Fietzes Netzwelt : Mit der Drohne im Ferienlager

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Statt Selfies sind Bilder aus der Luft angesagt. Immer mehr Jugendliche probieren sich im Filmen.

shz.de von
25. Juli 2015, 03:30 Uhr

Auf den Blickwinkel kommt es an. Nachdem Selfies unseren Blick auf Urlaub, unsere Freunde und den Promi neben uns verändert haben, das Navigationsgerät im KFZ uns auch bei Nacht und Nieselregen zeigt, wie es hier tags und bei Sonnenschein aussieht, und wir im Streetview auf dem Tablet durch fremde Städte stromern, geht es nun zurück ins echte Erleben, fast.

Videodronen sind im Konsumsegment angekommen. Seit Jahren schwirren sie mehr oder weniger ausgereift als handygesteuerte Papageien durch die Technikmärkte. Jetzt gibt es sie in HD und kinderleicht bedienbar. Wer mit Dronen internationale Nato-Einsätze assoziiert liegt hier falsch: Landauf landab werden in diesem Sommer immer öfter diese unbemannten Flugkameras verlangt, wenn Kinder und Jugendliche zum Videodreh aufbrechen. Der Überflug über das eigene Haus, den Sportplatz, das Wohnviertel oder Weizenfelder greift so rasant um sich, dass auch die Jugendverbände nachrüsten: eine Videodrone muss es sein.

Jugendliche Medienwelten sind nicht nur Youtube-Konsum und Dauer-Whatsapp, sondern auch immer mal wieder eigene Filmarbeit: Unzählige Cover-Videos in den Videoportalen, Parodien von Werbeclips oder Youtubern (mal gelungen mal gut gemeint) und viele kleine Spielfilm-Dreiminüter im Netz belegen das. Der Kick ist nicht wirklich der ausgefeilte Schnitt (hier hinterlassen Youtuber und Tutorial-Filmchen erste Spuren in der Filmgestaltung), sondern die Wahl einer besonderen Kamera oder eines besonderen Blickwinkels. Neue Horizonte sozusagen.

Ferienzeit ist Zeltlager-Zeit: Kaum ein Landkreis in Schleswig-Holstein, der heute noch ohne eine eigene Kinderstadt auskommt: 100 bis 300 Kinder leben ein paar Tage gemeinsam, errichten ihr eigenes kleines Gesellschaftssystem, zahlen mit einer eigenen Spielwährung, wählen einen Kinder-Bürgermeister und erproben täglich neue Berufe unter Anleitung der „Großen“. Und all das niemals ohne Drone: Im Berufsbild „Kameramann und -frau“ gehen in diesem Jahr die Bilder in die Luft – so gerade geschehen bei „Stormini“ und seiner allabendlichen TV-Sendung aus Kinderhand und anstehend in „EckTown-City“, „Jerrytown“ (Rendsburg) und anderswo. Überall filmen und posten Kinder ihre Lebenswelt auf Zeit, überall keimt auch der Wunsch nach Bildern aus der Luft – vielleicht aus Sehnsucht vor mehr Überblick im Mediendschungel? Oder – nach all den hautnahen Selfies und Ich-poste-mein-Essen-Serien auf Instagram – aus dem Verlangen nach Abstand? Vielleicht aber auch nur aus dem eigentlichen Zweck dieser freien Sommerzeit: aus Spaß am Ausprobieren und Jux und Tollerei – schöne Ferien!

> Der Autor Henning Fietze ist Medienpädagoge beim Offenen Kanal Schleswig-Holstein in Kiel.

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