Fietzes’ Netzwelt : Geht es noch echtzeitiger aus dem Kinderzimmer?

Henning Fietze ist Medienpädagoge beim Offenen Kanal Schleswig-Holstein in Kiel.
Henning Fietze ist Medienpädagoge beim Offenen Kanal Schleswig-Holstein in Kiel.

Streaming-Plattform YouNow: Aufmerksamkeit im echten Leben kann Kinder schützen, meint unser Kolumnist.

shz.de von
31. Januar 2015, 08:00 Uhr

Ich glaub, ich werd’ zum Jugendschützer! – sagt sich gerade so manch ein Youtuber entsetzt. Jetzt fangen die Kids selbst an, sich zu senden! YouNow hält Einzug in deutsche Haushalte. Ratzfatz posten die durchkommerzialisierten Youtube-Kanäle von LeFloid, Tooncraft oder Dner flehentlich vorgetragene Warnungen: „Mensch Mädels, passt auf, das ist das Internet… und im Internet da gibt’s nicht nur nette Menschen“. Ach so. Das in Deutschland noch neue Medium des Livesendens via Webcam über die App YouNow überrascht manche Eltern und ist gut für eine kopfschüttelnde Meldung auf den Websites der großen Tagespresse.

Nun bildet sich eine kleine Allianz der Gegner denn allzu offensichtlich ist, dass junge Minderjährige die Grenzen von Selbstdarstellung und Selbstentblößung, von Anerkennung im Netz und gaffender Fremdsteuerung durch anonyme Zuschauer oft nicht beachten. Das alles mögen selbst die kinderlosen Szenestars nicht, doch aufgepasst: Profi-Youtuber leben von ihren Abonnenten. Sie haben dem Hype des „Zeig Dich selbst“ im Netz entscheidende Impulse gegeben. Einmal locker am Leben teilhaben lassen wie Simon Unge oder Joyce Ilg.

Wenn Eltern heute ihre Kids beim Dauersenden „erwischen“, wenn Broschüren auffordern, keine allzu persönlichen Daten ins Netz zu stellen, wenn Jugendschützer in Schulklassen gerufen werden, weil dort immer noch „persönlich“, „privat“ und „intim“ unbedarft miteinander vermischt werden, dann zeigt das vor allem: Jugendliche brauchen Vorbilder – Youtube-Stars können das zum Teil bedienen. Und: Kids haben Lust auf Selbstdarstellung und Wahrnehmung. Dafür brauchen sie eine Bühne. Das kann die von Eltern geleitete Theater-AG sein, das kann ein Sportverein oder die Halfpipe im Stadtpark sein… in jedem Fall braucht Wahrgenommenwerden Zeit durch Eltern und Erwachsene. Gibt’s die, also die Aufmerksamkeit in dem, was Ü40er gerne als das „echte Leben“ sehen, dann treibt die Sehnsucht nach Erfolg, Bestärkung, „response“ und Nähe nicht allein ins Netz, sondern wird auch von anderen Faktoren aufgenommen. Eltern, nehmt Euch Zeit, dann klappt’s auch mit dem Internet.

> Henning Fietze ist Medienpädagoge beim Offenen Kanal Schleswig-Holstein in Kiel.

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