Es lebe die Beliebigkeit

mira

TV-Werbung zieht Netzreaktionen magnetisch an: Je banaler die Vorlage, desto kreativer die Antwort.

von
27. Februar 2015, 02:01 Uhr

Stimmungsvolle, ruhige Klaviermusik. Landschaften. Das Meer. Gesichter. Ein Kind mit Katze. Eine ruhige Stimme gibt sanft und nachdenklich pseudophilosophische Alltagsweisheiten von sich. Wie: „Manchmal ist etwas so gut, dass es die Zeit anhalten kann“. Weite, Nähe, Gegenlicht, Lächeln, Fertig.

Im Netz wird der neue Lidl-Spot unter Marketingfachleuten nicht gerade gefeiert. So derartig beliebig, so völlig jenseits der Realität enger Discounter-Regale – und so absolut im Werbetrend. Kennen wir das Modell nicht schon von zahlreichen Automarken (die merkwürdigerweise immer mit Naturbildern werben), von Versicherungen und Banken?

Und weil es eines der Lieblingshobbies der Netznutzer ist, über das Fernsehen abzulästern, gibt es im Internet auch schon die passende kreative Antwort auf die Standardspots: Eine Berliner Agentur hat die Austauschbarkeit der Werbefilme ad absurdum geführt. Auf vignetteroulette.com kann man verschiedene Filmchen ausgewählter Marken mit dem Ton einer anderen Marke unterlegen – und schwupps: Meistens passt es.

Es ist also völlig egal, ob die Bilder aus dem O2-Spot mit dem Text des Discounters besprochen werden oder das AOK-Filmchen mit den Plattitüden zu C&A oder BMW. Die Botschaft ist schließlich immer dieselbe: So zeitgeisteinfangend und hipstermäßig ist unser Produkt. Es erinnert ein wenig an diesen ach so individuellen Facebook-Jahresrückblick, in dem die veröffentlichten Fotos des Jahres mit den meistbeachteten Posts einer Person im Video gezeigt werden. Unterlegt natürlich von sentimentaler Musik. So einfach geht der Druck auf den Emo-Knopf. Manchmal ist etwas so durchschaubar, dass es einen unmittelbar auf die Palme bringen kann.

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