Infektiologe klärt auf : 25 Alltagssituationen: Wo eine Corona-Ansteckung wirklich droht – und wo nicht

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Kann der Kontakt mit virenbehaftetem Gemüse oder Obst  schon ausreichen, um sich mit Covid-19 anzustecken?
Kann der Kontakt mit virenbehaftetem Gemüse oder Obst schon ausreichen, um sich mit Covid-19 anzustecken?

Ein Infektiologe ordnet 25 Alltagssituationen ein und erklärt, wo und wann eine Gefahr droht, an Covid-19 zu erkranken.

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07. Mai 2020, 06:07 Uhr

Berlin | Obwohl uns das Coronavirus seit vielen Wochen begleitet, herrscht weiterhin Unsicherheit bei der Frage: Wo kann man sich im Alltag anstecken? Der Infektiologe Peter Walger, Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), ordnet 25 Situationen nach gegenwärtigen Kenntnisstand von Anfang Mai 2020 ein.

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Corona-Infektion – was Sie allgemein beachten sollten:

  • Hauptinfektionsweg des neuartigen Coronavirus ist die Tröpchenübertragung. Dabei werden virenhaltige Tröpfchen über die Atemluft aufgenommen. Deshalb gilt als wichtigster Schutz, mindestens 1,5 Meter Abstand zu Personen zu halten und eine Mund-Nasen-Schutzmaske zu tragen, wo der Abstand nicht immer eingehalten werden kann.
  • An der frischen Luft ist das Risiko deutlich geringer als in geschlossenen Räumen. Es ist wichtig, immer für frische Luft zu sorgen, daher sollen Zimmer und Wohnbereiche häufig gelüftet werden.
  • Beim Husten, Niesen oder beim Sprechen wird keine relevante Menge an Aerosolen erzeugt, die ausreichend viele Viren transportiert, dass eine Infektion entsteht. Covid-19 ist keine Aerosol-übertragene Infektion.
  • Die Schmierinfektion spielt nach derzeitigem Wissensstand eher eine geringe Rolle. Das bedeutet, dass der Kontakt zu virenbehafteten Oberflächen in der Regel nicht ausreicht, um eine Infektion auszulösen. Regelmäßiges Händewaschen ist trotzdem hilfreich, außerdem sollte man es vermeiden, sich ins Gesicht zu fassen.
  • Das Tragen von Handschuhen kann ein Hilfe sein, wenn Menschen sich damit seltener ins Gesicht fassen. Sie bieten aber keinen zusätzlichen Schutz vor Viren.
  • Das Risiko eines schweren Verlaufs der Lungenkrankheit Covid-19 steigt mit dem Alter und bei Vorerkrankungen. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen jüngere und augenscheinlich gesunde Menschen schwer erkranken.
  • Bei Kindern verläuft die Krankheit sehr oft ohne Symptome. Laut Walger spricht vieles dafür, dass Kinder das Virus weniger stark übertragen als Erwachsene.
  • Wichtig ist laut Walger, dass "ein optimaler Schutz immer aus mehreren Komponenten besteht." Das nennen Experten "Multibarriere-Schutz". Keine einzelne Maßnahme alleine böte einen hundertprozentigen Schutz, so der Infektiologe.
Diese Punkte sollten Menschen stets bedenken, um das persönliche Risiko im Alltag einschätzen zu können.

Corona-Infektion: 25 Alltagssituationen im Check

Herr Walger, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren, wenn...

1. ich eine virusbehaftete Türklinke oder Einkaufswagen anfasse und mich danach an Mund, Nase oder Auge berühre?

Peter Walger: "Das Risiko ist minimal. Diese Situation ist ein Risiko, aber es gilt: Auf die Virusmenge kommt es an. Es klebt ja nur ein kleiner Teil der Viren an der Hand und diese Menge muss dann ja noch auf die Schleimhäute befördert werden, da wird die Virusmenge immer kleiner. Händewaschen verringert das Restrisiko."

Den Griff des Einkaufswagens fassen einige Menschen während der Corona-Pandemie ungern an – Handschuhe bietet jedoch keine Extraschutz. Wichtig ist, auf den Griff ins Gesicht zu verzichten.
imago images/MiS
Den Griff des Einkaufswagens fassen einige Menschen während der Corona-Pandemie ungern an – Handschuhe bietet jedoch keine Extraschutz. Wichtig ist, auf den Griff ins Gesicht zu verzichten.

2. mich ein Infizierter draußen ohne Mindestabstand anhustet?

