Digitalisierungs-Konferenz „Netzfeld“ : „Das Internet hilft uns, die Jugendfeuerwehr attraktiv zu machen“

Die Digitalisierung krempelt auch ländliche Regionen um – und bietet auch für die Feuerwehren Chancen.

Avatar_shz von
25. Januar 2019, 06:12 Uhr

Das Ehrenamt ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Und das seit Generationen. Doch die Herausforderungen sind groß, denn die Digitalisierung verändert viel – nicht nur in den Städten, sondern gerade auch auf dem Land. Ein neuartiges Veranstaltungsformat von sh:z das medienhaus namens Netzfeld macht genau das sichtbar und bietet die Plattform gemeinsam die Zukunft des Landlebens zu gestalten. Einer der Sprecher auf der ersten Netzfeld-Konferenz, die im Kreis Rendsburg-Eckernförde stattfindet, ist Lennart Kutzner. Im Interview erklärt der Bildungsreferent der Niedersächsischen Jugendfeuerwehren vorab, was genau die Digitalisierung mit der Feuerwehr zu tun hat und welche Chancen schon jetzt ergriffen werden.

Weiterlesen: „Netzfeld“ – Die Zukunft des Landlebens mitgestalten

Immer nur Schläuche rollen und Theorie büffeln war gestern, meint Lennart Kutzner und ist sich sicher: Heute braucht es mehr, um junge Menschen bei der Feuerwehr zu halten. Mit Hilfe von digitalen Tools wie „Open-Slides“ und „Feedbackr“ will er für mehr Mitspracherechte der Jungen und Mädchen sorgen und sie fit für die Zukunft machen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welche Möglichkeiten die Digitalisierung der Jugendwehren bietet. 

shz: Jugendfeuerwehr klingt erst einmal nach Schläuchen, Sport und Wettkampf. Digitalisierung kommt einem da weniger in den Sinn oder?

Lennart Kutzner: Die Freiwilligen Feuerwehren sind Institutionen, die viel Wert auf Tradition legen. Den Satz „das haben wir schon immer so gemacht“, hört man noch zu oft. Und tatsächlich haben sich die Aufgaben in den vergangenen Jahren ja nur wenig verändert. In der Jugendfeuerwehr werden Jugendliche nach wie vor auf spätere Einsätze vorbereitet. Aber du kannst sie nicht nur sechs Jahre lang drillen, Schläuche zu rollen. Jugendfeuerwehren müssen für junge Menschen attraktiv bleiben. Die Digitalisierung bietet außerdem viele Lösungsansätze.

Lennart Kutzner

Lennart Kutzner

Welche zum Beispiel? 

Gerade auf dem Land ist kollaboratives Arbeiten ultrawichtig. Der Landkreis Diepholz zum Beispiel hat eine sehr starke Nord-Süd-Ausdehnung. Wenn du dort für die Planung eines Zeltlagers vom Norden in den Süden fahren musst, bist du eine Stunde unterwegs. Bei der Problematik können Google Docs und Videochats den Jugendfeuerwehren helfen, einen Großteil der Treffen zu minimieren. Es reichen dann Zwischentreffen von einzelnen Leuten. Aber man muss nicht mehr 60 Minuten durch den Landkreis juckeln. Oder „Feedbackr“ – das ist ein Tool, mit dem man bei Versammlungen Fragen auf einen Screen stellen kann, damit die Jugendlichen auf ihren mobilen Endgeräten live abstimmen können.

Du selbst warst als Teenager in der Jugendfeuerwehr aktiv. Was hat die Digitalisierung seither verändert?

Es wird anders kommuniziert. Das fängt mit den Facebook-Gruppen an. Früher war es so, dass die Jugendfeuerwehren – außer sie waren sehr engagiert – oft nichts miteinander zu tun hatten. Auch wenn sie nur ein paar Kilometer auseinander lagen: Befand sich zwischen ihnen eine Gemeindegrenze, gab es deutlich weniger bis keine Kommunikation. Der Austausch mit den anderen ist durch das Internet viel intensiver geworden. Das ist nur ein erster Schritt.

Was ist der nächste Schritt?

