Vogelgrippe : H5N5 in Schleswig-Holstein: Was verbirgt sich hinter den Subtypen?

Nach H5N8 kommt H5N5, doch was bedeuten die Abkürzungen und wie gefährlich sind die Subtypen – auch für den Menschen?

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24. Januar 2017, 14:34 Uhr

Die Vogelgrippe ist noch nicht ausgestanden – und sie ist hochflexibel. Erstmals ist ein neuer Subtyp des Influenza-Virus in Schleswig-Holstein nachgewiesen worden – und zwar sowohl bei einer wild lebenden Nonnengans als auch in einem Putenbetrieb. H5N5 heißt der Übeltäter, der innerhalb kürzester Zeit mehr als 3000 Tiere dahinraffte. In den vergangenen Monaten war immer vom Subtyp H5N8 die Rede. Doch welche Subtypen gibt es überhaupt und was bedeuten die Kombinationen?

Es gibt Hinweise, dass Influenzaviren ihren Ursprung gegen Ende des 19. Jahrhunderts haben. Es ist möglich, dass sie damals zum ersten Mal vom Tier auf den Menschen übertragen wurden. Ursprünglich handelte es sich vermutlich um Vogelviren. Während man Influenza-Viren der Gruppe A mit Respekt begegnen sollte, gelten die ebenfalls beim Menschen vorkommenden Viren der Gruppen B und C als weniger gefährlich.

Der Erreger der klassischen Geflügelpest ist ein hoch pathogenes (potentiell krankmachendes) aviäres (auf Vögel bezogenes) Influenzavirus. Als Folge von Genveränderungen entstehen ständig neue Varianten der Influenza-A-Viren. Diese können dann sowohl ihre Wirtsarten als auch ihre krankmachenden Eigenschaften verändern. Bislang unterscheidet man 16 H-Untertypen und 9 N-Untertypen. In ihrer Kombination bezeichnen sie die Proteine auf der Membran des Virus, die für das Eindringen in die Wirtszelle maßgeblich nötig sind. Sie alle können Vögel infizieren. Wildvögel stellen dabei ein natürliches Reservoir für diese aviären Influenzaarten dar und verbreiten diese.

Das H steht für Hämagglutinin. Es ist ein Protein, dass auf der Oberfläche (Membran) des Influenzavirus A sitzt. Die Zahl steht für die Variante des Hämagglutinins. Seinen Namen hat es durch seine Fähigkeit, rote Blutzellen zu verklumpen. Es ist verantwortlich für die Erkennung und Anheftung des Virions (einzelnes Viruspartikel) an die Wirtszelle. Die Subtypen H5 und H7 sind dabei besonders pathogen. Von diesem Eiweiß hängt es somit ab, welche Wirte es befallen kann.

Das N steht für die Neuraminidase, ein Membranprotein. Sie spaltet Glycoproteine (ein struktureller Bestandteil) der Membranen von Virenwirtszellen und Viren selbst, um sich nach der Vervielfältigung aus der infizierten Zelle zu befreien. Damit fördern sie die Freisetzung der nächsten Virusgeneration.

Viren sind für ihre Ausbreitung vollständig auf Wirtszellen angewiesen. Sie haben keinen eigenen Stoffwechsel. Sie infizieren daher die Zelle, übernehmen sie und können sich so replizieren.

Bei dem nun auftretenden H5N5 handelt sich wohl um ein sogenanntes „reassortiertes Influenzavirus“ auf Basis des ursprünglichen H5N8, das im vergangenen Jahr für zahlreiche Infektionen unter anderem in Schleswig-Holstein sorgte. Die Mischviren (Reassortanten) von aviären Influenzaviren entstehen, wenn in einem infizierten Tier mehrere Virussubtypen zeitgleich auftreten und bei ihrer Vermehrung Erbmaterial austauschen, schreibt das Friedrich-Löffler-Institut in einer Erklärung. Wo das geschah, ist noch nicht bekannt.

