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Kauf durch Facebook : WhatsApp - so viel kostet die Welt der Daten

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Facebook gibt viel Geld aus, um der Gefahr der Vergreisung zu entgehen. Und Europa schaut beim Spiel der Mega-Datensammler nur staunend zu. Ein Kommentar von Joachim Dreykluft

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erstellt am 20.Feb.2014 | 10:56 Uhr

Gaga klingt die Summe: 19 Milliarden Dollar bezahlt Facebook für WhatsApp. Das ist so viel, wie die Commerzbank an der Börse wert ist. Oder doppelt so viel wie die Lufthansa. Und die haben immerhin Filialen und Flugzeuge und Tausende Mitarbeiter. WhatsApp hat 55 Angestellte. Das macht 345 Millionen Dollar pro Mitarbeiter.

Nicht mehr ganz so gaga klingt die Summe, wenn man sie auf den einzelnen Nutzer runterrechnet. 40 Dollar macht das. Für einen Dienst, der im ersten Jahr kostenlos ist und dann mit 0,89 Cent in Deutschland oder 0,99 Cent in den USA zu Buche schlägt. Wir müssen also unser halbes Leben lang WhatsApp genutzt haben, damit Facebook den Preis zumindest über den Umsatz wieder hereinbekommt. Das erscheint zumindest theoretisch denkbar.

Aber Facebook geht es bei dem Kauf nicht so sehr um die Einnahmen, die WhatsApp erzielt oder erzielen wird. Es geht vor allem darum, dem Schicksal von Myspace zu entgehen. Die älteren unter uns erinnern sich noch daran, dass es einmal ein soziales Netzwerk dieses Namens gab, das eine gewisse Bedeutung hatte.

Aufmerksamen Nutzern entgeht es nicht: Wer auf Facebook auf die Köpfe derjenigen schaut, die dort Dinge mitteilen, schaut auf viele Glatzen und graue Haare. Facebook vergreist, um es einmal drastisch auszudrücken. Über die Altersstruktur von WhatsApp ist offiziell nichts bekannt, da das Unternehmen seine Nutzer nicht nach dem Alter fragt. Aber gefühlt ist WhatsApp deutlich jünger. Denn hier kann man kommunizieren unter Ausschluss von Lehrern und Eltern.

Noch etwas macht WhatsApp für Facebook attraktiv: Die App ist in den USA gar nicht mal so populär, dafür in Europa und Lateinamerika. Gerade letzteres gilt als Wachstumsmarkt. Wir können Facebook-Chef Mark Zuckerberg getrost unterstellen, dass er noch keine Ahnung hat, wie er diese Nutzerbasis von derzeit 450 Millionen Menschen einst in Geld umsetzen will. Es gilt, die eigene Aktie als Kaufwährung zu benutzen, so lange sie so hoch notiert wie heute. Immerhin ist das Papier wieder bei fast 70 Dollar angekommen nach nur 23 Dollar im vergangenen Sommer.

Denn die Konkurrenz schläft nicht: Google kaufte jüngst Nest, einen Hersteller von Haushaltselektronik. Das klingt weniger sexy als WhatsApp, erfüllt aber den gleichen Zweck: die Nutzerbasis erweitern und Daten sammeln. Der dritte große Datensammler auf dieser Welt, Amazon, hält derzeit noch still bei großen Zukäufen, während sich Chef Jeff Bezos mit seinem Hobby „Washington Post” vergnügt, die er jüngst privat kaufte. Aber Facebook muss auch das weltgrößte Onlinekaufhaus als Wettbewerber um die Daten der Menschen im Blick behalten. Und am Ende müssen beide aufpassen, nicht ins Visier des an der Börse mehr als doppelt so teuer gehandelten Google zu geraten.

Erschreckend: Alle großen Datensammler stammen aus den USA. China hat sich mit Unternehmen wie Baidu, ein Google-Klon, Renren, ein Ersatz für das dort gesperrte Facebook, und dem WhatsApp-inspirierten WeChat ein Paralleluniversum aufgebaut. Europa schaut nur staunend zu.

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