Enthüllungen durch Medienbericht : Fehlerhafte Implantate: Offenbar deutlich höhere Opferzahlen

Ein Torso mit Herzschrittmacher. International werden immer mehr Probleme mit Implantaten gemeldet.
Ein Torso mit Herzschrittmacher. International werden immer mehr Probleme mit Implantaten gemeldet.

In Deutschland und anderen Teilen der Welt nehmen offenbar immer mehr Menschen durch Implantate gesundheitlich Schaden.

shz.de von
26. November 2018, 10:38 Uhr

Berlin | Jedes Jahr werden zehntausende Hüften, Herzschrittmacher oder Bandscheibenprothesen wegen Problemen in aufwändigen Operationen ausgetauscht, teils mit gravierenden Folgen für die Patienten. Fehlerhafte Medizinprodukte wie Implantate verursachen nach Medienrecherchen immer häufiger Verletzungen und auch Todesfälle.

In Deutschland seien im vergangenen Jahr 14.034 Fälle gemeldet worden, bei denen es zu Verletzungen, Todesfällen oder anderen Problemen gekommen sei, die im Zusammenhang mit Medizinprodukten stehen könnten. Diese Verdachtsfälle nähmen stark zu, berichteten die Sender NDR und WDR sowie die "Süddeutsche Zeitung" am Sonntagabend. Die drei Medien hätten in Zusammenarbeit mit dem internationalen Konsortium für Investigative Journalisten (ICIJ) sowie etwa 60 Medienpartnern dazu recherchiert. Die Recherchen würden unter dem Titel "Implant Files" weltweit veröffentlicht.

Die Zunahme der Meldezahlen wird seit Jahren von der zuständigen Behörde – dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) – registriert und auch veröffentlicht. Die aktuellste Zahl auf der Webseite ist von 2016, als 12.000 Fälle gemeldet wurden.

Immer mehr Medizinprodukte, immer mehr Probleme

Allerdings hat das Institut nach eigener Darstellung bei seinen Überprüfungen in der Vergangenheit festgestellt, dass bei rund 40 Prozent der Fälle das gemeldete Problem nicht von dem Medizinprodukt ausgegangen sei. Es sei also im rechtlichen Sinne kein meldepflichtiges "Vorkommnis" gewesen. So bezeichnet das Institut beispielsweise eine Funktionsstörung oder unsachgemäße Benutzung eines Medizinproduktes, die zum Tod oder zur Verschlechterung des Gesundheitszustands eines Patienten geführt haben könnte.

Infografik: Was am häufigsten implantiert wird | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Für die Zunahme der Verdachtsfälle gibt es laut BfArM mehrere Gründe: Einerseits steige die Zahl der Medizinprodukte. Andererseits steige aber auch die Zahl der Meldungen bei Problemen. Es gebe ein deutlich verbessertes Meldeverhalten von Ärzten und Kliniken, sagte BfArM-Sprecher Maik Pommer der dpa. Das BfArM weise Mediziner und Krankenhäuser regelmäßig auf die Meldeverpflichtung hin.
 

Vernarbungen durch Brustimplantate

An der Erfüllung dieser Meldepflicht mangelt es jedoch nach Angaben von NDR, WDR und "SZ". Am Beispiel Brustimplantate werde dies deutlich: Im vergangenen Jahr wurden dem Rechercheverbund zufolge in deutschen Krankenhäusern 3170 Implantate herausoperiert, weil das Gewebe rund um die Silikonkissen schmerzhaft vernarbt gewesen sei; allerdings seien nur 141 dieser Fälle gemeldet worden.

Als weiteres Problem sieht der Rechercheverbund, dass solche Medizinprodukte in Europa nicht von staatlichen Stellen kontrolliert und zertifiziert werden müssten. Vielmehr erfolge dies durch private Institute, die im Auftrag der Hersteller tätig seien. Das BfArM ist nach eigenen Angaben nicht für die Zulassung von Medizinprodukten zuständig, es registriert jedoch die Meldungen über Probleme.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen