Dirks’ Netzwelt : Gema-freie Weihnachten

„Da können seitens der Landesmedienanstalten Bußgelder von bis zu 50  000 Euro fällig werden“, sagt Fachanwalt Stephan Dirks.
Stephan Dirks, Fachanwalt für Medien- und Urheberrecht

Wenn „Jingle Bells“ zur vorweihnachtlichen Kostenfalle wird.

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06. Dezember 2014, 05:45 Uhr

Auch wenn das Wetter am Nikolauswochenende nicht mehr so eisig ist wie in den vergangenen Tagen: Spätestens seit dem ersten Advent kam bei den meisten Norddeutschen dann doch die langersehnte Weihnachtsstimmung auf. Das Ergebnis: Weihnachtsdekorationen in Vorgärten und Fußgängerzonen werden täglich üppiger und wer nicht aufpasst, stolpert beim ersten Geschenke-Shopping leicht über den einen oder anderen aufgeklappten Cellokasten oder gerät gar in veritable Einkaufszentrums-Weihnachtsoratorien.

Spätestens hier runzelt der Medienjurist kurz die Stirn: „Stille Nacht, heilige Nacht“?, „Jingle Bells“? Sind die vorweihnachtlichen öffentlichen Darbietungen auch bei der Gema angemeldet? Nicht, dass die Komponisten zu kurz kommen!
Aber jedenfalls bezüglich der Melodien und Texte der allermeisten Weihnachtslieder kann Entwarnung gegeben werden: Von den allerwenigsten sind die Urheber überhaupt bekannt und wenn – so wie zum Beispiel im Falle von „Jingle Bells“ der Komponist James Lord Pierpont – schon seit über 70 Jahren verstorben, so dass die entsprechenden Werke gemeinfrei sind. Man darf sie also nach Herzenslust verbreiten, kopieren, aufführen, öffentlich zugänglich machen und so weiter, ohne dass man irgendwen fragen muss. Sogar das Bearbeiten bis zur Entstellung – ansonsten ein ziemlich sakrosanktes Verbot im Urheberrecht – ist möglich und die Veröffentlichung des entstellten, pardon: umgestalteten Werkes zulässig. Das dürfte so mancher weihnachtlichen Bläsertruppe die Arbeit erleichtern.

Aber Achtung: von der Gemeinfreiheit sind nur Lieder und Texte selbst erfasst, nicht aber fremde Darbietungen, Tonaufnahmen oder Musikeditionen, also etwa gedruckte Noten. Wer also „Jingle Bells“ auf am eigenen Weihnachtsmarktstand von der CD abspielen möchte, muss dies tatsächlich der Gema melden. Auch das Kopieren von Notenblättern ist grundsätzlich nicht lizenzfrei erlaubt, wie im Jahr 2012 etwa 36 000 Kindergärten erfahren mussten, denen die Gema schriftlich das „Angebot“ unterbreitete, für die Vervielfältigung von Notenblättern pauschale Lizenzentgelte zu entrichten.

Aber hier schafft das Internet Abhilfe. Verschiedene Plattformen bieten Sammlungen gemeinfreier Weihnachtslieder von „Stille Nacht“ bis „O Du Fröhliche“ an, teils sogar als neugesetzte und mit kostenloser Lizenz ausgestatte Musikeditionen, und zwar komplett legal. So steht der Gema-freien Weihnachtszeit nichts mehr im Wege.

> Stephan Dirks ist Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht in Kiel und bloggt unter www.dirks.legal

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