Maas’ Netzwelt : Digitale Demenz, mein Smartphone und ich

Das Internet macht uns immer vergesslicher. Aber macht es uns damit auch zu Zombies?

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07. Juli 2015, 12:00 Uhr

Kleiner Test: Haben Sie die Telefonnummer Ihres Zahnarztes im Kopf? Das Geburtsdatum Ihres besten Freundes? Und wissen Sie noch, was Doktor Faust aus Goethes berühmter Tragödie studiert hat?* Wenn Sie bei einer, zwei oder drei Fragen instinktiv zum Smartphone greifen, leiden Sie vielleicht an digitaler Demenz. Wissenschaftler verfassen zu dem Thema großangelegte Studien. Die Essenz: Unsere Gehirne vergessen immer mehr, weil wir es uns erlauben können.

Mein Smartphone erinnert mich an Termine. Sagt mir, wie ich noch mal zu diesem bestimmten Geschäft komme und reicht mir die Einkaufsliste. Hilft mir auf die Sprünge, wenn ich mit einem Goethe-Zitat angeben will.

Dass ich mich angesichts dieser Menge an Outsourcing überhaupt noch an Erkenntnisse aus meinem Studium erinnere, macht mich fast ein bisschen stolz. Natürlich hat sich die Theorie in mein Gehirn gebrannt, die eine Kommilitonin im ersten Semester zu Zeichnungen mit abgetrennten Gliedmaßen verleitete: Marshall McLuhans Prinzip von „Selbstamputation und Erweiterung“ aus den 60er Jahren. Stark verkürzt: Das Rad ist der selbstamputierte und erweiterte Fuß. Das Radio ist das selbstamputierte und erweiterte Ohr. So weit, so skurril. Heute ist offensichtlich: Das Smartphone ist das selbstamputierte und erweiterte Gehirn.

Macht mich das zu einem Zombie? Oder hat mein Hirn jetzt einfach mehr Platz zum Spielen? Schließlich war ich schon als Kind ziemlich vergesslich, was zum Beispiel Zahlen und Formeln angeht. Und was passiert, wenn ich den ausgelagerten Teil meines Gehirns abschalte? Das erfahre ich bald im Sommerurlaub. Der Plan: Eine Woche auf einer kleinen Insel, in einer Ferienwohnung, zum ersten Mal seit Jahren tagelang ohne Internet.

*(Die Lösung: Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie)

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