Angst vor Afrikanischer Schweinepest : Wildschweinfleisch im Überangebot: Zum Abdecker und nicht auf den Teller

Kein seltener Anblick: Ein Wildschwein wetzt vorbei – der Schwarzwildbestand muss im Land drastisch reduziert werden. Aber wohin mit dem Fleisch?
Kein seltener Anblick: Ein Wildschwein wetzt vorbei – der Schwarzwildbestand muss im Land drastisch reduziert werden. Aber wohin mit dem Fleisch?

Schwarzwild steht wegen der drohenden Schweinepest auf Abschussliste – doch das Wildbret bleibt liegen.

Margret Kiosz von
20. Januar 2018, 15:37 Uhr

Bauern sind derzeit nicht zu beneiden: die Felder unter Wasser, die Güllebehälter zum Bersten voll und jetzt auch noch die Angst vor der afrikanischen Schweinegrippe, die durch Schwarzwild auf die Hausschweine übertragen wird. Was mit den Preisen passiert, wenn sich tatsächlich einige Tiere mit dem tödlichen Virus infizieren, ist voraussehbar: Die rutschen ins Bodenlose, wie heute schon die Preise, die Jäger pro Kilo Wildschwein erhalten. Noch zahlen Förster hierzulande bis zu 1,50 Euro pro Kilo Schwarzwild. Doch in Mecklenburg-Vorpommern, das gefühlt etwas näher an den Infektionsquellen in Osteuropa liegt, werden Jäger das Fleisch nicht einmal mehr für 50 Cent pro Kilo los. Die ersten erlegten Schwarzkittel landen deshalb beim Abdecker.

„Die Menschen reagieren irrational“, beklagte sich gestern Johann Böhling (69), jahrelang im Kieler Landwirtschaftsministerium zuständig für die Forsten und selbst passionierter Jäger. Irrational deshalb, weil für Verbraucher keine Gefahr besteht, selbst wenn sie Fleisch von einem infizierten Wildschwein essen.

Für den Deutschen Bauernverband (DBV) ist es keine Frage, ob sich die Pest weiter nach Westen ausbreitet, sondern nur noch, wann sie Norddeutschland erreicht. In Polen ist sie bis westlich der Hauptstadt Warschau vorgedrungen. Zwischen November und Januar wurde dort das tödliche Virus bei 279 Wildschweinen nachgewiesen. Die etwa eine Million Artgenosssen in Deutschland sind deshalb derzeit die Angstgegner der Bauern. Infiziert sich in Deutschland nur ein einziges Schwein – egal ob Haus- oder Wildschwein- droht dem ganzen Land eine Handelssperre in Länder außerhalb der EU. Der DBV schätzt, dass die Branche dann zwei bis drei Milliarden Euro pro Jahr verlieren könnte. Die Seuche, so fürchtet Kiels Umweltminister Robert Habeck, könnte sehr schnell durch kontaminierte Essensreste, die an Raststellen entsorgt werden, nach Deutschland eingetragen werden.

Der Preisverfall beim Wildschweinfleisch ist nicht nur auf die Kaufzurückhaltung der Verbraucher und den traditionellen Absatzeinbruch nach Weihnachten zurückzuführen, sondern auch auf das um etwa 20 Prozent erhöhte Angebot. Seit Wochen liegen die Jäger auf der Pirsch, um den Bestand und damit die Übertragungsgefahr zu dezimieren. Die Absatzprobleme seien dem Ministerium bekannt, erklärte am Freitag Habecks Sprecherin Nicola Kabel. „Auch das ist ein Grund, weshalb wir die Abschussprämie bislang nicht eingeführt haben, auch aus Sorge, dass dies den Preisverfall anheizt und der Markt zusammenbricht.“ Notwendig sei eine umfassende Information der Verbraucher und des Handels. „Es ist zum Beispiel absurd, wenn in Supermärkten Wildfleisch von sonst woher angeboten wird, während wir hier genug heimisches Wildbret haben“, so Kabel, die dafür wirbt, Produkte aus der Region zu kaufen. Noch zum Weihnachtsfest waren große Mengen aus den USA importiert worden.

Erst am Freitag haben die Landwirtschaftsminister erneut betont, „dass Wildbret von Schwarzwild ein qualitativ hochwertiges und sehr sicheres Lebensmittel ist“. Verbraucher, die sich informiert haben und wissen, dass der Fleischverzehr unbedenklich ist, profitieren trotzdem kaum von der aktuellen Marktentwicklung – es sei denn, sie kaufen beim Jäger direkt ganze Tiere oder große Teile. Wer eine küchenfertige Wildschweinkeule beim Schlachter erwirbt, muss nach wie vor die „alten“ Preise zahlen. Der Grund: Das Zerlegen des Fleisches bleibt aufwändig und die Kosten für die tierärztliche Untersuchung sind hoch. Das schlägt sich im Endverbraucherpreis nieder.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen