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Saatgutspezialist aus den USA : Wettbewerbshüter prüfen Monsanto-Übernahme durch Bayer

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Die Prüfung der Monsanto-Übernahme durch Bayer kann sich noch Monate hinziehen. Und der Ausgang ist ungewiss.

shz.de von
erstellt am 22.Feb.2017 | 08:16 Uhr

Leverkusen | Für Bayer-Chef Werner Baumann steht viel auf dem Spiel: Die Rekordübernahme des US-Saatgutriesen Monsanto soll sein Meisterwerk werden. Doch knapp ein Jahr nach seinem Antritt als Vorstandsvorsitzender und ein halbes Jahr nach der Einigung auf einen Zusammenschluss hängt der 66 Milliarden Dollar teure Deal in der Luft. Und es ist keineswegs sicher, dass er erfolgreich zum Abschluss gebracht wird, wie es sich die Konzernlenker in Leverkusen und St. Louis im US-Bundesstaat Missouri wünschen.

Die Leverkusener hatten im Mai 2016 überraschend die geplante Übernahme des Saatgutspezialisten aus den USA angekündigt. Der deutsche Konzern würde durch den Rekord-Zusammenschluss zur weltweiten Nummer eins im Agrarchemiegeschäft aufsteigen. Der Monsanto-Konzern wird als Umweltsünder vielfach kritisiert: Das Unternehmen verdient sein Geld etwa mit der Herstellung des Unkrautvernichters Glyphosat und dem Anbau von genmanipuliertem Mais.

An diesem Mittwoch darf sich Baumann aber zurücklehnen und über die üppigen Früchte des Geschäftsjahres 2016 freuen. Angetrieben durch das Pharmageschäft und mit erfolgreichen neuen Medikamenten steht Bayer wieder vor Rekordergebnissen. Dabei fällt für die Aktionäre, wie das Unternehmen schon am Dienstag mitteilte, eine um 20 Cent auf 2,70 erhöhte Dividende ab. Die Werkstofftochter Covestro hatte bereits am Montag ihre Zahlen präsentiert und ebenfalls glänzende Ergebnisse geliefert. Viel Rückenwind also für den Bayer-Chef auf dem Weg zur Übernahme von Monsanto.

Die endgültige Entscheidung über den Zusammenschluss treffen die Kartellbehörden. In vielen Ländern werden Wettbewerbshüter in den kommenden Monaten den Deal auf Herz und Nieren prüfen. Entscheidend für das Gelingen wird vor allem der Entscheid der Behörden in den USA und Europa sein. In den USA wurde die Fusion schon im vergangenen Dezember zur Genehmigung angemeldet, in der EU soll der Antrag bis Ende März eingereicht werden. Bayer rechnet Ende des Jahres mit einer Entscheidung.

Überblick über große Firmen-Deals

- Für 199 Milliarden Dollar (aktuell rund 178 Milliarden Euro) verleibt sich Vodafone im April 2000 den deutschen Mobilfunk-Konzern Mannesmann ein. Es ist die bislang größte feindliche Übernahme - und die mit Abstand größte mit deutscher Beteiligung.

- 154,8 Mrd Dollar zahlt der US-Internetkonzern AOL im Januar 2000 für den US-Medienkonzern Time Warner.

- Für 129 Milliarden Dollar übernimmt die Telefongesellschaft MCI Worldcom die US-Telekommunikationsfirma Sprint im Oktober 1999.

- Knapp 90 Mrd Dollar zahlt der US-Pharmahersteller Pfizer im Juni 2000 für seinen Konkurrenten Warner-Lambert.

- Rund 50,7 Milliarden US-Dollar zahlt die Deutschen Telekom im Jahr 2000 für den US-Telekommunikationsanbieter Voicestream.

- Etwa 32,6 Milliarden Dollar kostet Mannesmann 1999 die Übernahme des Mobilfunk-Anbieters Orange.

- Für 17 Milliarden Dollar kauft der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Merck im November 2015 den Laborausrüster Sigma-Aldrich.

- Für 19 Milliarden Dollar kaufte Facebook 2014 den Messengerdienst WhatsApp. Datenschützer warnen seither, dass die Verbindung der beiden Unternehmen aus Datenschutzgründen sehr problematisch sei.

 

EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager deutete schon vor Monaten eine genaue Prüfung an. Landwirte müssten auch nach der Fusion weiter eine Alternative haben, wenn sie Saatgut und Pestizide kaufen, wurde sie zitiert. Die EU werde sicherstellen, dass es Wettbewerb im Saatgut- und Pflanzenschutzgeschäft gebe.

Das begrüßen Kritiker, die in dem geplanten Zusammenschluss Teufelszeug sehen. Das Entstehen eines neuen Giganten in der Agrochemie treibe die Landwirte noch stärker in die Abhängigkeit, bedrohe Umwelt und Artenvielfalt. Dabei wenden sie sich besonders gegen gentechnisch behandeltes Saatgut und den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat, den die EU bis Ende 2017 zugelassen hat.

Nur drei Konzerne würden 65 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes kontrollieren, bei Pestiziden hätten vier Konzern die Kontrolle über 80 Prozent des Weltmarktes, heißt es in einem offenen Brief der Grünen an Vestager vom Herbst. Die Kartellbehörden müssten die geplante Hochzeit der Chemie-Giganten um Bayer/Monsanto, ChemChina/Syngenta und Dupont/Dow Chemical verhindern.

Bayer-Chef Baumann geht derweil auf die Kritiker zu und versichert, dass sein Unternehmen mit dem Deal in Europa genveränderte Pflanzen nicht durch die Hintertür etablieren will. Sein Hauptargument für den Deal: Die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung könne nur mit höheren Erträgen auf den Feldern und einer größeren Wirtschaftlichkeit der Betriebe erreicht werden.

An der Börse scheint die anfangs sehr kritische Stimmung zu kippen, mehr Investoren rechnen inzwischen mit einem Gelingen des milliardenschweren Deals. Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass sich der Großinvestor Warren Buffett mit Monsanto-Aktien eingedeckt hatte. Hat er den richtigen Riecher? In die Richtung zielt auch eine Studie des US-Brokerhaus Bernstein, das die Wahrscheinlichkeit für ein Gelingen des Zusammenschlusses von 50 auf 75 Prozent anhob. Doch es bleiben Unsicherheiten. So notiert die Monsanto-Aktie derzeit bei 109 US-Dollar noch weit unter dem Bayer-Gebot von 128 Dollar - ein Zeichen, dass Börsianer noch nicht recht an das Geschäft glauben.

Die Konzerne lassen jedenfalls keine Gelegenheit verstreichen, um sich für die Übernahme ins Zeug zu legen. Bei einem Gespräch mit US-Präsident Donald Trump warben Baumann und Monsanto-Chef Hugh Grant im Januar für die Übernahme. Ein wichtiges Argument dabei: Arbeitsplätze und Investitionen in den USA.

Dass die geplanten Fusionen in der Branche ganz ohne Auflagen genehmigt werden, glauben allerdings auch ihre Befürworter nicht. Das Analysehaus Kepler Cheuvreux beispielsweise geht davon aus, dass wegen kartellrechtlicher Bedenken insgesamt Unternehmensteile im Wert von mindestens 11,5 Milliarden Euro auf den Markt kommen werden. Auch Bayer dürfte um Zugeständnisse nicht herum kommen.

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