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, die Niedersächsische Jugendfeuerwehr für die E-Partizipation fit zu machen. Das ist mein persönliches Engagement, aber ich bin damit deshalb nicht alleine. Nicht zuletzt gibt es gesetzliche Vorgaben die vorsehen, dass wir die Jugendlichen im Verband beteiligen. Wir wollen sie fragen, was sie wirklich wollen. Es wäre also gut, wenn wir uns dabei an der Basis orientieren könnten. Dem stehen jedoch unsere Größe und auch ein wenig die Strukturen der Feuerwehr im Weg.

Inwiefern? 

Die Freiwillige Feuerwehr ist sehr hierarchisch aufgebaut. Einer sagt, wo es lang geht. Alle müssen im Einsatzfall genau wissen, was zu tun ist. Anders wäre ein großer Moorbrand wie in Meppen oder jede andere Schadenslage nicht schnell genug zu bewältigen. Aber auch die Kinder- und Jugendarbeit ist an vielen Stellen über diese hierarchischen Befehlsketten organisiert. Eine Basisbeteiligung spielt daher kaum eine Rolle. Da müssen wir eine Brücke schlagen hin zu: Wir lassen eine Beteiligung zu.

Wie könnte so eine Beteiligung aussehen?

Ein mögliches Change-Projekt ist „Open-Slides“, das ich unter anderem bei dem Netzfeld-Workshop vorstellen möchte. Das Tool ermöglicht die papierlose Delegiertenversammlung. Wir haben in Niedersachsen knapp 2000 Jugendfeuerwehren, dazu kommen mittlerweile über 700 Kinderfeuerwehren mit insgesamt über 43.000 Mitgliedern. Das sind enorme Zahlen. Daher können wir als Landesverband keine Vollversammlungen mehr abhalten, sondern müssen auf Delegationen ausweichen. Je nachdem, wie viele Mitglieder eine Kreisjugendfeuerwehr hat, wird eine bestimmte Anzahl Delegierter zur Versammlung geschickt. Das sind aber immer noch sehr viele Menschen, die sich versammeln. 

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Eine aktuelle Diskussion ist, die Delegiertenzahl pro Landkreis auf drei zu beschränken. Das wäre jedoch ungerecht den Kreisen gegenüber, die viel mehr Jugendfeuerwehren haben als andere. Die Gewichtung jeder einzelnen Stimme spielt also eine wichtige Rolle. Ein Delegierter aus der Region Hannover repräsentiert in einem solchen Modell einfach mehr Jugendliche als jemand aus dem Emsland, weil es dort weniger Jugendfeuerwehren gibt. 

Diese Gewichtung in einer geheimen Wahl mit einzuberechnen, geht nur noch elektronisch. Ich bin gerade dabei, mir ein Testfeld für „Open-Slides“ zu überlegen, um grundsätzlich die Bereitschaft zu erhöhen, digitale Lösungen in Betracht zu ziehen. Aber selbst wenn wir unseren Delegiertenschlüssel nicht verändern, kann „Open-Slides“ auf Versammlungen für mehr Beteiligung sorgen. Ich bin selber gespannt, ob das funktioniert.

Ist das denn so ein großes Problem?

Wir haben rein rechnerisch zwischen 5000 und 8000 Jugendbetreuer im Land – je nachdem, wen man da so dazuzählt. Da sind natürlich auch einige dabei, die sagen: Bleib mir weg mit elektronischen Kram. Es gibt aber auch viele, die sagen: Natürlich brauchen wir das. Aber nicht alle haben deshalb auch Bock auf Digitalisierung. Wir müssen mit kleinen Schritten zeigen, was alles geht. Es gibt eine Menge cooler Tools, die die Arbeit erleichtern.

Die erste Netzfeld-Konferenz findet am 16. Februar 2019 in Ascheffel im Kreis Rendsburg-Eckernförde statt. Von 10 bis 18 Uhr wird es in der Globetrotter Lodge auf dem Aschberg um das Thema „Ehrenamt und Digitalisierung” gehen. Das Programm und alle Teilnahme-Infos sind unter https://www.shz.de/netzfeld oder www.netzfeld.info zu finden. Hier geht es zu den Tickets: www.xing-events.com. Ein Early Bird Ticket ist für 19,90 Euro erhältlich.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen