Dirks’ Netzwelt : Polizei auf Twitter: Wenn der Schutzmann zweimal zwitschert

<p>Ein Schnappschuss, der die Netzgemeinde verzaubert: Hamburg aus dem Polizeihubschrauber.</p>

Ein Schnappschuss, der die Netzgemeinde verzaubert: Hamburg aus dem Polizeihubschrauber.

Auch die Polizei in Schleswig-Holstein hat Twitter für sich entdeckt – warum das nicht gut ist.

shz.de von
23. Januar 2017, 08:52 Uhr

Ihre Polizei ist jetzt auf Twitter, wussten Sie das eigentlich? Der Amoklauf von München wurde – einhelliges Medienecho! – von besonnenen Polizei-Tweets begleitet. Und in Berlin können Sie ab und zu sogar dabei sein, wenn die Ordnungshüter Notrufe abarbeiten (oder, je nachdem, erklären: Dieser Anruf war #keinNotruf). Kleiner Kollateralschaden: Wer noch wagt, Berliner Notruf zu wählen, muss eben damit rechnen, nach Abwarten der Warteschleife online zum Trottel erklärt zu werden.

Jetzt also endlich auch Schleswig-Holstein! Seit dem 13. Januar können Sie auch unserer Landespolizei dabei lauschen, wie sie Nachrichten verbreitet, über 1000 Bürger tun das schon und sehen: den Polizeialltag. Direkt und, na ja, unverfälscht. Für Notrufe aber bitteschön 110 wählen!

Stirnrunzeln: Sind für „Nachrichten“, auch „Polizei“-Nachrichten, nicht eigentlich andere zuständig? Sagen wir: die Reporter und Fotografen Ihrer Zeitung? Und wie finden die es eigentlich, wenn Behörden sich mit ihren Social-Media-Teams neuerdings nicht nur für „trockene“ Information, sondern auch für Unterhaltung zuständig fühlen? Wer berichtet noch unabhängig und kritisch über die Polizei, wenn spektakuläre Aufnahmen vom Einsatzgeschehen gleich aus dem Polizeihubschrauber gemacht werden – und Medien das Material nur noch übernehmen, anstatt selbst kostenträchtig eigene Leute recherchieren zu lassen?

 

Wer übt hier eigentlich die Medienaufsicht aus, die bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten verfassungsgemäß, nämlich „staatsfern“ organisiert werden muss, damit die Politik bloß keinen Einfluss auf die Medien erhält – und wie verträgt sich das mit Social-Media-Kanälen der Polizei, bei denen im Zweifel der Innenminister per Anordnung regelt, was gesendet wird?

Ihrem Kolumnisten würden noch viele weitere Fragen in diesem Zusammenhang einfallen, auf die es derzeit keine Antworten gibt. Es wäre besser, diese wären gefunden, bevor weitere Landesbehörden beginnen, das Internet mit launigen Kurznachrichten zu bereichern, statt ihren eigentlichen Zuständigkeiten nachzugehen.

> Stephan Dirks ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht in Kiel und bloggt unter www.dirks.legal

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