Karl-Heinz Groth : "Facebook-Sprache ist einwegdimensional"

Karl-Heinz Groth sammelt für unsere Zeitung norddeutsche Redensarten. Foto: wag
Karl-Heinz Groth sammelt für unsere Zeitung norddeutsche Redensarten. Foto: wag

Der Niederdeutsch-Experte Karl-Heinz Groth erzählt, warum ihm Jugendsprache keine Angst macht - und was man am besten auf Platt sagen sollte.

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29. März 2013, 10:58 Uhr

Herr Groth, haben Sie bei dem Buchprojekt "So spricht Schleswig-Holstein" noch dazu gelernt?
Groth (lacht): Selbstverständlich lerne ich ständig dazu. Dies sollen die beiden folgenden Beispiele aus der Fülle der eingehenden Beiträge verdeutlichen.

- Puschen. Dieses Wort habe ich für ein ausgesprochen plattdeutsches gehalten, bis ich bei meinen etymologischen Nachforschungen auf den arabischen Ursprung "babusch" (Pantoffeln) stieß. Es ist Mitte des 8. Jahrhunderts durch die Ausbreitung des Islam nach Südfrankreich und damit in die französiche Sprache eingedrungen, und hat schließlich zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch napoleonische Truppen auch in den Sprachraum Norddeutschlands Eingang gefunden. Aus "babouche" wurde schließlich "Puschen".

- Einen Türken bauen. Zur Einweihung des Kaiser-Wilhelm-Kanals 1895 sollte auch ein türkisches Schiff mit der entsprechenden Nationalhymne begrüßt werden. Da hierfür keine Noten vorhanden waren, wurde einfach das bekannte deutsche Volkslied "Guter Mond, du gehst so stille", in Anspielung auf die türkische Halbmondfahne gespielt. Seitdem gibt es das geflügelte Wort "etwas ist getürkt" oder "einen Türken bauen", wenn eine Handlung unangemessen erscheint.

Herr Groth, Sie sind ein ausgewiesener Kenner der plattdeutschen Sprache. Gab es bei den Leser-Einsendungen besondere Schwerpunkte mit Blick auf die verschiedenen Mundarten?
Der größte Teil der Einsendungen bezog sich auf das Niederdeutsche, daneben waren es friesische und auch dänische Beiträge aus dem Grenzland, aber auch ostpreußische wie "Rachuller" und "Marjellchen".

Welche Leser-Einsendungen überraschten Sie neben jenen Wörtern und Redewendungen in niederdeutscher Sprache am meisten?
Erstaunt hat mich, dass sich viele Redewendungen, Sprichwörter und Begriffe in negativer Weise mit dem Bild der Frau in den vergangenen Jahrhunderten befassen. (Nebelkreih, ole Fregatt, Riebel - eine besonders hässliche Person -, ol Pastüür, Miegentrin, Genöök). Im übrigen hätte ich aus all den Einsendungen auch ein neues plattdeutsches Schimpfwörterbuch erstellen können.

Welche Rolle spielen heute Anglizismen im Sprachgebrauch der Schleswig-Holsteiner?
Art und Umfang des Gebrauchs von Anglizismen spiegelt wie in allen anderen Teilen unseres Landes den Einfluss der vielfältigen Medien auf unsere Sprache wider. Möglicherweise sind die Schleswig-Holsteiner gegenüber diesem Einfluss weniger anfällig, da sie immer noch ihre angestammte Muttersprache Plattdeutsch pflegen, wie es die Aktion "So spricht Schleswig-Holstein" zeigt.

Im zweiten Band von "So spricht Schleswig-Holstein" wurde auch die Jugendsprache im Norden aufgegriffen. Gefällt Ihnen die Jugendsprache - oder sehen Sie einen Verlust an Sprachkultur bei der jungen Generation?
Grundsätzlich muss zur Jugendsprache gesagt werden, dass sie eine temporäre Erscheinung ist. Viele Ausdrücke sind originell wie "auschecken = angucken" oder "chillen = entspannen, sich mit Freunden treffen" auch die Begrüßungsformel "hi oder moinsen, Digger, was geht?" Im Gebrauch dieser Redewendungen erblicke ich noch keinen Verlust der Sprachkultur bei der jungen Generation, solange der unmittelbar kommunikative Charakter erhalten bleibt.

