Christiansens Netzwelt : Eine Frage des Dialekts

Seit Jahren nimmt die Zahl der Asylbewerber in Schleswig-Holstein wieder zu.
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Mindestens 60 Prozent aller Asylbewerber in Deutschland haben keine Ausweisdokumente, schätzt die Bundesregierung.

Eine Software könnte künftig Behörden dabei helfen, über Abschiebungen zu entscheiden.

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23. März 2017, 09:43 Uhr

Apps scannen unsere Haut und identifizieren gefährliche Veränderungen von Leberflecken. Sie sagen uns, wann wir fruchtbar sind. Und sie analysieren unseren Urin – zum Beispiel daraufhin, ob wir genug getrunken haben. Alle diese Anwendungen haben eins gemeinsam: Ich würde mich nicht auf die Richtigkeit des Ergebnisses verlassen. Wofür gibt es schließlich Ärzte – Menschen aus Fleisch und Blut, die sich im Idealfall nicht nur das akute Problem ansehen, sondern außerdem auch ein Gesamtbild von mir machen und meinen Lebensstil mit in die Diagnose und vor allem in die Wahl der passenden Behandlungsmethode einfließen lassen? Doktor App und Doktor Google sind irgendwas zwischen Spielkram und Panikmacher. Auch wenn intelligente Programme immer besser werden, das gewisse Quäntchen Flexibilität fehlt oft noch.

Dabei ist Flexibilität immer nötig, wenn es um Entscheidungen geht, die das Leben von Menschen so direkt betreffen. Darum finde ich es fragwürdig, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Erwägung zieht, eine Software Flüchtlinge ihrem Herkunfstort zuordnen zu lassen. Das berichtet Zeit.de. Dafür soll die Spracherkennungssoftware nicht nur feststellen, welche Sprache, sondern auch, welcher Dialekt gesprochen wird. Man will ausschließen, dass Asylsuchende falsche Angaben machen, um bleiben zu dürfen. Das ist tatsächlich ein großes Problem – mindestens 60 Prozent aller Asylbewerber in Deutschland haben keine Ausweisdokumente, schätzt die Bundesregierung –, es muss aber anders gelöst werden.

Allein in Syrien verorten Forscher mehr als 18 Sprachen und noch mehr Dialekte. Um sie alle aus dem Effeff zu beherrschen, müssen riesige Datenmengen erhoben und der Software eingetrichtert werden. Erschwerend hinzu kommt, dass Sprache sich stets weiterentwickelt – auch die eigene Sprechweise verändert sich, je nachdem, mit wem man sich unterhält, welcher sozialen Gruppe man angehört und in welcher Region man sich länger aufgehalten hat.

Ob die Software wirklich zum Einsatz kommt, ist unklar. Und ob sie dann allein entscheiden wird, ob jemand abgeschoben wird oder nicht, steht noch auf einem ganz anderen Blatt. Doch irgendwann in der Zukunft könnte sie das Zünglein an der Waage sein. Noch sind wir aber längst nicht so weit, dass diese Prozesse reibungslos verlaufen – ob das beim Beispiel Sprache je so weit sein wird? Lassen wir doch zumindest bis dahin den Menschen den Vorrang.

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