Christiansens Netzwelt : Herz über Verstand

Bei der Dating-App Tinder läuft die Partnerwahl jetzt unbewusst ab – zumindest auf der Smartwatch.

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09. Juli 2015, 11:54 Uhr

Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass wir für das Herunterscrollen in einer langen SMS oder das Löschen von Nachrichten auf dem Handy irgendwann keine Tastatur mehr brauchen? Ich nicht. Das Wischen auf dem Touchscreen kam für mich überaus plötzlich – zumal ich auch so lange an meinem unkaputtbaren Nokia 6230 festhielt, bis sich ein Smartphone eigentlich nicht mehr umgehen ließ. Ist ja auch praktisch, redete ich mir ein. (Ich glaube, damit hatte ich tatsächlich Recht.) Und die Sache mit dem Wischen erst – viel intuitiver und unaufwendiger als das ewige Getippe. Schont ja auch den Daumen.

Gerade in der neuen Wisch-Welt zurechtgefunden, fühle ich mich aber schon wieder von einer Neuerung kalt erwischt: Die Bedeutung des Pulsschlags hat die des Fingers überholt – zumindest in der neuen Version der Dating-App Tinder für Smartwatches. Wo bislang uninteressante Partnervorschläge noch bewusst durch einen abfälligen Fingerstrich über das Display im Single-Nirvana versenkt wurden, entscheidet jetzt das Herz. „Wie sich das in Liebesdingen so gehört“, könnte man jetzt sagen. Doch um Liebe oder darum, was sich so gehört, geht es bei Tinder ja eigentlich nicht. Tinder ist da deutlich oberflächlicher.

„Hands free Tinder“ heißt die Anwendung, die – wie der englische Name verrät – schmierige Streifen von aufgeregt-feuchten Händen auf dem Display der Uhr verhindert und Hirnkapazitäten aufgrund fehlender durchdachter Entscheidungen schont. Die Sensoren in dem Armband-Computer messen, wie sich die Herzfrequenz des Trägers verändert, wenn er ein Dating-Profil betrachtet. Zieht der Pulsschlag an, bewertet die App den Partnervorschlag als geeignet. Ganz ohne Denken. Schleicht sich hier also eine latente Ehrlichkeit in das Mekka der geschönten Selbstdarstellung? Interessant eigentlich, denn kaum irgendwo wird ja mehr geschummelt als auf Partnerbörsen und im Internet.

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