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Nortorf und Schleswig : Wie Aldi seinen Familienstreit in Schleswig-Holstein austrägt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Drei Familienstiftungen sind in Nortorf beheimatet. Doch es gibt Probleme - verhandelt vor Gericht in Schleswig.

Nortorf/Schleswig | „Das ist“, sagt Horst Krebs, „alles sehr geheimnisvoll.“ Krebs ist Bürgermeister der Stadt Nortorf im Herzen von Schleswig-Holstein. Warum der verstorbene Milliardär Theo Albrecht, Gründer von Aldi-Nord, einst seine steuerbegünstigten Geldaufbewahrungs- und Verteilstationen „Jakobus-, Lukas- und Markusstiftung“ nach Nortorf verlegte, weiß Krebs nicht. Darüber sei auch nie spekuliert worden. Drei große Aldi-Stiftungen. Abseits von den Aldi-Zentralen in Essen und Mülheim. Weit oben im Norden, im beschaulichen Nortorf. In einem tristen Gewerbegebiet.

Die Stadtkasse Nortorf profitiere von den Stiftungen „in keinster Weise“, sagt Nortorfs Bürgermeister Horst Krebs. Wohl aber von dem Nortorfer Aldi-Auslieferungslager, in dem rund 400 Beschäftigte ihrem Dienst nachgehen und die Aldi-Märkte in Schleswig-Holstein versorgen. Angeblich ist der Discounter der größte Gewerbesteuerzahler einer Kleinstadt, die auf jeden Cent angewiesen und vom Einzelhandel geprägt ist.

Gern wüsste man in Nortorf mehr über die Milliarden, die über diese drei Stiftungen bewegt werden. Auch die in Entscheidungen eingeweihte Stiftungsaufsicht des Kreises Rendsburg-Eckernförde hält sich bedeckt. Ein pikantes Thema, heißt es im Rendsburger Kreishaus. Neben Nortorf kommt auch Schleswig ins verzwickte Aldi-Spiel. Akteure sind die Erben der Gründerfamilie Albrecht. Das Verwaltungsgericht in der Schleistadt entsprach Anfang des Jahres einem Antrag von Babette Albrecht, Witwe des verstorbenen Berthold Albrecht. Das Gericht kippte eine Satzungsänderung, die Berthold Albrecht im Jahr 2010 angeordnet hatte. Zum Ärger von Theodor Albrecht jun., dem Bruder von Berthold. Sie beide sind Söhne des legendären Unternehmensgründers.

Hintergrund: Der Streit vor Gericht

Nach dem plötzlichen Tod des Nord-Gründer-Sohns Berthold Albrecht 2012 kämpfen Mitglieder dessen Familienzweigs um möglichst viel Kontrolle in der Jakobusstiftung. Vor dem Verwaltungsgericht Schleswig erstritten sie im Januar zunächst in erster Instanz die Chance auf mehr Einfluss in der Institution - und damit auch in dem Essener Unternehmen.

Das Gericht kippte aus formalen Gründen eine Satzungsänderung aus dem Dezember 2010, die der Kreis Rendsburg-Eckernförde als Aufsichtsbehörde angenommen hatte. Die Änderung hätte der Seite des verbliebenen Gründer-Sohns Theo Albrecht Junior mehr Mitsprache bei der Besetzung des Stiftungsvorstands eingeräumt - und somit auch bei den Ausgaben der Stiftung.

Gemeinsam halten drei Stiftungen mit den christlichen Namen Markus-, Lukas- und Jakobusstiftung 100 Prozent des Kapitals, der Stimmen sowie der Anteile des Handelsriesen mit deutschlandweit etwa zwölf Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2014.

Die Jakobusstiftung mit Sitz in Nortorf ist laut schleswig-holsteinischem Stiftungsverzeichnis unter anderem für Zuwendungen „für die Sicherung eines angemessenen Lebensunterhaltes“ da.

Darüber hinaus klagten die Kinder Berthold Albrechts gegen den Kreis vorm Verwaltungsgericht Schleswig auch auf Akteneinsicht in die Stiftungsunterlagen. Das Gericht wies die Klage ab: Sie basiere ausschließlich auf „eigenen egoistischen Interessen“. Doch auch in diesem Verfahren steht eine Entscheidung über die Zulassung der Berufung vor dem OVG noch aus.

Auf der einen Seite die Witwe mit ihren vier Kindern. Auf der anderen Seite Theo Albrecht jun., der Schwager von Babette. Theo Albrecht jun., dem Aldi-Nord gehört, will den Gerichtsbeschluss wieder rückgängig machen. Er hat Berufungsklage beim Oberverwaltungsgericht in Schleswig eingereicht. Seitdem brennt es in der ohnehin zerstrittenen Aldi-Familie. „Mein Bruder würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was hier abläuft“, sagte Theo Albrecht vor wenigen Tagen dem „Handelsblatt“. Ein Interview, das für Aufsehen sorgt. Hat doch bislang noch nie ein Mitglied des Aldi-Clans den Weg in die Öffentlichkeit gesucht.

grafik wirtschaft aldi 6-2016

Theo Albrecht fährt schweres Geschütz gegen seine Schwägerin auf: „ Sie will mehr Einfluss auf die Familienstiftung gewinnen. Damit handelt sie gegen den letzten Willen ihres Mannes. Ich verteidige das Testament meines Bruders und die Satzung der Stiftung.“ Sinn der Familienstiftungen sei es, das Unternehmen vor einem zu großen Einfluss der Familie zu schützen. „Dafür kämpfe ich“, kündigte Theo Albrecht im Handelsblatt an. Babette Albrecht und ihre Kinder hingegen vermuten in der Satzungsänderung einen Trick, mit dem ihr Schwager sie aus dem Unternehmen drängen wolle. Der Streit ist in vollem Gang.

Das Verfahren liegt nun in zweiter Instanz im von Nortorf rund 50 Kilometer entfernten Schleswig. Es geht darum, wer künftig wie viel Einfluss in der Stiftung und damit bei Aldi Nord hat. Einen Termin beim Oberverwaltungsgericht gibt es jedoch noch nicht. „Es liegen zwei Anträge auf Zulassung der Berufung vor“, sagte am Freitag eine Gerichts-Sprecherin gegenüber dem sh:z.

Ausgerechnet die verschlafene Gerichtsstadt Schleswig liefert den örtlichen Rahmen für den heftigen Streit. Eben mit dem Urteil des Verwaltungsgerichts vom 18. Februar dieses Jahres. Auf Antrag von Babette und Kindern wurde die von Ehemann Berthold 2010 herbeigeführte Satzungsänderung für unzulässig erklärt. Das will Berthold-Bruder Theo jetzt wieder ändern. Es geht um Familien-Einfluss und um Milliarden. Aldi macht allein in Deutschland rund 26 Milliarden Euro Umsatz. Nortorf und Schleswig sind im Regal.

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erstellt am 04.Jun.2016 | 10:03 Uhr

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