Netzwelt : Der Spion im Smartphone

Ausspioniert: Mit einer App war es Robert Peter an seinem Rechner möglich, das Smartphone von Christoph Käfer auszuforschen – einen Hinweis darauf hinterließ er auf dem Gerät nicht.
Ausspioniert: Mit einer App war es Robert Peter an seinem Rechner möglich, das Smartphone von Christoph Käfer auszuforschen – einen Hinweis darauf hinterließ er auf dem Gerät nicht.

Die NSA mit ihren Spionagen auf Handys, im Internet und Telefonanschlüssen ist derzeit in aller Munde. Dabei muss es gar kein großer Agentenbund sein. Eine kleine App reicht für Spionagedienste à la James Bond auf dem eigenen Handy. Ein Selbstversuch.

shz.de von
26. März 2014, 17:01 Uhr

Flensburg | Ich zucke innerlich zusammen „Wer weiß, was er noch Peinliches entdeckt hat?“, schießt es mir durch den Kopf. Dann geht der Griff zum Smartphone. Sekunden später sind die Fotos gelöscht. Ich atme laut aus. Zwei Minuten zuvor: Robert Peter grinst. „Sag mal Christoph“, fragt er, „was für ein Video ist das denn auf deinem Handy?“ Ich schlucke. „Das, äh, das hat mir ein Freund vor Monaten mal geschickt, ich wusste gar nicht, dass ich das noch habe.“ Robert Peter schon. Er kennt mein Handy besser als ich selbst. Weiß, dass ich Ende Dezember um 9 Uhr ein Gespräch mit meiner Bankberaterin hatte. Und dass ich kürzlich einen neuen Schlauch für mein Fahrrad gekauft habe. Davon erzählt habe ich ihm nie. Notizen auf meinem Handy haben es ihm verraten. Dabei hat er es kein einziges Mal in der Hand gehabt.

Robert Peter, 30, Geschichtsstudent, ist weder Computer-Hacker noch IT-Fachmann. Das ist auch gar nicht nötig, um kinderleicht Informationen auf meinem Handy mitlesen zu können. Die Arbeit übernimmt ein kleiner Helfer für ihn, die Spionage-App – ein bislang weitgehend unbekanntes Produkt des Smartphone-Zeitalters. Eine solche Anwendungssoftware habe ich für einen Selbstversuch auf meinem Handy installiert.

Genauso gut hätte mein Bekannter dies in einem unbemerkten Augenblick selbst machen können. Dafür reichen wenige Handgriffe am Handy. In etwa fünf Minuten wäre es erledigt. Damit rühmt sich sogar ein Anbieter auf seiner Webseite. Dort stehen auch die Preise: Knapp 25 Euro pro Monat kostet die günstigste Version der App. Die Premium-Variante ermöglicht eine nahezu vollständige Überwachung, ist aber auch doppelt so teuer. 

Mit der aufgespielten, für mich nicht sichtbaren App späht Robert Peter mich einen Monat lang aus. Dafür muss er bloß eine Einstellung auf meinem Smartphone deaktivieren und auf seinem Nutzerkonto beim Dienstleister mSpy, dem App-Anbieter, meine Handynummer hinterlegen. Über dieses Nutzerkonto kann nun jeder Anruf, jede SMS-, WhatsApp- und E-Mail-Nachricht, also jeder Datenverkehr des Handys überwacht werden. Dazu zählen auch Nachrichten bei sozialen Netzwerken, wie Facebook, Twitter und Skype.

„Verflixt!“ Ich starre auf den Handy-Bildschirm. Nichts passiert. Das Google-Fenster will sich einfach nicht öffnen lassen. Ich drücke auf das Symbol der Facebook-App. Nichts passiert. „Das kann doch nicht wahr sein.“  Doch. Mit der App kann Robert Peter auch Webseiten und installierte Apps per Mausklick sperren. Gleiches gilt für Telefonnummern. Ich fühle mich wie eine Marionette, kann mein Handy nur soweit nutzen, wie mein Überwacher es zulässt. Er hat die völlige Kontrolle, solange das Handy eine Verbindung zum Internet aufgebaut hat – also nahezu dauerhaft. Als stammte diese App aus der Feder der NSA.

