Kommentar : Computerspielsucht als Krankheit anerkannt – eine schlechte Entscheidung

Gefährliche Sucht? 34,1 Millionen Deutsche daddeln regelmäßig.

Gefährliche Sucht? 34,1 Millionen Deutsche daddeln regelmäßig.

Jetzt geht es nicht mehr um die pädagogische Arbeit. Jetzt gibt's die Therapie auf Krankenschein, meint Henning Fietze.

shz.de von
18. Juni 2018, 12:56 Uhr

Computerspielsucht wird jetzt also als Krankheit anerkannt. Wann das so ganz genau auch für die Kinderarztpraxis in Hinterposemuckel justiziabel ist, weiß niemand. Und dass es im offiziellen Text „disorder“, also Störung, und nicht „addiction“ (Sucht) heißt, berichtet kaum jemand.

Aber wichtiger: Es ist schade. Jetzt geht es nicht mehr um die pädagogische Arbeit in der Schulsozialarbeit, in Jugendzentren, in Erziehungsberatungsstellen. Jetzt gibt's die Therapie auf Krankenschein – 6C51.0 wird der offizielle Code heißen . „Sorry, mein Kind spielt echt viel, ist aber auch krank, hat gaming disorder, der Kinderarzt ist dran am Thema.“

Natürlich gibt es seit Langem eine exzessive Nutzung von Computerspielen. Natürlich gibt es Menschen, bei denen es nicht um eine „Phase“ des „Nur noch dies eine Level“-Syndroms geht. Aber Gamen ist in vielen Fällen auch Ausdruck eines Problems an ganz anderen Orten. Die „Parallelauffälligkeiten“ sind riesig, und nie ist klar: Welches Problem hat was ausgelöst?

Und nun: Gamingsucht, was für eine Entlastung! Mehr Forschungsgelder, weniger Erziehungsaufwand. Kein Pilgern mehr zu Elternabenden, lesen in Broschüren, sich selbst mit den Games auseinandersetzen. Wenn's passiert ist, ab in die Praxis. Und Prävention gibt's sicher weiterhin: vielleicht als abschreckende Warn-Banderole wie bei Zigarettenschachteln. Coming soon: WhatsApp-Sucht, Youtube-Addiction und gerne auch: musical.ly-disorder, schönes Schwarz-Weiß-Denken!

Henning Fietze ist Medienpädagoge beim Offenen Kanal in Kiel

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