenzen für den Endkunden-Preis gäbe es dann maximale Aufschläge auf den Heimtarif.

Dann dürfen Telefonate im EU-Ausland nur noch fünf Cent pro Minute zusätzlich kosten, bei SMS sind es zwei Cent und beim Surfen darf jedes Megabyte an Daten mit höchstens fünf Cent extra zu Buche schlagen. Hinzu kommt noch die Mehrwertsteuer. Damit liegt der maximale Gesamtpreis nach Angaben der EU-Kommission immer noch deutlich unter den derzeit geltenden Preis-Obergrenzen von höchstens 19 Cent für abgehende Anrufe, sechs Cent pro SMS und 20 Cent pro Megabyte Daten plus Mehrwertsteuer.

Es gibt auch eine Einigung zur Netzneutralität. Was ist das?
Dies bedeutet, dass Internet-Anbieter alle Datenpakete gleichberechtigt durch ihre Leitungen schicken, egal woher sie stammen oder welchen Inhalt sie haben. Bisher gibt es für dieses „offene Internet“ keine europäischen Regeln, nur einzelne EU-Staaten haben Vorschriften. Doch die Datenmenge wächst und damit auch die Gefahr von Staus im Netz. Deshalb wurde diskutiert, ob in Sonderfällen nicht doch manche Internetnutzer Vorfahrt bekommen sollten. Hinter der sogenannten Netzneutralität steckt die Idee, dass Internet-Provider und Telekommunikationsunternehmen die Datenpakete der Nutzer gleichberechtigt durch ihre Leitungen schicken – unabhängig davon, woher sie stammen oder welchen Inhalt sie haben.

Was ist dazu beschlossen worden?
Niemand soll sich seine Vorfahrt im Internet erkaufen dürfen, wie die EU-Kommission erläutert. Wenn es eng wird, dürfen Anbieter allerdings den Verkehr regeln, nur eben normalerweise ohne Ansehen der Inhalte.

Drosseln oder Blockieren von Inhalten soll nur im Ausnahmefall erlaubt sein, etwa bei Cyber-Angriffen.

Bestimmte Spezialdienste sollen Vorfahrt erhalten dürfen – das könnten zum Beispiel Anrufe des automatischen Auto-Notrufs eCall sein, erläuterte Kammerevert. Voraussetzung dafür sei aber, dass diese Dienste notwendig seien und eine ausreichende Netzkapazität zur Verfügung stehe. Andere – wie Telemedizin oder Fernsehen im Internet – sollen andere Nutzungen nicht verdrängen und nur angeboten werden, wenn es genügend Kapazität gibt. Die „generelle Qualität“ für andere Nutzer müsse weiterhin ausreichen. „Alle Verkehre werden gleich behandelt, ob es das Katzenbild von Oma ist, ein Spielfilm, den ich mir herunterlade oder eine Email“, sagte die SPD-Europaabgeordnete Petra Kammerevert.

Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten, gegen verbotene Inhalte wie Kinderpornografie oder gegen Cyber-Attacken vorzugehen.

Ist das alles nun endgültig beschlossen?
Weitgehend. In der Nacht zugestern haben sich Unterhändler des Europaparlaments und der EU-Staaten geeinigt. Auch die EU-Kommission, die die Neuerungen vorgeschlagen hatte, saß mit am Tisch. Nun müssen sowohl die EU-Staaten als auch das Parlament die Vereinbarung offiziell bestätigen. Meistens klappt das ohne Probleme. Zudem müssen noch einige Details ausgearbeitet werden. Dafür ist zum Teil die EU-Kommission zuständig.

Was Urlauber beachten sollten:

1. Ein Blick in die Anbieter-Preisliste fördert zutage, ob und welche Länder der eigene Provider neben den 28 EU-Mitgliedsstaaten freiwillig noch zum sogenannten EU-Tarif anbietet. Länder wie etwa die Schweiz, Liechtenstein, Norwegen oder Island können darunter sein, müssen  aber nicht.

2. Beim Telefonieren und Surfen außerhalb der EU können  übers Mobilfunknetz leicht mehrere Euro pro Minute oder Megabyte auflaufen. Vor der Reise lohnt es sich deshalb, beim eigenen Anbieter die Tarife der Netzbetreiber des Urlaubslandes zu erfragen, rät die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Am Urlaubsort könne dann in den Handy-Einstellungen unter „Manuelle Netzwahl“ der Provider mit dem besten Angebot fest eingestellt werden. Am günstigsten sind SMS. Bereits daheim sollte man die Mailbox ausschalten. Sonst drohen hohe Kosten.

3. Provider dürfen ihren Kunden auch alternative Reisetarife für EU-Länder anbieten. Wenn man diese gebucht hat, gelten die Preisobergrenzen des regulären EU-Tarifs nicht mehr. Ob sich ein Spezialtarif rechnet, hängt vom persönlichen Telefonie- und Surfverhalten ab. Tipp: Vor dem Urlaub erfragen, welcher Tarif eingestellt ist. Eine Änderung ist kostenlos und immer möglich. Reisetarife und Datenpakete gibt es auch für Nicht-EU-Länder.

4. Bei neueren Tarifen sind teilweise schon Telefonminuten und Datenvolumen für die EU enthalten. Wer sich nicht sicher ist, studiert die Leistungsbeschreibung seines Tarifs.

5. Es gibt Provider, die innerhalb der EU bereits jetzt freiwillig auf die Extra-Gebühren verzichten. Bei ihnen gelten dann dem Telekommunikationsportal „Teltarif.de“ zufolge die gleichen Minutenpreise wie  in Deutschland. Jedoch müssen  Kunden auf Tarif-Optionen, die für die Nutzung innerhalb Deutschlands gebucht wurden, im Ausland verzichten.  Dafür ist der Empfang von Anrufen  kostenlos.

6. EU-Provider müssen Datenverbindungen in EU-Mitgliedsstaaten automatisch kappen, wenn beim Surfen knapp 60 Euro Kosten aufgelaufen sind. Bei 80 Prozent und kurz vor 100 Prozent dieser Summe erhält man SMS-Warnungen. Will der Kunde weitersurfen, muss er die Sperre beim Anbieter aufheben lassen. Der Kostenairbag gilt sogar weltweit, es sei denn, der Netzbetreiber im Urlaubsland übermittelt die Daten nicht in Echtzeit an den EU-Provider. Darüber muss  bei Grenzübertritt per SMS informiert werden.

7. Das Datenroaming zu deaktivieren ist der beste Kostenschutz für alle, die während der Reise ohnehin nicht übers Mobilfunknetz online gehen wollen – vor allem außerhalb der EU. Grundsätzlich sinnvoll ist die Einstellung, dass Updates nur per WLan heruntergeladen werden.

8. Um am Urlaubsort ins Internet zu gehen, sind WLan-Hotspots immer eine gute Wahl. Dort kann man meist nicht nur schnell surfen, sondern auch kostenlose oder günstige Telefonate übers Internet mit Messenger-Apps führen.

9. Wer häufig das gleiche Reiseziel hat, viel im Land  telefoniert oder auch eine Surflösung  sucht, kann sich eine Prepaid-SIM-Karte mit einem günstigen Tarif eines Anbieters im Reiseland besorgen. dpa

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