Wie wichtig ist die Sprache eigentlich noch im Computer-Zeitalter, in dem anscheinend mehr gemailt und über Facebook kommuniziert als gesprochen wird?
Da sich Sprache zum Beispiel über Facebook einwegdimensional abspielt, das heißt, dass der Absender einer Botschaft keinen direkten Dialogpartner hat, muss oder kann er sein Sprachkönnen nicht dialogisch einsetzen, um den anderen von seinen Absichten zu überzeugen. Vornehmlich die schnelle Information und nicht die sprachliche Genauigkeit sind Merkmale der Facebook-Kommunikation. Deshalb ist eine angemessene sprachliche Artikulation unverzichtbar.

Band II befasst sich neben den Sprachgewohnheiten auch mit den Festivitäten der Schleswig-Holsteiner. Welche Feste sind für Sie typisch norddeutsch?
Typisch Norddeutsch sind für mich das "Heider Hohnbeer", die "Dithmarscher Kohltage", das "Biikebrennen" an der nordfriesischen Küste und auf den nordfriesischen Inseln, die "Wikingertage" in Schleswig, die "Heringstage" in Kappeln, die "Krokusblüte" in Husum und die Flensburger "Rumregatta" sowie die "Kieler Woche".

Und stimmt es, dass die Nordlichter besonders trinkfreudig und trinkfest sind?
Da ich einen großen Teil meines Lebens an der schleswig-holsteinischen Westküste und auf einigen der dazugehörigen Inseln verbracht habe, kann man den Bewohnern dieser Landstriche eine gewisse Trinkfreudig- und festigkeit nicht absprechen.

"So spricht Schleswig-Holstein" wurde zu einem Bestseller. Hat Sie der Erfolg der beiden Bände überrascht?
Vollkommen. Zwar war mir bewusst, dass viele Menschen in unserem Lande, insbesondere die älteren, über zum Teil ungeahnte Sprachschätze verfügen, aber dass sie sich unverzüglich an den Schreibtisch oder an den Computer setzen würden und das auch noch weiter tun, habe ich nicht vermutet. Ein großes Problem gibt es bei fast allen Plattdeutschen, sie können die Sprache zwar sprechen, aber in der Regel nicht schreiben. So ist mir ein Großteil der Einsendungen in einer phonologischen Schreibweise übermittelt worden, die ich dann mithilfe des unverzichtbaren "Mensing" auf die richtige Schreibweise und Bedeutung hin überprüfen musste. Eine Heidenarbeit.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Welche Sprache sprechen Sie lieber - Hochdeutsch oder Niederdeutsch?
Lieber Herr Richter, hier erwischen Sie mich auf dem falschen Fuß. Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Ist mein Gesprächspartner ein Plattdeutscher, kann ich mich nur auf Platt mit ihm unterhalten. So ging es mir auch mit meinen Eltern. Auf Schwierigkeiten stoße ich immer dann, wenn mein Gesprächspartner mit mir plattdeutsch sprechen möchte, obwohl ich das Gefühl habe, er sei ein Hochdeutscher. In schwierigen Situationen, in denen vor allem mein Gemüt angesprochen wird oder Verärgerung sich breit macht, verfalle ich häufig ins Niederdeutsche. Beispiel: Im Telefongespräch mit einer Ministerin habe ich mich so fürchterlich aufgeregt, dass mir folgender Satz herausrutschte: "De hett je woll Rötten!" Meine Gesprächspartnerin war so baff, dass sie sofort auflegte und sich nach kurzer Zeit erkundigte, was und wen ich damit gemeint hätte. Natürlich nicht sie.

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