Wenn Inseln verschwinden : Der Erde geht der Sand aus

Leichter Wind weht über die Dünen in Sossusvlei im Namib Naukluft Park. «Sand ist die Grundlage unserer modernen Gesellschaft», sagt Aurora Torres, Wissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung.
Leichter Wind weht über die Dünen in Sossusvlei im Namib Naukluft Park. «Sand ist die Grundlage unserer modernen Gesellschaft», sagt Aurora Torres, Wissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung.

Unzählige Urlauber aalen sich derzeit an idyllischen Stränden. Was die meisten nicht wissen: Der Sand wird langsam knapp - denn die Ressource steckt so ziemlich in allem, auf dem unsere moderne Gesellschaft gebaut ist. Alle Wüsten der Welt helfen nicht.

shz.de von
01. August 2018, 09:37 Uhr

Der Burj Khalifa glänzt in Dubais Wüstensonne. Seit der 828-Meter-Turm vor acht Jahren eingeweiht wurde, ist er das höchste Gebäude des Planeten. Aber das ist nicht der einzige Superlativ, wurden für den Wolkenkratzer doch gigantische 330.000 Kubikmeter Beton verarbeitet.

Beton wiederum besteht überwiegend aus Sand. Ganz in der Nähe recken bereits wieder Baukräne ihre Hälse gen Himmel, um neue Rekordtürme aus dem Boden zu stampfen. Nicht nur in den Arabischen Emiraten, sondern überall auf der Erde wird gebaut. Die Nachfrage nach Sand und Kies ist so dramatisch gestiegen, dass Experten mittlerweile Alarm schlagen - und das alte Sprichwort «wie Sand am Meer» bald obsolet werden könnte.

Im wahrsten Sinne des Wortes ist das in Jamaika geschehen, wo 2008 über Nacht der 400 Meter lange Strand von Coral Spring spurlos verschwand. Die Täter transportierten unbemerkt ganze 500 weiß-pudrige LKW-Ladungen ab. Gefasst wurden sie nie, die Ermittlungen blieben ergebnislos. Medien spekulierten damals, der Sand sei entweder zur Aufschüttung eines anderen Strandes benutzt oder in der Bauindustrie verwendet worden. Ohne Zweifel war der Raub ein lukratives Geschäft - die Ressource ist begehrt wie Gold.

«Sand ist die Grundlage unserer modernen Gesellschaft», sagt Aurora Torres, Wissenschaftlerin am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Ihre Forschungsergebnisse zu den Auswirkungen von Sandgewinnung auf die Ökosysteme sind im vergangenen Jahr im Magazin «Science» erschienen. Torres glaubt, dass die meisten Menschen sich der «drohenden Tragödie», wie sie es nennt, nicht bewusst sind. «Bei den Bürgern wird das Thema noch kaum beachtet, aber es hat in den vergangenen Jahren zunehmend die Aufmerksamkeit internationaler Organisationen auf sich gezogen.»

Das Leben der Menschheit sei buchstäblich auf Sand gebaut, sagt die Expertin. Mittlerweile sind die Quarzkörnchen gleich nach Wasser zum weltweit am meisten konsumierten natürlichen Rohstoff mutiert. Denn Sand steckt nicht nur in Häusern, sondern so ziemlich in allem, von Glas über Asphalt bis zu Kosmetika, Zahnpasta, Mikrochips, Smartphone-Bildschirmen, Autos und Flugzeugen. Das aus Sand gewonnene Siliciumdioxid (SiO2) wird auch in der Weinindustrie und vielen Lebensmitteln verwendet.

«Sand ist der Megastar unseres industriellen und elektronischen Zeitalters», heißt es in einem Artikel der ETH Zürich. Der globale Bedarf übersteigt bei weitem das, was durch Verwitterung nachkommt.

«Die Masse an Sand, die gebraucht wird, hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht», rechnet Pascal Peduzzi vom UN-Umweltprogramm (UNEP) vor. Er warnt schon lange vor den Konsequenzen und hat 2014 den UN-Report «Sand, knapper als man denkt» verfasst. «Wir schätzen den derzeitigen Verbrauch auf 50 Milliarden Tonnen pro Jahr - das sind 18 Kilogramm täglich für jeden Einwohner der Erde.»

Natürlich verschlingen nicht alle Konstruktionen solche Berge Sand wie die Rekordbauten in den Emiraten, aber selbst für ein Einfamilienhaus werden Schätzungen zufolge 200 Tonnen gebraucht. Allein mit dem Jahresverbrauch des Bausektors «könnte man eine 27 Meter hohe und 27 Meter breite Mauer rund um den Äquator aufschütten», so Peduzzi.

Man könnte meinen, dass in den Wüsten der Welt genug von dem begehrten Rohstoff herumliegt. Das Problem: Wüstensand ist für die Herstellung von Beton nicht geeignet. Die Körner sind vom Wind so glatt und rund geschliffen, dass sie sich kaum verhaken können und nicht haften. Deshalb nutzt den Scheichs auch aller Sand der umliegenden Wüste nichts, wenn sie in Dubai und Abu Dhabi ihre ehrgeizigen Megaprojekte in Auftrag geben. Für den Burj Khalifa etwa mussten riesige Mengen des Rohstoffs aus dem weit entfernten Australien importiert werden.

Zur Sandgewinnung werden riesige Schwimmbagger eingesetzt, die Tonne um Tonne vom Meeresgrund, aber auch aus Seen oder Flüssen abtragen. Die Folgen für die empfindlichen Ökosysteme sind oft verheerend. Flussbetten sinken ab, Küsten erodieren, die Fauna in den Ozeanen wird zerstört, ganze Inseln verschwinden. Schutzmechanismen, die eigentlich Stürme und Tsunamis abhalten, werden außer Kraft gesetzt.

Indonesien etwa verliere durch hemmungslosen Sandabbau immer mehr seines Territoriums, schrieb die renommierte spanische Zeitung «El País» zuletzt. Mehr als zwei Dutzend Inseln des bei Urlaubern aus aller Welt beliebten Archipels seien bereits komplett verlustig gegangen. Aber auch Europa ist betroffen: «Die Strände der Kanarischen Inseln etwa überleben heutzutage durch Sandimporte aus der West-Sahara.»

Der bei weitem größte Exporteur der Ressource sind Statistiken zufolge die USA, der größte Importeur das für seine glitzernden Shopping Malls und Megabauten berühmte Singapur. Auf der Liste der Einfuhrländer belegt Deutschland immerhin den achten Rang. Viele Länder vor allem in Südostasien haben den Export von Sand verboten. Jedoch wird weiter mit dem Rohstoff gehandelt - nur eben illegal. Die so genannte «Sand-Mafia» operiere besonders erfolgreich in Indien, erklärt Aurora Torres. «Sie gilt dort als eine der gewalttätigsten und undurchdringlichsten Gruppen des organisierten Verbrechens.»

Expertenteams arbeiten derweil an der Entwicklung von Alternativen. Baustoffrecycling und Forschungen dazu, Wüstensand für das Bauen nutzbar zu machen, gelten als vielversprechend. Aber das Problem ist komplex, vielschichtig und noch relativ neu. «Sand ist ein ganz besonderes Material, das immer in Hülle und Fülle vorhanden und extrem billig war», sagt Aurora Torres. Das hat sich inzwischen geändert. «Bisher hat noch niemand eine Lösung gefunden, die den riesigen Hunger nach Sand stillen könnte.»

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