"Sehr geringes Risiko. Frische Luft und die Kürze der Situation machen es sehr unwahrscheinlich, dass so viele Viren übertragen werden, die ausreichen, eine Infektion zu verursachen. Man kann sich zum Beispiel schnell wegdrehen oder die Luft anhalten. Wenn Tröpfchen des Infizierten spürbar direkt in meine Augen oder in den Mund gelangen, ist das Risiko höher."

3. mich ein Infizierter drinnen ohne Mindestabstand anhustet?

"Auch hier ist das Risiko zunächst sehr gering. Man kann sich spontan abwenden, die Hand vor Mund und Nase halten und auch kurz die Luft anhalten. Direktes Lüften ist sinnvoll. Wenn man aber länger als 15 Minuten im Raum ist, miteinander spricht, der Raum nicht gelüftet ist, und es kommt dann zum Anhusten, ist das Risiko größer. Beim Zusammenleben mit einem Infizierten, wo es sicher mehrere solcher Situationen gibt, sogar, wenn man nicht weiß, dass das Familienmitglied infiziert ist, werden Infektionsraten von circa 15 Prozent beschrieben."

4. mich ein Infizierter draußen mit Mindestabstand anhustet?

"Kein bis sehr geringes Risiko. Abstand plus frische Luft ist risikofrei."

5. mich ein Infizierter drinnen mit Mindestabstand anhustet?

"Kein bis sehr geringes Risiko, wenn direkt gelüftet wird oder man den Raum verlassen kann."

6. mich ein Infizierter draußen ohne Mindestabstand anhustet, ich aber eine neue Masken trage?

"Kein bis sehr geringes Risiko. Bei Covid-19 handelt es sich um eine durch Tröpfchen übertragene Infektion. Bei normalem Husten oder Niesen werden zwar Tröpfchen aber keine infektiösen Aerosole in einer Menge produziert, die ausreichen würden, eine Infektion zu verursachen. Eine Maske nach Nähanleitung, die gut angepasst getragen wird, verhindert eine Tröpfchenübertragung. Vor allem an der frischen Luft und für die kurze Zeit eines Hustens."

7. mich ein Infizierter drinnen ohne Mindestabstand anhustet, aber er und ich eine neue Maske tragen?

"Kein bis sehr geringes Risiko. Die Maske verringert die beim Husten ausgestoßene Zahl an Tröpfchen erheblich, falls doch ein kleiner Rest Tröpfchen aus der Maske herausfliegen sollte – zum Beispiel aus den offenen Rändern bei schlechtem Sitz –, werden die effektiv durch die Maske des Gegenübers gebremst. Die Aufnahme über die Augen kann ein Restrisiko sein."

8. mich ein Infizierter drinnen ohne Mindestabstand anhustet, aber ich und er alte Masken tragen?

"Der Schutz ist nicht mehr optimal, das Risiko dürfte aber gering sein. Die Masken sollten rasch gewechselt und der Mindestabstand wiederhergestellt werden."

9. ein Infizierter mein gekauftes unverpacktes Obst/Gemüse angefasst hat? Muss ich es waschen?

"Waschen ist immer sinnvoll, aber nicht, um sich vor Coronaviren zu schützen. Von Speisen geht kein Risiko aus. "

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picture alliance/dpa

Passend dazu: Warum Handschuhe nicht vor Coronaviren schützen

10. ich einem Infizierten die Hand schüttle?

"Da besteht kein Risiko, wenn ich nicht anschließend in mein Gesicht fasse. Beim Händeschütteln wird natürlich der Mindestabstand durchbrochen und somit besteht evtl. ein anderes Risiko, wenn keine Maske getragen wird."

11. ich das Haustier eines Infizierten gestreichelt habe?

"Kein Risiko, wenn es sich nicht um eine Katze, einen Tiger oder einen Nerz handelt. Bei diesen Tieren wurden Übertragungen vom Mensch auf das Tier nachgewiesen. Also bei Katzen sollte man vorsichtig sein. "

12. ich über Stunden in einem Zimmer neben einem Infizierten sitze?

"Ohne Lüften steigt das Risiko mit der Dauer des Aufenthaltes. Wenn zusätzlich der Mindestabstand nicht eingehalten wird, ist das Risiko hoch. "

13. ich über Stunden mit Mindestabstand in einem Zimmer mit einem Infizierten sitze?

"Auch hier ist das Risiko erhöht – kann durch Lüften aber deutlich verringert werden. Besser wäre hier das zusätzliche Tragen einer Maske.

14. ich über Stunden mit einem Infizierten mit Mindestabstand im Garten sitze?

"Hier besteht kein Risiko. Die frische Luft sorgt für zusätzliche Verdünnung der Tröpfchen."

15. ein Infizierter bei mir auf Toilette war?

"Kein Risiko, wenn anschließend gelüftet wurde – was man nach einem Toilettengang ohnehin erwarten würde. Wenn der infizierte Gast gehustet oder geniest hat, der Raum klein ist und anschließend nicht gelüftet wurde, ist ein geringes Risiko vorhanden, hängt aber vom Zeitpunkt ab, wann der Raum wieder betreten wird. "

16. ich aus dem Glas eines Infizierten getrunken habe?

"Kein bis sehr geringes Risiko, wenn am Glas nicht sichtbare Sekretverschmutzungen kleben. Aber auch dann ist das Risiko minimal. "

17. ich im Auto neben einem Infizierten sitze?

"Das entspricht der Situation eines Zusammenseins in einem Zimmer ohne Mindestabstand. Das Risiko ist deutlich erhöht, kann zwar durch Lüften verringert werden, aber ein Autoinnenraum bleibt riskant."

18. ich in Bus oder Bahn an eine Stange fasse, die zuvor ein Infizierter berührt hatte?

"Da gilt dasselbe, wie für das Anfassen jeglicher Gegenstände: Das Risiko ist sehr gering und nur dann vorhanden, wenn Sekretverschmutzungen an die Hände gelangen und diese dann anschließend die eigenen Gesichts-Schleimhäute berühren. Händewaschen nach Aufenthalt in Bus oder Bahn ist trotzdem ein wichtiger Rat. "

Haltestangen im Bus sind keine besondere Gefahr für eine Corona-Infektion.
Oliver Berg/dpa
Haltestangen im Bus sind keine besondere Gefahr für eine Corona-Infektion.

19. ich in Bus oder Bahn an eine Stange fasse, die zuvor ein Infizierter angeniest oder angehustet hatte?

"Auch hier kann das Risiko als sehr gering angesehen werden. Es ist abhängig von der Menge an Viren, die auf meine Schleimhäute transportiert werden. Wenn es sich nur um unsichtbare Spuren handelt, und diese sogar nur vermutet werden, ist das Risiko sehr gering, wahrscheinlich nicht messbar klein."

20. ich eine Zeitung oder ein Buch anfasse, dass vorher ein Infizierter in der Hand hatte.

"Es besteht kein Risiko, wenn ich nicht in sichtbare Verschmutzungen fasse und anschließend mit meinen Händen meine eigenen Gesichts-Schleimhäute berühre."

21. Großeltern ein infiziertes Kind umarmen?

"Das Risiko ist bei einer einzigen Umarmung gering, sollte aber nicht in Kauf genommen werden. Kinder übertragen das Virus offensichtlich nur sehr selten – selbst wenn sie selbst infiziert sind. Bisherige Untersuchungen aus verschiedenen Ländern, wie China, Island und auch aus Deutschland haben ergeben, dass Kinder durch infizierte Erwachsene angesteckt werden. Dass Kinder umgekehrt Erwachsene anstecken, ist eher selten. "

22. Großeltern ein infiziertes Kind mit Maske umarmen?

"Wenn beide eine Maske tragen, ist das Risiko sehr gering. Aber auch ein geringes Risiko ist nicht akzeptabel, wenn die Ansteckung zu einer schweren Infektion führen kann, was bei Großeltern zu vermuten ist. Insbesondere, wenn zum Alter noch eine zusätzliche chronische Grunderkrankung hinzukommt. Daher besser Umarmungen vermeiden. "

23. Großeltern ein infiziertes Kind mit Mindestabstand im Freien treffen?

"Dabei besteht kein Risiko, wenn das Kind gut informiert ist und sich an die vereinbarten Regeln hält."

24. Großeltern ein infiziertes Kind mit Mindestabstand in der Wohnung treffen?

"Auch hier besteht kein Risiko, wenn die Regeln eingehalten werden und das Kind weiß, wie es sich zu verhalten hat. Ein zusätzlicher Schutz ist immer sinnvoll, also wenn die Großeltern eine Maske tragen, alle vorher die Hände waschen und die Räume gelüftet werden."

Angehörige sollten und müssen die Großeltern in der Coronakrise nicht sozial isolieren – sie müssen aber verstärkt auf Abstand und Hygiene achten.
Karolin Krämer/dpa
Angehörige sollten und müssen die Großeltern in der Coronakrise nicht sozial isolieren – sie müssen aber verstärkt auf Abstand und Hygiene achten.

25. ein Infizierter Jogger oder Fahrradfahrer mit Mindestabstand vor mir hustet?

"Es besteht praktisch kein Risiko, denn die frische Luft verdünnt die ohnehin geringe Virenmenge. Dass Tröpfchen direkt in Augen oder Mund gelangen, könnte ein minimales Restrisiko sein."

Lesen Sie weiter: In diesen Situationen droht ein erhöhtes Corona-Infektionsrisiko

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