Konkurrenz für Journalismus? : Buzzfeed & Co. – Inhalte zum Abschalten

Hier werden Klickgaranten produziert: die „Buzzfeed“-Zentrale in New York.
Hier werden Klickgaranten produziert: die „Buzzfeed“-Zentrale in New York.

Die deutschen Nachrichten-Platzhirsche im Netz haben Konkurrenz bekommen. Immer mehr Ableger von US-Medien sind auch hierzulande auf Klickjagd. Viele Leser kommen auf Umwegen zu den neuen Herausforderern.

shz.de von
31. Juli 2015, 03:15 Uhr

„Diese 23 Tier-Selfies fassen Dein Leben perfekt zusammen“ oder „Lagarde hat etwas gesagt, was die Griechen richtig sauer macht“ – die deutschen Ableger von „Huffington Post“, „Buzzfeed“ & Co. machen Journalismus anders als die meisten anderen Nachrichtenseiten in Deutschland.

Bei der „Huffington Post“ gehören Netzwerk- und Mobilnutzer zur Kernzielgruppe. „Fast 40 Prozent unserer Nutzer kommen über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter zu uns“, sagt der deutsche „HuffPost“-Chefredakteur Sebastian Matthes. Darauf richtet die Seite auch ihre Inhalte aus: „Geschichten mit einem positiven Dreh laufen vor allem in sozialen Netzwerken viel besser“, sagt er.

Eine der wichtigsten Währungen im Netz sind die sogenannten Unique User. Die Zahl versucht zu beschreiben, wie viele einzelne Nutzer in einem gewissen Zeitraum auf der Website waren. Das bestimmt die Höhe der Werbeeinnahmen maßgeblich mit. Und die Zahlen der vergleichsweise jungen Angebote können sich sehen lassen.

Bei der deutschen Ausgabe der „Huffington Post“ zeigt die Entwicklung nach oben. Seit dem Start der Seite vor knapp zwei Jahren hat sich die Nutzerzahl mehr als verdoppelt. Gut 2,6 Millionen Unique User kamen laut der jüngsten AGOF-Reichweitenmessung aus dem April auf die Seite, es gab aber auch schon bessere Monate, abhängig von der Nachrichtenlage. Zum Vergleich: Bei Bild.de waren es knapp 16 Millionen, allerdings steigen die Werte bei diesen etablierten Anbietern nicht mehr so schnell.

Der Konkurrent „Buzzfeed“ ist deutlich weniger politisch unterwegs. Einer der erfolgreichsten Texte der deutschen Ausgabe war laut Chefredakteurin Juliane Leopold der Text: „Eine Tür geht kaputt und Leute rasten aus“. Das war eine Geschichte über ein Internetphänomen, ausgelöst von einem Zettel an einer defekten Tür. „Wir machen derzeit Inhalte, die man braucht, wenn man mal abschalten will vom großen Weltgeschehen“, sagt Leopold.

Buzzfeed nennt keine absoluten Nutzerzahlen, Leopold spricht aber von einem mächtigen Anstieg: „Zwischen September 2014 und März 2015 hat sich die Zahl der Unique Visitors bei deutschen Inhalten verachtfacht.“ Dabei punkte das Portal nicht nur mit leichter Kost. Auch Titel wie „23 Sätze, die schwarze Frauen nicht mehr hören wollen“ seien bei Lesern sehr beliebt, sagt Leopold, „obwohl es ja einen sehr ernsten Hintergrund hat, nämlich das Thema Alltagsrassismus“.

Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger von der Universität München steht den neuen Formaten skeptisch gegenüber: „Ob in diesem neuen Journalismus-Ansatz noch die wichtigen Informationen vermittelt werden, ist die Frage. Vieles müsste dafür gehaltvoller sein.“ Einen Grund dafür sieht er darin, dass Plattformen aus seiner Sicht an Personal sparen: „Die neuen Herausforderer der klassischen Medien basieren eben überwiegend auf Billig-Modellen. Da wird versucht, mit wenig Personal- und Rechercheaufwand viele Besucher anzuziehen.“

Das will „HuffPost“-Chefredakteur Matthes nicht gelten lassen: 17 fest angestellte Redakteure und eine zweistellige Zahl freier Autoren arbeiten laut Matthes direkt für die deutsche Ausgabe – und es werde weiter eingestellt. „Außerdem haben wir Zugriff auf das weltweite Journalisten-Netzwerk der Huffington Post.“

Der Zugriff auf die internationalen Texte ist auch für die deutsche Online-Ausgabe des Szenemagazins „Vice“ wichtig. Mit der Videokamera fahren Reporter zum Ku-Klux-Klan oder begleiten IS-Terroristen. Beim Publikum stößt das auf Begeisterung, aber auch auf Kritik. Der Vorwurf: Zu einseitig seien solche Berichte, eine Bühne für Propaganda. Für Benjamin Ruth, den Herausgeber der deutschen Vice-Plattform, gehören solche Blicke hinter die Kulissen aber zum Konzept. Es müssten nicht bei jedem Thema immer alle zu Wort kommen, die etwas zu sagen haben, meint Ruth: „Wir liefern Geschichten, die niemand anders liefert, aus einem Blickwinkel, den niemand anders hat.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen