Fietzes Netzwelt : Die heimlichen Medienerzieher

Nur weil ein Kind gerne spielt, müssen Eltern sich noch keine Sorgen machen. Sie fragen besser interessiert nach und nehmen das Hobby ernst. /dpa
Nur weil ein Kind gerne spielt, müssen Eltern sich noch keine Sorgen machen. Sie fragen besser interessiert nach und nehmen das Hobby ernst. /dpa

Im langen Winter wird gern zum Tablet gegriffen - gute Berater für die Kleinen können ältere Geschwister sein.

shz.de von
14. Januar 2018, 14:23 Uhr

Regenzeit ist Medienzeit… – alles ist irgendwie langsamer und schummriger im Januar, selbst das Smartphone ist irgendwie gelblich-mumpfig gedimmt: „Night shift“ hilft beim Einschlafen, denn Handylicht schiebt sonst unablässig schlafhemmendes Serontonin in unsere Blutbahnen… dazu prasselt das digitale Lagerfeuer: die Kleinen spielen was vor (Minecraft auf dem Tablet), die Größeren schauen versonnen auf Insta was so geht und die Großen aktivieren slowly die Umtauschfunktion für schiefgelaufene digitale Weihnachtsgeschenke.

Aber da war doch noch was offen: Über Geschwister wollten wir sprechen – die heimlichen Medienerzieher, die schärfste Alterskontrolle für Filme und Games, die erfahrenen Hatespeech-Gestählten. Ältere Geschwister haben Medien-Erfahrung. Sie wissen Bescheid und können ideal als Juroren für die Medienerlebnisse der Kleineren bemüht werden. Nicht als Arbeitsersparnis für die Eltern, sondern als wertschätzende Geste der Erziehungsberechtigten. „Was taugt der Film für Deinen kleinen Bruder?“ „Wie lang sollte die 7-jährige Schwester an Minecraft konstruieren dürfen?“, und auch für die Kleinen gilt: „Was würdest Du als Fünfjährige für die U3-Gruppe eher empfehlen?“ – natürlich kommt da kein totaler Unsinn vor die kleinen Gutachter.

Lassen Sie im klammen Winter mal die jungen Medienchecker ran: Familiäre Medienbegutachtung bei „Ninjago“ (toggo), der Sechsjährige gibt sein Urteil ab zum Kleinkindformaten wie „Dinotaps (Kika), abends folgt ein jugendlicher Diskurs zu „tellonym“ (ein heftiges Portal zum Ablästern im Schafspelz und leider gerade groß in Mode) und schließlich etabliert sich eine Kultur der begründenden Medienkritik zuhause: wer sollte, könnte und darf was sehen, spielen, touchen im Hause Mustermann? Und warum?

Gutes Essen lernt man auch an der Pommesbude und der Diskussion, warum selbstgemachte Mayo leckerer ist, Urteilskraft muss man üben: formulieren, begründen, Argumente suchen und jede Altersgruppe den anderen Familienmitgliedern etwas nahebringen lassen. Wenn’s um Tipps für den kleinen Bruder geht, wundern sich die Zwölfjährigen selbst über ihre medienkritische Haltung. Die Eltern sollte es freuen: Wieder ein paar Flugstunden weniger für den Eltern-„Helikopter“ und warm ums Herz wird uns dabei auch.

> Der Autor Henning Fietze ist Medienpädagoge beim Offenen Kanal Schleswig-Holstein in Kiel.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen