Spiele und soziale Netzwerke : Onlinesucht – Wenn das Leben nur noch im Netz stattfindet

Der Spaß am Internet kann sich auch ganz schnell zu einer Sucht ausweiten.
Foto:
Der Spaß am Internet kann sich auch ganz schnell zu einer Sucht ausweiten.

Hunderttausende Menschen in Deutschland sind internetsüchtig. Neben Rollenspielen kommen immer mehr nicht mehr von sozialen Netzwerken los.

shz.de von
17. Juli 2015, 04:15 Uhr

Drei Kinder, drei Bildschirme – das klingt soweit erstmal fair. Aber es sind nicht die Kinder, die vor dem Computer sitzen, die Mutter hat alle Monitore in Beschlag, um sich mit Fremden in unterschiedlichen Chatrooms zu unterhalten. Ihre Kinder erhalten wenig Beachtung, spielen nur noch eine Nebenrolle. Ein Szenario, das erschreckend klingt, jedoch ein Beispiel aus der Praxis der Suchtberater des Landesvereins der Ambulanten und Teilstationären Suchthilfe (ATS) ist. „Es hat sich rasch gezeigt, dass es sich bei den Betroffenen nicht nur um Nerds handelt“, sagt ATS-Leiter Hans-Jürgen Tecklenburg. Statt ausschließlich Computerfreaks könne es jeden treffen – unverhofft. „Das ist ein ganz unmerklicher und schleichender Prozess“, erklärt Tecklenburg. „Man verbringt immer mehr Zeit in der digitalen Welt, äußere Verpflichtungen werden immer weiter zurückgedrängt.“

Oftmals sei in der digitalisierten Welt nur schwer zu erkennen, wann Handlungsbedarf bestehe. „Der Alltag hat sich verändert“, weiß Tecklenburg. Auch in der Schule sei die Anwendung von Technik und Internet zur Recherche inzwischen Normalität – und das sei gut so. Dennoch sei die Grenze zwischen Recherche für die Schule, und ein Online-Ersatz für soziale Kontakte in der realen Welt manchmal fließend. „Es wird dann zum Problem, wenn Eltern ganz den Kontakt zu ihren Kindern verlieren, wenn das Leben im Netz ein eigenes Gewicht bekommt.“

Auch Spiele wie „World of Warcraft“ hätten eine hohe Bindungskraft: „Sie sind spannend und man kann sich mit anderen vernetzen“, erklärt Tecklenburg. Der Spieler könne hier vollkommen anonym mit seinen virtuellen sozialen Kontakten kommunizieren – unter dem Deckmantel seiner Wunschidentität. Ein Tummelplatz für im realen Alltag wenig Beachtete? Zumindest sei die Suche nach Bestätigung ein häufiges Motiv, sagt Tecklenburg: „Man kann in der virtuellen Welt groß rauskommen.“

Oftmals vermischten sich die beiden Welten auch so sehr, dass der Status in der virtuellen Einfluss auf die reale Welt habe. So sei die Anzahl der Facebook-Freunde in manchen Cliquen eine Art Statussymbol.

Die Merkmale von Onlineabhängigkeit seien vergleichbar mit denen anderer Suchterkrankungen, sagt der Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS), Wolfgang Schmidt-Rosengarten: „Der Betroffene sitzt immer länger vorm Bildschirm.“

Seit Anfang der 2000er Jahre gebe es eine stetige jährliche Steigerung von Fällen im einstelligen Prozentbereich, genaue Fallzahlen für Schleswig-Holstein gebe es nicht. Wohl aber schätzt Tecklenburg, dass „eine erhebliche Anzahl von Personen betroffen“ sei, bundesweit seien das 0,8 Prozent der Bevölkerung. In den ATS-Beratungsstellen in Bad Schwartau, Bad Segeberg und Neumünster habe man zwischen 2012 und 2014 165 Menschen persönlich in Bezug auf Mediensucht beraten, weitere unter anderem telefonisch . Etwa die Hälfte sei unter 30 Jahren, ein Viertel bis 45 Jahre alt gewesen. Eine zwei Jahre alte Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums geht von bundesweit 560.000 Abhängigen aus.

Immer öfter werde Mediensucht auch von Krankenkassen als eine Problematik erkannt, die von den Betroffenen nicht mehr alleine in den Griff zu bekommen ist, berichtet Tecklenburg: „Erfreulicherweise.“


> Zum ATS-Chatportal: www.suchtonline.de

Landesstelle für Suchtfragen: www.lssh.de

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen