Kein Aprilscherz : Wer Geld hat, muss zahlen: Kieler Bank plant ab 1.4. Negativzinsen

<p>Die Europäische Zentralbank flutet die Märkte weiter mit Geld. </p>
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Die Europäische Zentralbank flutet die Märkte weiter mit Geld.

Die Europäische Zentralbank flutet die Märkte weiter mit Geld. Das große Tabu – nämlich Negativzinsen für Einlagen von Sparern – gerät dadurch selbst bei den Sparkassen immer stärker ins Wanken.

Till Lorenz ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion. von
25. März 2017, 18:34 Uhr

Kiel | Durch den Aufkauf von Anleihen pumpt die Europäische Zentralbank (EZB) Monat für Monat 60 Milliarden Euro in die Märkte. Bis Ende dieses Jahres soll sich die Geldflut der Frankfurter Notenbank auf 2,28 Billionen Euro summieren. Den Zins hat EZB-Chef Mario Draghi faktisch abgeschafft. Das Ergebnis ist eine Welt, in der Schulden sich immer mehr rechnen und Bargeld-Reserven zum kostspieligen Unterfangen werden. Leidtragende sind Deutschlands Sparer und Sparkassen.

Die Europäische Zentralbank flutet die Märkte weiter mit Geld. Das große Tabu – nämlich Negativzinsen für Einlagen von Sparern – gerät dadurch selbst bei den Sparkassen immer stärker ins Wanken.

Die Angst vor Negativzinsen auf Sparguthaben geht um. Viele Sparkassen in Schleswig-Holstein arbeiten bereits daran, sogenannte Verwahrentgelte einzuführen, um damit die von der Zentralbank verlangten Strafzinsen in Höhe von 0,4 Prozent an die Kunden weitergeben zu können. So haben die Flensburger Nord-Ostsee-Sparkasse (Nospa) sowie die Kieler Förde Sparkasse entsprechende Gespräche mit ihren Kunden geführt. Ebenso die Sparkasse Holstein. In Kiel könnten ab kommenden Monat Negativzinsen verlangt werden. Bislang betreffen diese Entgelte im Land allerdings ausschließlich institutionelle Kunden, die obendrein Millionen auf ihren Konten parken. Doch die Einschläge kommen auch für Privatkunden näher.

Bislang haben die Kreditinstitute im Norden bei ihnen noch an der Gebührenschraube gedreht, um so die durch die niedrigen Zinsen versiegenden Erträge ausgleichen zu können. Negativzinsen für Privatkunden seien „absolut nicht in Sicht”, heißt es dann auch beispielsweise bei der Nospa in Flensburg. Und: „Wir werden alles dafür tun, Negativzinsen für Privatkunden zu vermeiden”, teilt ein Sprecher der Sparkasse Holstein mit. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband ließ zuletzt ebenfalls verlautbaren, dass keine Strafzinsen für Privatkunden geplant seien. Nur: Mit Sicherheit ausschließen mag heute niemand diesen Schritt mehr.

Immerhin: Bei der Hamburger Sparkasse (Haspa), die auch an der Sparkasse Bordesholm, der Sparkasse Mittelholstein sowie der Sparkasse zu Lübeck beteiligt ist, wurden zuletzt Gespräche mit vermögenden Privatkunden über die Möglichkeit von Negativzinsen geführt. Und mit der Sparkasse Köln-Bonn, immerhin Deutschlands zweitgrößte Sparkasse, gibt es seit wenigen Tagen auch einen bundesweiten Präzedenzfall – nämlich die erste Sparkasse, die tatsächlich einen Minuszins für die Einlagen von Privatkunden erhebt. Freilich: Das tut sie nur bei sehr vermögenden Privatkunden. Einem Sprecher zufolge gehe es nämlich um Kunden mit kurzfristig verfügbaren Einlagen in Höhe von mehrerer Millionen Euro. Und noch einen Schritt weiter geht inzwischen außerhalb des Sparkassen-Reiches die Wertpapierhandelsbank Flatex, die seit dem 15. März die Einlagen ihrer 180  000 Kunden mit einem Negativzins von 0,4 Prozent belastet - vollkommen unabhängig davon, wie hoch die Einlagen sind. Flatex ist damit das erste Finanzdienstleistungsinstitut, das einen Negativzins ab dem ersten Euro von seinen Kunden verlangt.

Zumindest in Teilen freuen dürfen sich derweil viele schuldengeplagten Städte und Kommunen im Norden sowie die Finanzbehörden über die Zinspolitik der EZB. „Natürlich hat sich die Zinslast deutlich reduziert”, sagt Daniel Stricker, Sprecher der Hamburger Finanzbehörde. Auf rund 600 Millionen Euro beläuft sich die Zinslast von Altbeständen bei Krediten. Vor einigen Jahren lag diese Zahl noch bei über einer Milliarde.

Ähnlich kann auch Schleswig-Holsteins Finanzministerin Monika Heinold über eine sinkende Zinslast berichten. Und mehr noch: Investoren zahlten dem Land zuletzt sogar Geld, wenn es Kredite aufnimmt und neue Schulden macht. So erhielt das Land von Geldgebern im Juli 302 Millionen Euro. Zurückzahlen muss Kiel im kommenden Jahr jedoch lediglich noch 300 Millionen Euro.

Von ähnlichen Fällen können auch Hamburg und die Stadt Lübeck berichten. So bestätigt ein Sprecher der Thomas-Mann-Stadt auf Anfrage, dass in der Vergangenheit durchaus kurzfristige Kredite mit Negativ-Zinsen aufgenommen worden seien. Konkret handelte es sich um Tagesgeldaufnahmen, bei denen die Stadt Negativzinsen von bis zu -0,05 Prozent vereinbaren konnte. Statt also selbst Zinsen zahlen zu müssen, gab es auch hier noch Geld oben drauf. Auch ansonsten zeigt sich beim Blick auf die Schuldenlast der Stadt, wie die EZB-Politik ihre Wirkung entfaltet. Gut fünf Prozent des aufgenommenen Kassenkreditvolumens kommen nach Angaben der Stadt derzeit ganz ohne Zinsen daher. Im Februar dieses Jahres konnte die erstmals einen mittelfristigen zweijährigen Kassenkredit zum Zinssatz von null Prozent aufnehmen.

Allerdings erleben Land und Kommunen auch die Kehrseite der Medaille – denn wo Schulden belohnt werden, wird das Sparen und das Vorhalten von Barreserven bestraft. So muss allein das Land Schleswig-Holstein nach Angaben des Finanzministeriums in Kiel in diesem Jahr Negativzinsen in Höhe von 230  476 Euro für Guthaben zahlen.

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