Und die App kann noch mehr: Per GPS-Signal wird der jeweilige Standort des Mobilgerätes angezeigt, der Spion kann sich auf dem Smartphone gespeicherte Fotos und Videos anzeigen lassen, er bekommt Einblicke in Notizen und Kalender. Die App kann zudem als Wanze genutzt werden und Geräusche und Gespräche in der Umgebung des Handys aufzeichnen.  Von der Überwachung bekomme der Nutzer des Zielhandys nichts mit. Kein Wunder, schließlich ist die App nach Angaben des Anbieters zu „100% nicht aufspürbar“. Stimmt. Auf meinem Handy lässt sich kein einziger Hinweis auf die App finden. Kann das legal sein? Strafrechtlich sind diese Apps mindestens an der Grenze der Illegalität, datenschutzrechtlich verpönt. Die Polizei und das zuständige Bundesamt beobachten die Verbreitung der Spionagesoftware mit Skepsis und Sorge – trotzdem ist sie weiterhin im Umlauf. 

Julian, Manuel, Lisa – Robert Peter kennt meine Freunde, Verwandten und Bekannten. Zumindest sofern sie ein Facebook-Profil haben. Ihnen in meinem Namen Nachrichten schreiben, kann er noch nicht. Könnte er aber, wenn er mein Smartphone „rooten“ würde, also bestimmte Änderungen an der Handy-Software vornähme. Dies können nach Angaben eines Spionage-App-Anbieters nur „fortgeschrittene User“. Robert Peter zählt – zum Glück – nicht dazu.

Die Zahl spricht für sich: Drei Prozent. So viele Deutsche sahen Mitte Januar den Bereich Datenschutz sowie Datensammlung durch Geheimdienste als größtes aktuelles Problem. Das bedeutet Platz 15 bei der vom ZDF in Auftrag gegebenen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen. Dass Handys von Ministern und der Kanzlerin abgehört wurden, ändert offenbar nichts. Zu weit weg scheint das Ausspähen von Smartphones für Otto Normalverbraucher zu sein. Stefan Jung, Pressesprecher des Landeskriminalamtes (LKA) Schleswig-Holstein ist entsetzt. Von Schleswig-Holstein am Sonntag hat er erstmals von der Spionage-Software erfahren. „Ich bin völlig fassungslos.“ Dem LKA seien bislang keine Fälle im Land bekannt, bei denen eine solche Software zum Einsatz kam. Jung: „Ich kann einfach nicht glauben, dass so etwas in unserem Staat legal angeboten werden kann.“

Legal? Für Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein, gibt es bei der Spionage-Software keine zwei Meinungen: „Legal ist das Ganze nicht.“ Zumindest, wenn die App ohne Einverständnis des Handy-Besitzers installiert wird. Darauf weist auch mSpy mit einem Satz hin – in einem der letzten Passagen ihrer Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Dort heißt es wörtlich: „Sie haben das Recht, die Software zu übermitteln, aber der Empfänger muss den Bedingungen zustimmen, die hier umrissen werden.“ Bei anderen Anbietern lassen sich entsprechende Formulierungen leichter finden. Ein Hinweis, wie dies überprüft werden soll, fehlt bei allen.

Den Anbietern solcher Programme das Handwerk zu legen, sei in den meisten Fällen schwierig, sagt der Flensburger Staatsanwalt Axel Schumann, der sich auf Computer- und Internetkriminalität spezialisiert hat. Denn nur Unternehmen mit Sitz in Deutschland können strafrechtlich belangt werden. „Über das Internet lässt sich das deutsche Strafrecht umgehen, ein Problem der globalisierten Welt.“ Dies nutzen viele der App-Anbieter: Stealth Genie und mSpy haben ihre Heimat in London, andere Anbieter kommen aus den USA. Darin sieht Datenschützer Weichert eine große Gefahr. „Dadurch, dass die meisten Apps von US-Unternehmen stammen oder vertrieben werden, sind diese zugleich eine Einladung zum Ausspionieren – nicht nur durch die App- und Portal-Anbieter, sondern auch durch die NSA.“

Überwachung per Smartphone fange aber früher an, betont Matthias Glamann, Sprecher der Flensburger Polizeidirektion. „Es gibt legale Apps, insbesondere die kostenlosen, die dem Nutzer Gratis-Komfort suggerieren.“ Sie verlangen aber bei der Installation „das grundsätzliche Einverständnis zur Abschöpfung diverser Daten des Smartphones. Hier zahlt der Anwender mit seinen Daten, nicht mit Geld.“

Damit können offenbar die meisten Smartphone-Nutzer in Deutschland leben. Ich auch. Denn ich bin einfach nur erleichtert, dass die Überwachung vorbei ist, dass Robert Peter keinen Zugriff mehr auf mein Handy hat. Auch nicht auf die ausgespähten Daten – denn mSpy hat sein Nutzerkonto gesperrt.  Was passiert nun mit den ausgespähten Handy-Daten? Ich weiß es nicht.

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