Weicherts Netzwelt : Kommerzielle Menschenversuche

 Thilo Weichert ist Landesdatenschutzbeauftragter. Er schreibt hier sonnabends.
Thilo Weichert ist Landesdatenschutzbeauftragter. Er schreibt hier sonnabends.

Nicht nur Facebook beeinflusst das Verhalten seiner Nutzer. Wir sollten uns wehren, sagt unser Kolumnist.

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19. Juli 2014, 05:00 Uhr

Die Nachricht, dass Facebook im Januar 2012 ein einwöchiges Internet-Experiment mit knapp 700.000 Mitgliedern durchgeführt hat, löste Empörung aus. Das Unternehmen wollte erkunden, ob positive Nachrichten von „Freunden“ dazu führen, dass sich die Angesprochenen eher ausgegrenzt fühlen, oder ob eher negative Nachrichten zu negativen Reaktionen führen. Mit geringer Signifikanz kam heraus, dass positive beziehungsweise negative Einträge bei den Empfängern jeweils entsprechende Reaktionen verursachen. Facebook hat mit seinen Mitgliedern solche Experimente schon mehrfach durchgeführt, ohne dies öffentlich mitzuteilen.

Die Empörung über diese Menschenversuche ist berechtigt, weil die Betroffenen zu Versuchsobjekten wurden, ohne vorab darüber informiert und um Einwilligung gebeten worden zu sein. Was aber hier „wissenschaftlich“ Kritik auslöste, ist mit kommerzieller Motivation seit Jahren gang und gäbe – nicht nur bei Facebook, auch bei Google, Amazon & Co: Der Versuch, das Verhalten der Nutzenden zu beeinflussen ebenso wie die Überprüfung, ob diese Versuche erfolgreich sind, um dann die nächsten Einflussnahmen zu optimieren. Hierzu setzen Unternehmen auf unseren Rechner Cookies oder nutzen sonstige Identifikatoren, mit deren Hilfe sie dann Persönlichkeitsprofile, also „Psychogramme“ erstellen. Auf der Basis dieser Psychogramme wird Werbung geschaltet, die sich die Unternehmen bezahlen lassen.

Diese kommerzielle Verwendung unserer Nutzerdaten ist nur dann mit europäischem Datenschutzrecht vereinbar, wenn eine ausreichende Information erfolgt und die effektive Möglichkeit eingeräumt wird, die Profilbildung durch Widerspruch zu verhindern. Dies war wegen der bisherigen Rechtsprechung gegenüber US-Unternehmen nicht durchsetzbar. Am 15. Mai 2014 hat nun der Europäische Gerichtshof geurteilt, dass auch US-Anbieter durch das deutsche Datenschutzrecht gebunden sind. Das bedeutet: Google, Facebook & Co. können rechtlich zur Beachtung des Datenschutzes bei ihrer kommerziellen Datennutzung gezwungen werden. Wir sollten diese Möglichkeit in Anspruch nehmen.

> Der Autor ist Landesdatenschutzbeauftragter. Er schreibt hier sonnabends.

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