Zustellerin erkämpft nach 88 Zeitverträgen Festvertrag

Anja Helffenstein
Anja Helffenstein

Die Frau hatte die Deutsche Post verklagt / Im Gütetermin bot ihr der Konzern eine unbefristete Anstellung

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13. Juni 2014, 16:04 Uhr

Anja Helffenstein kann ihr Glück kaum fassen: Vor dem Arbeitsgericht Schwerin hat die 41-Jährige aus Wittenberge gestern einen riesigen Erfolg erzielt. Nach 88 befristeten Arbeitsverträgen über 17 Jahre als Postbotin bei der Deutschen Post darf sie nun endlich auf eine dauerhafte Beschäftigung hoffen. Gleich beim ersten Gerichtstermin konnte sich Helffenstein mit ihrem Arbeitgeber einigen. „Ich kann noch gar nicht fassen, was passiert ist“, sagt sie. Schon am 1. Juli darf sie voraussichtlich ihren Dienst bei der Deutschen Post wieder antreten – dieses Mal unbefristet.

Seit 1997 musste sich Helffenstein mit zum Teil sehr knapp befristeten Arbeitsverträgen zufrieden geben. Mal war sie nur zwei bis vier Wochen angestellt, dann wieder bis zu sechs Monate: Immer als Urlaubs- oder Krankheitsvertretung. Zwischendurch musste sie sogar mal pausieren und sich arbeitslos melden. Erst jetzt, wo sie den Mut gefasst hat, rechtlich gegen die Kettenverträge vorzugehen, ändert sich für die Frau alles. Die Prozessbevollmächtigte der Deutschen Post, Rita Müller-Chychla, ließ sich auf einen Vergleich mit der verzweifelten Klägerin ein.

Mit diesem Angebot können Helffenstein und ihr Rechtsanwalt Dr. Klaus Bertelsmann sehr gut leben. „Aber der Arbeitsvertrag muss passen“, so Bertelsmann. Damit meint er vernünftige Arbeitsbedingungen und den Einsatz an ihrem alten Platz. Nach gestriger Vereinbarung soll Helffenstein 38,5 Stunden in der Woche und mit einer tarifgebundenen Vergütung künftig wieder ihren Dienst antreten können. Wo genau sie dann eingesetzt wird, weiß sie aber noch nicht. „Ich hoffe, wieder in Wittenburg oder zumindest in der Nähe arbeiten zu können“, sagt sie. Eine Stelle in Hamburg oder noch weiter weg, will sie nicht annehmen.

An die alte Zeit möchte Anja Helffenstein nicht mehr anknüpfen. Nur zu gut kann sie sich erinnern, wie sie unter den Arbeitsbedingungen gelitten hat. „Eine langfristige Urlaubsplanung war gar nicht möglich“, sagt sie. Immer wieder ist sie kurzfristig für Kollegen eingesprungen und arbeitete sogar während ihres Urlaubes: „Ich habe mir nie etwas zu Schulden kommen lassen und immer gute Beurteilungen bekommen.“ Zwei Kinder hat die Alleinerziehende während ihres Dienstes bei der Post großgezogen. „Das war nicht immer leicht. Meine Eltern haben mir öfter unter die Arme greifen müssen“, sagt sie.

Noch ist ihr neuer Arbeitsvertrag nicht unter Dach und Fach. Bis zum 25. Juni – so haben sich beide Parteien geeinigt – können sie den vereinbarten Vergleich noch widerrufen. Der Fachbereichsleiter Nord der Gewerkschaft Verdi, Lars-Uwe Rieck, betonte: „Mit dem schnellen Angebot zur Güte betreibt die Post nur Schadensvermeidung, indem sie in einem Einzelfall einknickt.“ Anders als ein Urteil habe die gütliche Einigung keine Ausstrahlung auf andere Fälle. „Sie ist allenfalls ein erster kleiner Etappensieg.“

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