Der in Schleswig-Holstein gefundene Virustyp, der damit erstmals in Europa in einem Hausgeflügelbestand festgestellt wurde, sei dem bislang grassierenden Virus H5N8 allerdings sehr ähnlich, sagte Elke Reinking, Sprecherin des Instituts auf der Insel Riems bei Greifswald, am Dienstag. „Beides sind hochpathogene Viren.“ Bisher seien keine Fälle von Infektionen mit H5N5 beim Menschen beobachtet worden.

Im Dezember hatte es nach FLI-Daten erste H5N5-Befunde bei Wildvögeln in den Niederlanden, Montenegro, Kroatien und Albanien gegeben. Auch bei einer verendeten Nonnengans in Brunsbüttel wurde das Virus nachgewiesen. Die Wildgans war etwa 30 Kilometer von dem nun betroffenen Putenzuchtbetrieb im Kreis Steinburg entfernt gefunden worden. Wie das Virus in die zwei geschlossenen Anlagen des Betriebes kam, ist noch unklar. 18.400 Puten wurden getötet, um eine weitere Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Im FLI erfolgen der Sprecherin zufolge jetzt Infektionsversuche, um Unterschiede zum Typ H5N8 festzustellen und herauszufinden, wie und wo H5N5 entstanden ist und auf welchen Wegen es sich verbreitet hat.

An der bisherigen Risikoeinschätzung ändere sich vorerst nichts, an einer neuen Einschätzung werde gearbeitet. Das Eintragsrisiko in Hausgeflügelbestände in Deutschland sei weiter sehr hoch und eine Entspannung nicht in Sicht, betonte Reinking.

Verschiedene Subtypen der Influenza A

Die Typen H1, H2, H3, H5 (seltener N7 und N9) sowie N1, N2 und seltener N7 können Infektionen beim Menschen auslösen und sind daher von besonderer Bedeutung. Die Subtypen H5 und H7 können bei Infektionen in Geflügelbeständen spontan eine Variante ausbilden, die zu einer sehr hohen Sterblichkeit von infiziertem Geflügel führt. Dies wird als klassische Geflügelpest beschrieben.

In der Vergangenheit sorgten gewisse Subtypen für Aufmerksamkeit, da sie entweder mit Infektionen und Todesfällen von Menschen in Verbindung stehen oder die Vogelgrippe auslösten, was ein großes Vogelsterben bzw. -töten zur Folge hatte.

H1N1 – bezeichnet einen Humaninfluenza-Subtypen, der besonders leicht Menschen befallen kann. An einer Variante starben bei der Spanischen Grippe (1918/1920) mindestens 25 Millionen Menschen. Infektionen beim Schwein werden als Schweineinfluenza bezeichnet. Eine bis dato unbekannte Variante löste 2009 die „Schweinegrippe“ aus.

H1N2 und H1N3 – beide Varianten wurden vereinzelt beim Menschen nachgewiesen. Die Krankheitsverläufe wurden als mild dokumentiert.

H2N2 – Der Subtyp löste 1957 eine Pandemie aus, die als Asiatische Grippe bezeichnet wurde. Schätzungen nach verloren ein bis zwei Millionen Menschen dabei ihr Leben. Er entstand aus einer Kombination von einem menschlichen mit einem Geflügelpestvirus.

H3N2 – Der Erreger löste den H2N2-Subtyp ab und war 1968 Auslöser für eine Pandemie, die sogenannte Hongkong-Grippe. Weltweit starben daran rund eine Million Menschen. 30.000 Menschen starben in Deutschland an dem Virus. Er entstand ebenfalls aus einer Kombination aus Geflügelpest- und Influenzaviren. Der Subtyp H3N3 wurde bei Robben, Schweinen und Stockenten nachgewiesen.

H5N1 – Erstmals 1959 bei Hühnern in Schottland nachgewiesen. Seit einer Mutation, die 1997 dokumentiert wurde, sind die heutigen H5N1-Stämme besonders aggressiv und befallen nicht nur Geflügel. Immer wieder stecken sich auch Menschen an und sterben an den Folgen der Infektion (erstmals 1997, dann 2003 und 2004). Unter wildlebenden Wasservögeln sind die Viren weit verbreitet. Sie gelten als Reservoirwirte, erkranken selbst gar nicht oder zumindest nicht schwer. Der Tod tritt bei nahezu allen Arten von Hausgeflügel ein. In Asien zirkulieren die Viren ständig, hierzulande ist es ruhig um H5N1 geworden. Doch immer wieder gibt es neue Varianten, unter anderem ein neues nordamerikanisches H5N1. Falls sich das Virus so verändert, dass es auch von Mensch zu Mensch springt, droht eine verheerende Pandemie, schrieb die Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch 2014 in einem Report.

