Christiansens Netzwelt : Die Vorleser - Microsoft und Facebook setzen auf Audio

<p>Mit einem Wisch am Bügel der smarten Brille schießt der Träger ein Foto, eine Software analysiert das Bild und erzählt ihm, was darauf zu sehen ist. </p>

Mit einem Wisch am Bügel der smarten Brille schießt der Träger ein Foto, eine Software analysiert das Bild und erzählt ihm, was darauf zu sehen ist.

Inklusion per Software: Microsoft und Facebook wollen sehbehinderten Nutzern Bilder vorlesen lassen.

von
06. April 2016, 18:18 Uhr

„Ich glaube, es ist ein Mann, der in die Luft springt und Tricks auf einem Skateboard macht“, sagt eine Computerstimme auf Englisch. Sie erzählt Saqib Shaikh, was um ihn herum passiert. Shaikh ist blind – und er arbeitet für Microsoft als Software-Entwickler.

In einem Werbefilm erzählt er von Missverständnissen, beispielsweise, wenn er nicht weiß, ob sein Gegenüber ihm überhaupt Aufmerksamkeit schenkt. Ein Wisch am Bügel seiner smarten Brille hilft – er schießt so ein Foto, eine Software analysiert das Bild und erzählt ihm, was darauf zu sehen ist. „Seeing AI“ (deutsch: Sehende Künstliche Intelligenz) nennt sich das Ganze, das auch mit Smartphone statt Brille funktioniert. Ob und wann „Seeing AI“ massentauglich wird, ist offen.

Auch Facebook will Menschen mit Sehbehinderung die Teilhabe an seinem Netzwerk angenehmer machen und ein solches Audio-Feature einführen. Im Moment können nur Apple-Nutzer aus bestimmten Ländern auf den „Automatic Alternative Text“ (ATT) zurückgreifen – vorausgesetzt, sie verwenden eine englischsprachige Vorlesesoftware – und sich so nicht mehr nur Text-, sondern auch Bildinhalte ihrer Timeline vorlesen lassen. Erkannt werden die Bilder automatisch von einem selbstlernenden neuronalen Netzwerk.

Bislang beschränkt sich die Software AAT auf rund Hundert Begriffe, die Entwicklung gehe aber stetig weiter, heißt es. Fehlerfrei sind solche Systeme nämlich nicht: Google unterlief mit seiner Bilderkennungssoftware im vergangenen Jahr ein wirklich blöder Fehler – die Software ordnete dunkelhäutige Menschen als Gorillas ein. Tiere kann Facebooks Software bislang noch nicht benennen – eine Sicherheitsmaßnahme? Vielleicht schränkt Microsofts Vorleser deswegen seine Beschreibungen mit „Ich glaube...“ und Facebooks Programm mit „Dieses Foto könnte ... zeigen...“ ein.

Am Einsatz von Bilderkennungssoftware arbeitet Facebook schon lange – wenn bislang auch mit anderer Ausrichtung. Im Jahr 2014 kündigte der Konzern an, seine Nutzer davor schützen zu wollen, in betrunkenem Zustand entstandene Selfies zu posten. Eine Bevormundungsfunktion, die im skurrile-Ideen-Nirvana verschwand. Nicht schlimm.

Mit der Vorlesefunktion für Fotos haben sich Facebook und Microsoft hingegen Wichtigerem zugewandt. Und – auch wenn die Software noch nicht perfekt funktioniert – für die Idee gibt es von mir ein klares „Like“.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen