Nagars Netzwelt : Die Quadratur des Schnappschusses

mira

Ob Willkür oder Motivation – Unternehmen wie Facebook nehmen Einfluss auf geteilte Informationen.

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02. Januar 2015, 10:57 Uhr

Der Foto-Dienst Instagram ist auf der Überholspur: Experten schätzen, dass er 2016 eine halbe Milliarde Mitglieder haben wird. Was die Zahlen der aktiven Nutzer angeht, wurde Twitter unlängst von der Schnappschuss-Schleuder überholt und ist damit auf Platz zwei. Nach eigenen Angaben werden täglich weltweit 70 Millionen Fotos bei Instagram hochgeladen. Offensichtlich hatte Facebook (wenig überraschend Platz eins) da den richtigen Riecher, als es den Fotodienst 2012 für mehr als 700 Millionen Dollar erwarb.
Der geneigte Paranoiker merkt genau hier aber auf: Die Konzentration der Sozialen Medien auf so wenige Unternehmen könnte sich auch negativ auswirken. Wie das? Die Beiträge kommen doch von den Nutzern und nicht von den Anbietern. Die beste Voraussetzung für Meinungspluralität, möchte man meinen. Doch wer die Veröffentlichung von Posts und Fotos kontrolliert und sortiert, hat auch ein Stück Informationshoheit. Auch wenn er die Inhalte selbst nicht produziert.
Nun ist der Informationsgehalt bei Instagram beschränkt. Es konzentriert sich auf Bilder und Videos. Ich mache ein mehr oder weniger gelungenes Foto von – sagen wir einem Deichschaf. Und weil der Himmel mal wieder so grau ist über Nordfriesland, kloppe ich das Bild durch einen der vielen Instagram-Filter, die ihm einen Touch der 70er geben. Und schon ist es Kunst. Allein schon das Format spricht für sich: Die Sicht auf die Welt wird ins Quadrat gebracht, eine Hommage an Polaroid. Und es zirkulieren nicht nur Fotos: Auch Zitate und Aphorismen sind beliebt, wenn man sie auf einen geschmackvollen quadratischen Hintergrund schreibt. Soweit, so wunderschön und hipsterkonform.
Wäre da nicht diese doofe Frage nach einer möglichen Beeinflussung. Dass Werbebilder für den Waffenverkauf auf Instagram je nach Gesetzgebung eines Landes entfernt werden, ist ja sehr wünschenswert. Auch Pornografie ist nicht geduldet. „Behalte deine Kleidung an“, heißt auch gleich das zweite Gebot der Instagram-Richtlinien. Selbst Promis wie Rihanna müssen sich da zurückhalten und mussten eine Sperrung ihres Kanals in Kauf nehmen. Berichten zufolge sorgt das Pornoverbot aber auch dafür, dass beispielsweise Infobilder zum Thema Brustkrebs gelöscht werden, schließlich handelt es sich bei Instagram um einen Dienst aus den USA, wo das Zeigen von Brustwarzen vielerorts nicht erlaubt ist. Pornobilder ohne Nippel schaffen es trotzdem immer wieder durch den Filter. Dass das bei so vielen Bildern passiert, wundert nicht.
Diese Willkür ist aber auch in anderen Feldern – und aus bewusster Motivation - möglich. Nun wollen wir mal nicht davon ausgehen, dass Facebook/Instagram versucht, Nutzer politisch zu beeinflussen. Doch dass uns Werbung untergejubelt wird, davon können wir mal ausgehen. Es sind schließlich Wirtschaftsunternehmen. „Du erkennst an, dass wir bezahlte Dienstleistungen, gesponserte Inhalte oder kommerzielle Kommunikationen möglicherwies [sic] nicht immer als solche kennzeichnen“, steht irgendwo in den seitenlangen hipsterkonform ausformulierten Nutzungsbedingungen. Vielleicht sollte man auch mal solche Zitate auf einen geschmackvollen, quadratischen Hintergrund schreiben und bei Instagram zirkulieren lassen.

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