H5N2 – Der Subtyp ist weltweit verbreitet und löste schon in den 80er Jahren die Vogelgrippe in den USA aus. In den 90er Jahren traf es Mexiko. 2015 wurden in Kanada 45.000 Tiere gekeult, in den USA wurden rund 30 Millionen Tiere getötet oder starben. 2008 mussten in Deutschland und Belgien Tiere gekeult werden, nach dem H5N2 nachgewiesen wurde. 2016 war ein Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern betroffen.

H5N3 – löste erstmals 1961 ein Vogelsterben in Südafrika aus. 2008 wurde eine infizierte Gans im Leipziger Zoo festgestellt. Auch in Nutzgeflügelbetrieben in Niedersachsen wurde das Virus nachgewiesen. 560.000 Tiere mussten getötet werden.

H5N5 – Der Subtyp war bislang in den USA und China wiederholt bei Stockenten und Gänsen nachgewiesen worden. Im Dezember 2016 wurde er bei einer Reiherente nachgwiesen. Im Januar 2017 wurde er bei einem Wildvogel und in einem Putenbetrieb in Schleswig-Holstein entdeckt.

H5N6 – tötete in China, Laos und Vietnam zahlreiche Vögel. 2014 wurde eine Infektion mit dem Subtyp beim Menschen nachgewiesen. Ein 49-Jähriger starb. Bis Ende Dezember 2016 starben sechs von 16 Erkrankten an den Folgen der Infektion.

H5N8 – 1983 erstmals in Irland dokumentiert, kam es von 2014 bis 2016 wiederholt zu größeren Ausbrüchen, darunter in Deutschland. Das Risiko für den Menschen gilt als gering. 2015 starben in Mecklenburg-Vorpommern infizierte Tiere. Im November 2016 starben in Schleswig-Holstein zahlreiche Wildvögel an dem Subtypen. 30.000 Tiere wurden in einem Geflügelzuchtbetrieb im Kreis Schleswig-Flensburg getötet, nachdem H5N8 nachgewiesen wurde. Es wurde eine Stallpflicht erlassen. Auch Niedersachsen war betroffen. In Europa wurde H5N8 auch bei Tieren unter anderem in Dänemark, den Niederlanden, Frankreich und Polen nachgewiesen. Insgesamt in 16 europäischen Staaten trat H5N8 auf.

H7N1 – Im März 1999 starben in Italien bis Anfang 2000 mehr als 13 Millionen Tiere. 2016 wurden in Algerien mehrere Hundert tote Wildvögel entdeckt.

H7N7 – Der Subtyp wird auch als Pferdegrippe bezeichnet, da er 1956 erstmals in Prag in Pferden nachgewiesen wurde. Er infizierte jedoch in der Vergangenheit auch Menschen und Vögel. 2003 starb ein Tierarzt, Tausende Tiere wurden getötet. 2015 war ein Betrieb mit Legehennen im Emsland (Niedersachsen) betroffen. 10.000 Tiere wurden gekeult.

H7N9 – Erstmals beim Menschen kam es vermutlich nach dem Kontakt mit infiziertem Geflügel zu Infektionen mit Todesfällen aufgrund schwerer Lungenentzündungen (China und Taiwan 2013). Tausende Tiere wurden vorsorglich getötet.

H10N7 Im Oktober 2014 wurde der Subtyp bei mehreren Hundert verendeten Seehunden an der deutschen und dänischen Nordseeküste nachgewiesen. Betroffen waren Sylt, Helgoland, Amrum und Föhr.

H10N8 – Der Erreger der Vogelgrippe sorgte 2013 für Aufsehen, weil zwei von drei erkrankten Menschen in China an den Folgen der Infektion starben. Zuvor war der Subtyp in den USA, China und Europa nachgewiesen worden.

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