Internetsucht : Der Onlinesucht ein Schnippchen schlagen

Internetsucht bei Kindern und Jugendlichen belastet oft die ganze Familie. Das Projekt ESCapade soll helfen.

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18. Juli 2014, 05:15 Uhr

Berlin/Schleswig | Das Wort von der „Down-Head-Generation“, der „Kopf-nach-unten-Generation“, macht die Runde. Gemeint sind Jugendliche, die – egal wo sie unterwegs sind – nur auf ihr Handy starren. Zwar gibt es noch keine speziellen Kriterien zur Diagnose von „Medienabhängigkeit“. Sicher ist aber, dass sich Jugendliche durch ihre ungehemmte Nutzung der neuen Medien in mehrfacher Hinsicht schaden können. Das Bundesmodellprojekt ESCapade sucht Wege zur Abhilfe – und bindet die ganze Familie mit ein.

ESCapade ist ein Interventionsprogramm für Jugendliche mit problematischer Computernutzung, das sich gezielt an Familien mit Kindern im Alter von 13 bis 18 Jahren richtet. Koordiniert von der Fachstelle für Suchtprävention der Drogenhilfe Köln, wurde es an den Standorten Köln, Berlin, Freising, Schwerin und Lörrach erarbeitet. Mittlerweile wurden bundesweit auch Mitarbeiter von anderen Beratungsstellen – auch in Kiel, Schleswig und Bad Segeberg – geschult.

Die werden offenbar auch dringend gebraucht: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kam 2013 zu dem Ergebnis, dass 2,5 Prozent der 12- bis 15-Jährigen „ihren Umgang mit Internet und Computerspielen nicht mehr unter Kontrolle haben“. Welche langfristigen Folgen eine solche Entwicklung haben kann, ist noch nicht untersucht.

„Kritisch wird es dann, wenn ein Jugendlicher das Interesse an Aktivitäten mit Gleichaltrigen verliert, die Schule vernachlässigt oder zu wenig schläft, weil er nachts vorm Computer sitzt“, erklärt Klara Zimmermann vom Suchthilfezentrum in Schleswig. Hier sollten Eltern aufmerksam sein. Die Psychotherapeutin rät, dass Eltern ihren Kindern Grenzen in der Nutzung der Medien aufzeigen, ihnen aber auch die Hintergründe erklären. So können Kinder und Jugendliche lernen, die Sichtweisen anderer zu akzeptieren, gemeinsam mit anderen ein Problem zu diskutieren und nach einer Lösung zu suchen – eine Fähigkeit, die Gefahr laufe abhanden zu kommen, wenn junge Menschen ihre Freizeit statt mit Freunden im Internet verbringen.

Auch ESCapade verfolgt das Ziel, das Gespräch zwischen Eltern und Kindern in Gang zu halten oder es wieder zu ermöglichen. Der Sogwirkung des Internets wierde bei dem Projekt aber durchaus mit Verständnis begegnet: „Kein Medium ist je zuvor in der Lage gewesen, derart flexibel an unsere natürlichen Bedürfnisse wie Spaß, Entspannung, Ablenkung, aber auch Erfolg und Anerkennung anzuknüpfen“, schreiben die Entwickler der Drogenhilfe Köln auf der Projekt-Homepage. Aufgrund dieser Wirkung falle es manchen Usern schwer, Schule, Beruf, Familie und Freizeit nicht zu vernachlässigen. Die Konflikte darüber belasten alle Familienmitglieder. Aus dieser Beobachtung entstand der Gedanke, eine Hilfe zu konzeptionieren, die auf das gesamte Familiensystem wirkt. „Wir haben eine erfolgreiche Intervention entwickelt“ sagt Julia Gehrke von der Kölner Drogenhilfe. Sie besteht aus einem Erstgespräch, einem Familienseminartag und individuellen Familiengesprächen. So lasse sich verhindern, dass Jugendliche dauerhaft in einen Teufelskreis exzessiver Mediennutzung schliddern.

ESCapade in Schleswig-Holstein:
ATS - Fachstelle für Mediennutzung und Medienabhängigkeit
Kirchstraße 9
23795 Bad Segeberg
Tel: 04551 - 955126; 04551 - 84358
braun.julia@ats-sh.de
leichsenring.rainer@ats-sh.de

Suchthilfe der Ev. - Stadtmission Kiel
Wall 38
24103 Kiel
Tel: 0431 - 26044500
susanne.schneider@stadtmission-kiel.de

Fachstelle Medienabhängigkeit und Mediennutzung
Suadicanistraße 45
24837 Schleswig
Tel: 04621 - 48610
dronia@suchthilfezentrum-sl.de

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